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Vor 90 Jahren schuf Carl Karstädt in Güldendorf einen eindrucksvollen Naturgarten.

Frankfurts Märkische Schweiz

Kümmern sich um die Pflege des Naturgartens: Eckhard Balzer (v.l.), Siegbert Griebel, Rüdiger Drassdo und Hans-Ulrich Babe
Kümmern sich um die Pflege des Naturgartens: Eckhard Balzer (v.l.), Siegbert Griebel, Rüdiger Drassdo und Hans-Ulrich Babe © Foto: MOZ
Thomas Gutke / 30.08.2016, 07:11 Uhr - Aktualisiert 30.08.2016, 15:28
Güldendorf (MOZ) Rund um Frankfurt gibt es viele Orte und Menschen, die selten im Fokus stehen oder deren Geschichten in Vergessenheit geraten sind. Die MOZ hat einige davon erkundet. Heute: der Märkische Naturgarten in Güldendorf.

Frankfurts kleine Schweiz liegt im Westen Güldendorfs. Den Weg in den Märkischen Naturgarten weist eine Holzskulptur an der Ecke Krumme Straße/Kämmereiweg. Prachtvolle Buchen, Eschen und Ahornbäume begleiten den Spaziergänger und tauchen das Gelände in ein dunkles Grün. Nur ab und zu blitzt ein Stück vom Blau des Himmels durch das dichte Dach aus Ästen, Efeu und Hölzern. Am östlichen Eingang, dem Fuß eines steilen Plateaus, ruht der malerische Maserpfuhl. Hier beginnt auch der Rundweg durch das hügelige Landschaftsschutzgebiet, das in einen eigentümlichen Dornröschenschlaf gefallen zu sein scheint.

Schlafes Bruder hätte der Parkanlage wohl auch schon längst ein Ende bereitet, gäbe es nicht Menschen wie Eckhard Balzer (69), Siegbert Griebel (67), Rüdiger Drassdo (74) und Hans-Ulrich Babe (65). Sie gehören zu den Hütern dieses Ortes. Zusammen mit weiteren Aktiven vom Güldendorfer Heimatverein wie etwa Horst Persicke kümmern sich die Senioren seit 2007 um die Pflege des Areals. Sie schneiden Äste, die von den Bäumen herunterzufallen drohen, mähen und halten die Wege frei. "Das machen wir alles ehrenamtlich, nehmen dafür auch unser eigenes Werkzeug und Benzin", erzählt Rüdiger Drassdo bei einem Rundgang. Von der Stadt bekämen sie dafür so gut wie keine Unterstützung. "Würden wir uns als Heimatverein nicht um den Park kümmern, würde es niemand machen", ist Balzer überzeugt.

Dabei ist der Naturgarten nicht nur ein wertvolles Naherholungsgebiet, sondern auch ein Stück Heimatgeschichte. Der Volksbund Naturschutz regte Anfang der 1920er-Jahre die Gründung eines Naturgartens nahe Frankfurt an. Er sollte einen naturnahen Querschnitt der märkischen Flora und Fauna abbilden. Der Magistrat der Stadt ließ sich von der Idee überzeugen und stellte Flächen um den Faulen See bei Tzschetzschnow, wie Güldendorf früher hieß, sowie das Gebiet der ehemaligen Kiesgruben des Gutes Tzschetzschnow zur Verfügung. Carl Karstädt, Gartenmeister aus Güldendorf, plante die Grünanlage, die dann vor 90 Jahren, am 2. Mai 1926, mit einem Baumpflanztag offiziell eröffnet wurde. In einem vom Heimatverein verfassten Abriss der Parkgeschichte heißt es dazu: "Für die Pflege der gepflanzten Bäume hatte sich Hauptlehrer Otto Bergen mit seinen Schülern bereit erklärt. Den Kindern sollte so der Naturschutzgedanke eingeprägt, Naturkenntnis und Heimatliebe vermittelt werden. Beim Gründungsfest des Gartens waren viele Frankfurter gekommen. Kinder pflanzten Bäume ein, Feuerwehrleute halfen ihnen."

Auch in den folgenden Jahren sei es vor allem Carl Karstädt gewesen, der sich - als ausgewiesener Fachmann der Flora rund um Frankfurt - um den Naturgarten verdient gemacht habe. Beständig legte er neue Wege und Anpflanzungen an, die teilweise noch erhalten sind, darunter Arznei- und Gewürzpflanzen.

Einen wesentlichen Einschnitt - im wahren Sinne des Wortes - erfuhr der Botanische Naturgarten 1938. Denn durch den Bau der Straße zwischen Eisenhüttenstadt und Frankfurt wurde die damals noch weitaus größere Anlage zerschnitten. Übrig blieb letztlich der bis heute erhalten gebliebene Teil östlich der B112 zwischen Fruchtstraße und Kämmereiweg. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges und danach setzten Holzeinschlag und eine zunehmende Verwilderung dem Areal zu. Noch bis Anfang der 1970er-Jahre nutzte die im ehemaligen Gutshaus untergebrachte Schule (dort befindet sich heute die Kita) den Park, der 1953 von der DDR zum Landschaftsschutzgebiet erklärt worden war. Allerdings waren die Wege schon damals kaum noch passierbar. Ab 1973 beanspruchte die Staatssicherheit dann das Gutshaus für sich. "Um die Grünanlage gekümmert haben die sich aber natürlich nicht. Das wuchs alles weiter zu", erinnert sich Eckhard Balzer.

Erst nach der Wende blühte der Park wieder auf - dank Förster Michael Kuhnert und einiger ABM-Kräfte. Sie schnitten im Auftrag der Treuhand Wege frei, bauten Geländer, Bänke und einen Spielplatz auf und richteten einen Naturlehrpfand ein. Die Tafeln zu heimischen Nadelbäumen und Sträuchern, zu Libellen, Schmetterlingen und Insektenarten informieren den Besucher auch heute noch über den Artenreichtum, auch wenn die Abbildungen mittlerweile arg vergilbt sind.

Kurz nach der Jahrtausendwende erhielt die Stadt das Gelände zurück. Um die Pflege aber kümmert sich seit neun Jahren vor allem der Heimatverein. Zwar gebe es eine gute Zusammenarbeit mit dem Förster, sagt Eckhard Balzer. Trotzdem würden sie sich von der Stadt mehr Initiative bei der Pflege des botanischen Denkmals wünschen - bevor es wieder verwildert. "Schließlich wird der Park von vielen Wanderern, Spaziergängern oder auch Radfahrer genutzt."

Nicht zuletzt ist der Märkische Naturgarten für viele Alteingesessene mit Erinnerungen verbunden. In einigen exponierten Bäumen haben sich etwa Liebespaare in der Rinde verewigt. Einzelne Einkerbungen datieren noch aus den 1970er-Jahren. Auf dem Scheitelpunkt einer Anhöhe zeigt Eckhard Balzer außerdem auf zwei Hügel und den mit Efeu bewachsenen Hang in der Mitte. "Da sind wir als Kinder früher immer mit dem Schlitten rauf und runtergerodelt" - fast so wie in einem Wintersportgebiet in der Schweiz. Und das direkt vor der Frankfurter Haustür.

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