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Bauern gingen "Pakt mit dem Teufel" ein

Polit-Talk: Dr. Kirsten Tackmann, Moderatorin Bettina Fortunato und der Präsident des Landesbauernverbandes Henrik Wendorff (v.l.) beim Polit-Frühschoppen des Stadtverbandes der Linken
Polit-Talk: Dr. Kirsten Tackmann, Moderatorin Bettina Fortunato und der Präsident des Landesbauernverbandes Henrik Wendorff (v.l.) beim Polit-Frühschoppen des Stadtverbandes der Linken © Foto: Ines Weber-Rath
Ines Weber-Rath / 18.10.2016, 06:27 Uhr
Diedersdorf (MOZ) Der Gesetzgeber sollte aktiv werden und Spekulationen mit dem gesellschaftlichen Grundgut Boden unterbinden. Diese Forderung ging von der Diskussionsrunde zur Situation in der Landwirtschaft aus, zu der der Stadtverband Seelow der Partei Die Linke eingeladen hatte.

Lange Zeit hätten die Vertreter der Bundesregierung ihr auf ihre Anfragen hin unterstellt, sie würde die Marktwirtschaft einfach nicht verstehen. "Aber allmählich sieht auch die Regierung ein, dass die Agrar-Holdings ein Problem sind. Trotzdem tut sie nichts dagegen." Das erklärte Dr. Kirsten Tackmann beim Polit-Frühschoppen im Waldhotel.

Die Tierärztin aus der Ostprignitz sitzt für Die Linke im Bundestag, ist die agrarpolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Sie war mit dem Präsidenten des Landesbauernverbandes, Henrik Wendorff, in dieser Sache einer Meinung: Die zunehmende Konzentration landwirtschaftlicher Flächen in den Händen großer Kapitalgesellschaften müsse gestoppt werden, sagen beide.

Während Tackmann das Beispiel der niedersächsischen Lindhorst-Gruppe anführte, die bereits 44 landwirtschaftliche Betriebe in Ostdeutschland - darunter in Märkisch-Oderland - aufgekauft habe, verwies Henrik Wendorff auf die KTG. Der sei es nur darum gegangen, "dass landwirtschaftlicher Grund und Boden höhere Renditen bringt als klassische Anlagen", so der Lietzener.

Leider hätten manche Bauern, vor allem aus "angeschlagenen Betrieben", in der Hoffnung, ihre Probleme durch frisches Kapital lösen zu können, einen "Pakt mit dem Teufel" geschlossen, sagte Wendorff. Nun ist der Agrarkonzern pleite. Für ihn sei das ein Signal, dass "dieses Modell keine Lösung ist", erklärte der Präsident des Landesbauernverbandes in der Gesprächsrunde.

An die Landeigentümer aus der Region, die zahlreich an die KTG verpachtet hätten, weil diese höhere Pachtzinsen geboten habe, richtete Wendorff die Bitte, künftig genau hinzuschauen, wem sie ihre Flächen geben.

Entscheidend sei die Ortsansässigkeit der landwirtschaftlichen Bewirtschafter, waren sich Tackmann und Wendorff mit Gastgeberin und Moderatorin Bettina Fortunato (MdL, Linke) einig. Die beiden Linke-Abgeordneten mussten sich dazu indes eine Kritik aus dem Publikum gefallen lassen. Ausgerechnet Brandenburg, in dem die Linken mit regieren, habe nicht an der Studie zur Ortsansässigkeit von Landwirten in den einzelnen Bundesländern teilgenommen, sagte ein Gast aus Gorgast.

Einen von den Teilnehmern der Runde mit großem Interesse aufgenommenen Bericht aus der Praxis steuerte Landwirt Andreas Schmidt-Frielinghaus bei: Zwei Jahre lang habe sein Betrieb mit 35 Mitarbeitern Milch produziert, ohne daraus ein Einkommen zu erzielen, erklärte der Neubarnimer. Jetzt, da der Milchpreis steige, müsse er die Produktion erhöhen, um den Verlust wenigstens etwas wett zu machen. Schmidt-Frielinghaus verteidigte auch seinen Einsatz von Glyphosat. "Sonst hätte ich in diesem Jahr nichts geerntet. Aber das war für unseren Betrieb überlebenswichtig", sagte der Neubarnimer. Er müsse auch Mais für Biogasanlagen liefern, "weil das einfach mehr bringt" als Körnermais. Andreas Schmidt-Frielinghaus beklagte, wie zuvor schon Henrik Wendorff, dass es "zu wenig Rückhalt für die Bauern in der Region" gebe. Nur eine Verpächterin habe ihm in der Milchkrise geholfen, als sie sagte: "Du brauchst nur die halbe Pacht zahlen, euch geht's ja sehr schlecht."

Viel schneller würden sich Anwohner beklagen, dass zu viele Landwirtschaftsfahrzeuge durchs Dorf fahren und die Straßen verschmutzen", bedauerte Henrik Wendorff. Bei den Rasern handele es sich oft um Beschäftigte von Lohnunternehmen, die keine Bindung an die jeweilige Dorfbevölkerung haben, erklärte er.

Derzeit sehe man "knallhart, wer in der Wirtschaft das Sagen hat", sagte der Präsident des Landesbauernverbandes: Die von der Politik erwirkte Drosselung der Milchproduktion habe endlich wieder zum Anstieg der Milchpreise geführt. Und schon würde der Einzelhandel Panik schüren, es könne bald keinen Joghurt mehr geben, so Wendorff.

Das Gespräch drehte sich zudem um regionale Produkte und Etikettenschwindel, um die Befahrbarkeit von Ortsumgehungen mit Landtechnik, um nachhaltiges Wirtschaften und mehr.

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