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Ein Kaiser kommt selten allein

Ein Zwilling kommt selten allein: Auf Anita (links) und Monika Kaiser trifft das eindeutig zu. Sie teilen Tisch und Hausarbeit, verreisen zusammen, besuchen dieselbe Sportgruppe. Gemeinsam mit ein paar anderen Damen halten die Kaiser-Zwillinge außerdem di
Ein Zwilling kommt selten allein: Auf Anita (links) und Monika Kaiser trifft das eindeutig zu. Sie teilen Tisch und Hausarbeit, verreisen zusammen, besuchen dieselbe Sportgruppe. Gemeinsam mit ein paar anderen Damen halten die Kaiser-Zwillinge außerdem di © Foto: MOZ
Mandy Timm / 15.09.2016, 06:50 Uhr
Kerstenbruch (MOZ) Geplant war das nicht, dass Anita und Monika Kaiser ihr Leben zusammen verbringen. So kam es aber. Die Zwillinge werden nächstes Jahr 70 und wohnen nicht nur unter einem Dach. Man sieht sie auch sonst nur zusammen. Falls mal nicht, wirft das gleich Fragen auf.

Ihr Leben begann mit einer Nottaufe. Sie wurde einen Tag nach der Geburt vollzogen, am 10. August 1947 in Hermannsburg, knapp eine Autostunde von Hamburg entfernt. Anita und Monika Kaiser waren so winzig, dass ihnen kaum jemand zutraute, richtig gewappnet zu sein fürs Leben. Mädchen aber wird nachgesagt, dass sie zäh sind und tapfer und so schafften es auch die Zwillinge. Nächstes Jahr werden sie 70 Jahre alt.

Die Kaiser-Zwillinge leben schon lange nicht mehr in der Lüneburger Heide. Ein Jahr nach ihrer Geburt zogen sie ins Oderbruch. Aus Kerstenbruch kam die Mutter. Dort leben Anita und Monika Kaiser noch heute. Zusammen mit dem Vater. Es gibt noch eine Schwester, Sabine, sie lebt drei Häuser weiter. Dass die Zwillinge einmal ihr gesamtes Leben zusammen verbringen werden, gerechnet haben sie nicht damit. "Es war nicht geplant", sagt Monika Kaiser. "Hat sich gefügt und ist auch gut so."

In ihrem Haus mit der Nummer neun war früher immer Betrieb. Jeder im Dorf kannte das Haus. Weil es neben dem Bürgermeister nur hier ein Telefon gab. Kaisers Vater führte die Post. So hatten es schon seine Schwiegereltern gehabt. Vater Kaiser trug Briefe aus und Telegramme. Die Mutter verrichtete den Innendienst, erinnert sich Tochter Anita. Sie und ihre Schwester gingen zusammen in denselben Kindergarten, dieselbe Schule. Nach der 10. Klasse hätten sich ihre Wege beinahe getrennt. Anita Kaiser wäre gern Pferdewirtin geworden, am liebsten auf einem Gestüt. Sie wurde aber abgelehnt. Zur gleichen Zeit, 1964, eröffnete in Bad Freienwalde eine Klasse für "Lehrausbildung mit Abitur", Meliorationbau lautete die Ausbildung. Anita und Monika Kaiser gehören zu den ersten Absolventen. Sie sind überhaupt die ersten Frauen, die plötzlich in einem männerdominierten Beruf beschäftigt waren. Nach der Ausbildung studierten beide Melioration an einer Fachhochschule in Fürstenwalde und arbeiteten danach zusammen im selben Betrieb in Bad Freienwalde. Sie projektierten Gräben, Rohrleitungen, Durchlässe, Schöpfwerke für das Oderbruch.

Das war auch die Zeit, Ende der 1960-er, Anfang der 1970-er Jahre, die die Weichen stellte für ihr weiteres Leben. "In der DDR war man quasi gezwungen, zusammen zu leben", sagt Monika Kaiser, "sonst hätten wir keine Wohnung bekommen." Anfangs lebten sie in Bad Freienwalde in einem einfachen Zimmerchen, bis sie weiterzogen, immerhin in zwei blanke Zimmer. Ein Klo hatte die Wohnung nur immer noch nicht. Letztlich half die Kreisabteilung für Landwirtschaft und vermittelte eine Wohnung in einem nigelnagelneuen Block, dem letzten, der in der Kurstadt zu DDR-Zeiten gebaut worden ist. Bis 1998 lebten sie dort. Dann ging es nicht mehr mit der Mutter, die zuhause in Kerstenbruch zum Pflegefall geworden war. Die Zwillinge waren ständig am Pendeln, führten zwei Haushalte. "Manchmal wusste ich morgens nicht", erinnert sich Monika Kaiser, "wo ich aufgewacht bin: Freienwalde oder Kerstenbruch." Ein Schlussstrich und Neuanfang mussten her. Beide Frauen zogen um ins Heimatdorf.

Bis heute leben sie dort. Beruflich trennten sich ihre Wege doch noch - ein wenig. Anita Kaiser wechselte zur Meliorations-Genossenschaft Altranft, nach der politischen Wende war sie beim Landkreis bei der Unteren Wasserbehörde angestellt. Zusammen engagieren sich beide im Geschichts- und Heimatverein Neulewin, der durchaus Nachwuchs gebrauchen könnte. Neun Mitglieder zählt er nur noch, erzählen die Frauen. Die Älteste ist 93. Dass die Heimatstube geschlossen wird, das wollen Kaisers und die anderen Frauen auf keinen Fall. Deshalb teilen sie sich die Wochenenden auf und halten das kleine Häuschen für Besucher und Anfragen offen.

Kaisers treten immer zusammen auf, auch in der selben Seniorensportgruppe machen sie mit. "Wenn mal nur eine von uns unterwegs ist, fällt das gleich auf", sagt Monika Kaiser. "Wo ist denn deine andere Hälfte", heißt es dann. Auch wenn sie viel verbindet, legen beide Wert darauf, unterschiedlich zu sein. "Wir sind schließlich keine eineiigen Zwillinge", hebt Zwilling Anita hervor. Bei den Hobbys zum Beispiel gibt es durchaus Unterschiede: Anita Kaiser weiß so ziemlich alles über Renn- und Zuchtpferde. Monika häkelt und stickt am liebsten und führt die Chronik im Dorf. Und sie verreist für ihr Leben gern. Ihre Schwester bleibt lieber zuhause. "Da kann ich mich auch wunderbar erholen", sagt sie.

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