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Hoffnung in blau und weiß

Mit höchster Konzentration: Hashmat Hashmatullah und Eva Schober teilen sich seit kurzem ein Keramikmaler-Atelier.
Mit höchster Konzentration: Hashmat Hashmatullah und Eva Schober teilen sich seit kurzem ein Keramikmaler-Atelier. © Foto: MZV
Robby Kupfer / 21.10.2016, 07:00 Uhr
Marwitz (OGA) Die Narbe an seinem rechten Arm ist noch deutlich zu sehen. Sie stammt aus einer Zeit, als Hashmat Hashmatulla mit seinem Leben eigentlich schon abgeschlossen hatte. Dass der heute 30-jährige Afghane diese Woche nicht nur einen neuen Beruf, sondern damit auch ein neues Leben anfängt, kommt ihm selbst wie ein Wunder vor.

Ein gutes Stück mitgewirkt an diesem Wunder hat Marcel Begoihn. Der Geschäftsführer der HB-Werkstätten für Keramik in Marwitz sucht schon seit geraumer Zeit händeringend Nachwuchs für sein erfahrenes Team an Keramikmalern. Mit so gut wie keinem Erfolg. "Was einem heutzutage so an Bewerbungen für einen Lehrplatz ins Haus flattert, spottet oft jeder Beschreibung", fasst er drastisch zusammen. Auch vom Arbeitsamt geschickte Kandidaten kämen oft gar nicht oder seien nach einem Tag Probearbeit wieder verschwunden.

"Also dachte ich, hier wird doch immer so viel von Integration geredet, warum nicht einen Flüchtling einstellen". Er fragte einen aus Afghanistan stammenden und seit Jahren in Hennigsdorf lebenden Bekannten, ob er ihm nicht an Arbeit interessierte Landsleute aus dem Flüchtlingsheim in Stolpe-Süd schicken könne. Von den fünf Männern, die sich dann tatsächlich in Marwitz meldeten, war Hashmat Hashmatullah "der mit Abstand Begabteste und vor allem Hartnäckigste", so der Geschäftsführer. "Er kam vier Mal wieder und fragte, wann er denn endlich bei uns arbeiten könne". Nicht einkalkuliert hatte Begoihn allerdings, dass der Umsetzung seiner Integrations-Idee ein mehrwöchiger bürokratischer Hürdenlauf durch diverse Behörden und Institutionen vorausgehen würde. "Ich kenne jetzt jede Menge Sachbearbeiter beim Welcome Integration Centre der IHK, bei der Ausländerbehörde und beim Jobcenter", fasst er mit einem gequälten Lächeln zusammen.

Doch letztlich zahlte sich sowohl seine als auch Hashmat Hashmatullahs Hartnäckigkeit aus. Seit Anfang dieser Woche absolviert der 30-Jährige ein Praktikum in den Marwitzer HB-Werkstätten, eine Festanstellung steht in Aussicht. Eines der kleinen, lichtdurchfluteten Ateliers der Keramikmaler teilt er sich mit Eva Schober, die seit 22 Jahren bei HB die Bollhagenschen Dekore auf Tassen, Teller und Kannen bringt. "Der Hashmut hat definitiv Talent. Das habe ich nach wenigen Minuten gesehen", lobt sie ihren neuen Kollegen. Außerdem sei er ein freundlicher und sehr höflicher Mensch.

Der so Beschriebene quittiert das Lob mit einem leisen Lächeln. Auch die Fragen nach seiner Herkunft und seiner Flucht beantwortet er - in gutem Deutsch und perfektem Englisch - leise, fast schüchtern. Als Chemie-Ingenieur war Hashmatullah, der aus einem Dorf nahe Kabul stammt, von Taliban entführt worden. Als er sich weigerte, an der Sprengstoff-Produktion mitzuwirken, sei er wochenlang in einem dunklen Keller gefangen gehalten und gefoltert worden. "Ich habe es irgendwann nicht mehr ausgehalten", erzählt er und zeigt auf die Narbe an seinem Unterarm. Nach einem Selbstmordversuch hätten die Taliban ihn einfach auf einem Feld nahe seines Dorfes "weggeworfen". Monate später, nachdem er zuhause zu Kräften gekommen war, habe ihn sein Vater außer Landes geschickt. Über den Iran und die Türkei, Griechenland, Italien und Frankreich kam er schließlich nach Deutschland.

Seit Mai 2015 lebt er in Stolpe-Süd. Aber im Flüchtlingsheim sei ihm nach wenigen Wochen die Decke auf den Kopf gefallen. "Immer nur kochen, essen, schlafen, das macht krank", so der Ingenieur. Da er zunächst wegen des laufenden Asylverfahrens keinen Deutschkurs bekam, kümmerte er sich selbst um einen solchen, in Berlin. Inzwischen hat er bereits die Sprachkenntnis-Prüfung B1 absolviert. "Und hier auf Arbeit lerne ich jeden Tag so viel Neues, das macht richtig viel Spaß", wagt er einen für seine Verhältnisse schon fast euphorischen Ausbruch. "Vielleicht kann ich ja wirklich ein neues Leben anfangen, Geld verdienen, in Deutschland bleiben", hofft Hashmat Hashmatullah, der momentan lediglich einen geduldeten Aufenthaltsstatus mit einem dreijährigen Abschiebestopp besitzt.

Dann greift er wieder zum Pinsel, tunkt ihn in die blaue Farbe und widmet sich mit höchster Konzentration der Bemalung einer weiteren Tasse mit Hedwig Bollhagens legendärem Dekor "137 Blau-Weiß".

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