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Ohnmacht vor den Riesen-Mühlen

Frank Grünschloß hat an seinem Küchentisch die Karten für die neuen Windräder von Welsow studiert. Er macht sich Sorgen um neueste Untersuchungen zum Infra-Schall.
Frank Grünschloß hat an seinem Küchentisch die Karten für die neuen Windräder von Welsow studiert. Er macht sich Sorgen um neueste Untersuchungen zum Infra-Schall. © Foto: MOZ/Oliver Schwers
Oliver Schwers / 25.09.2016, 08:00 Uhr
Bruchhagen/Welsow (MOZ) Die Schlacht um neue Windfelder tobt. Gegner und Befürworter hauen sich die Argumente um die Ohren. Doch die leisen Töne kommen dabei zu kurz. Es gibt viele Menschen, die haben regelrechte Angst vor riesigen Industriemaschinen. Sie fürchten um ihre Gesundheit.

Der alte Erlenkrug liegt mitten in der Pampa - so sagt der Volksmund. Zwar ist das Lokal längst keine Tanzkneipe mehr, doch haben es ältere Uckermärker noch gut in Erinnerung. Das urgemütlich sanierte Grundstück befindet sich mitten zwischen den Orten Bruchhagen und Welsow, direkt am stillgelegten gleichnamigen Bahnhof. Fledermäuse schweifen hier in der Abenddämmerung zu Hunderten aus. Sie nisten hinter der Holzverkleidung. Rehe stehen mitten auf der Straße. Direkt am Haus fließt die Welse vorbei. Das lauteste Geräusch verursachen die Züge auf der Stettiner Bahnlinie und die Vögel in den Bäumen. Vorbeifahrende Autos lassen sich an zwei Händen abzählen. "Wir haben uns hier in 35 Jahren ein Paradies aufgebaut", sagt Frank Grünschloß und meint sich und seine Frau. "Doch wenn die drüben in Welsow die neuen 200 Meter hohen Windräder aufstellen, dann kann man hier zumachen und nur noch wegziehen."

Frank Grünschloß ist ein Mann der Tat, er kann zupacken. Ein Praktiker. Keiner, der in absoluter Einsiedelei den Lebensabend verbringen will und den das Hundegebell des Nachbarn stört. Lange Zeit hat er im Biosphärenreservat gearbeitet. Er denkt grün. Und er ist ein Vertreter der Windenergie. "Fukushima war das Schlüsselerlebnis", sagt er. "Es geht nicht ohne erneuerbare Energien."

Jetzt hat er Angst. Vor der Gleichgültigkeit. Vor modernen Krankheiten, die die Stromgiganten mit sich bringen. Vor der Ignoranz gegen Warnungen von Medizinern und amtlichen Gutachten. Vor dem Gelddenken der neuen Stromerzeuger. "Ham set nich een bisschen kleener?", fragt sich der gebürtige Berliner.

Er meint es ernst. "Je höher, desto größer die Gefahr. In vielen Ländern wird dazu geforscht. Es gibt einen signifikanten Anstieg von Krankheiten."

Der Infra-Schall, das nächtliche Disko-Blinken, der weite Schattenschlag - all das nervt viele Menschen nach so langer Zeit, nachdem die ersten Windmühlen in der Uckermark eingezogen sind. "Angst essen Seele auf", zitiert Grünschloß in Anlehnung an ein Melodram von Rainer Werner Fassbinder. Er weiß, dass die Diskussion um gesundheitliche Folgen auch von psychischen Belastungen getragen ist.

Und dazu gehört die Ohnmacht. In der jahrelangen Diskussion um den neuen Windplan der Uckermark wurde gefochten um Abstände, Vogelarten, Biotope und Natur. "Doch der Mensch zählt am wenigsten", ist seine Erfahrung. Auf seine Eingaben an die Planungsstelle hat er bis heute keine Antwort erhalten. Gerade spürt er, wie zäh das Dorf Welsow und die Stadt Angermünde mit den Windbauern über eine Höhenbegrenzung der neuen Windräder diskutieren. Doch die ausgelegten Planungsunterlagen kann der Laie nicht einmal ansatzweise verstehen. Jahrelang hat er im guten Glauben gelebt, dass das Rathaus mit einem Bebauungsplan die Höhen der Stromspargel selbst festlegt und begrenzt. Doch scheint dies nun in Frage zu stehen. Grünschloß spürt die fehlende Mitbestimmung der Kommunen und vor allem die Ohnmacht des betroffenen Bürgers. Er will sich keiner Bürgerinitiative anschließen, denn er ist kein Windkraftgegner. "Was habe ich also getan?", erzählt er. "Ich bin würdelos durch die Wälder gezogen und habe den Horst eines Schwarzstorchs gesucht. Der steht ja immer hier auf der Wiese, also muss das Nest ja irgendwo sein. Wenn schon der Mensch nichts zählt, dann eben der Vogel. Ich liebe die Tiere, aber ebenso meine Heimat. Dazu gehört das Landschaftsbild."

Frank Grünschloß hat den Horst nicht gefunden. Und eigentlich wollte er ihn auch nicht mehr finden. "Es muss doch möglich sein, dass wir alle verantwortungsvoll miteinander umgehen", sagt er nachdenklich und zieht an seiner Pfeife. Die beruhigt. Denn innerlich wühlt ihn die Sache so auf, dass es schon jetzt seiner Gesundheit schadet. "Wir leben in einer Gesellschaft, in der nicht einmal die Studie eines Bundesumweltamtes über die Folgen von Infra-Schall zur Kenntnis genommen wird." Er hat die Informationen an die Kommune weitergegeben. Doch hegt er kaum Hoffnung, damit etwas bewirken zu können. "Mir liegen auch die Nachbarn am Herzen, die sich Sorgen machen, oder auch die Leute, die aufgegeben haben zu kämpfen, weil sie keinen Sinn sehen, die sich nicht artikulieren und dann eben ihr Haus verkaufen." Doch der Wert der Grundstücke sinkt, wenn die Windmühlen heranrücken. Auch das ist ein Problem, das keine Planung berücksichtigt.

Der Bewohner des alten Erlenkrugs will seinen Alterssitz nicht freiwillig räumen. Er hofft auf eine einvernehmliche Lösung zwischen der Stadt und den Investoren. Vielleicht gewöhnt er sich auch an die Windräder."Aber die Angst kann ich nicht ausblenden."

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