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Wenn's nicht hinhaut, wird getüftelt

Immer im Einsatz: Gerhard Miethe mit der fahrbaren Handdruckspritze, die er für Kinder gebaut hat und die bei jedem Fest in Ahrensdorf im Einsatz ist.
Immer im Einsatz: Gerhard Miethe mit der fahrbaren Handdruckspritze, die er für Kinder gebaut hat und die bei jedem Fest in Ahrensdorf im Einsatz ist. © Foto: Elke Lang
Elke Lang / 23.10.2016, 19:22 Uhr
Ahrensdorf (MOZ) Ein Land, eine Stadt und selbst ein Dorf wären nichts ohne Menschen. Manche bekleiden öffentliche Ämter und sind es gewohnt, im Rampenlicht zu stehen. Andere haben es noch nie in die Schlagzeilen geschafft und sind dennoch wichtig und interessant. Und alle haben etwas zu erzählen. Das Oder-Spree Journal stellt in einer Serie Gesichter aus Oder-Spree vor. Heute: Gerhard Mieth aus Ahrensdorf.

Jeder in Ahrensdorf weiß: Außer zum Mittagessen ist Gerhard Miethe nicht im Wohnhaus anzutreffen, solange es draußen hell ist. Der gelernte Schmied ist den ganzen Tag beschäftigt, sei es in seiner Werkstatt, auf seinem großen Hof oder im Ort. Das hält den drahtigen Handwerker jung. Noch bis zum Frühjahr dieses Jahres hatte der fast 80-Jährige - am 5. November feiert er Geburtstag - stundenweise in einer Kleinmotorenwerkstatt in Wendisch-Rietz ausgeholfen.

Geboren wurde Gerhard Miethe im Nachbarort Behrensdorf. Der Vater Georg musste in den Krieg, und so lebte der Sohn bis 1945 bei seiner Tante Marie Kasparich in Lindenberg auf dem Observatoriumsgelände, wo Onkel Paul gearbeitet hat.

Eingeschult wurde Gerhard Miethe in Herzberg. Als das Observatorium im Krieg evakuiert wurde, blieb er hier bei seiner Mutter Hertha, die auf dem Gehöft ihres Schwiegervaters, Opa Reinhold, lebte, der sowohl die kleine Schmiede gegenüber seines Anwesens als auch Landwirtschaft betrieb. Die Familie wurde nicht von Schicksalsschlägen verschont, denn "Opa war bis 1945 bei uns, dann ist er verschollen ...", erzählt Gerhard Miethe.

Aber der Vater kam 1949 aus der Kriegsgefangenschaft in Russland zurück. Auch er war Schmied, hat seinen Meister gemacht, und Sohn Gerhard wurde sein Lehrling. "Ich musste schon vorher viel mit dem Hammer klopfen, hatte Interesse an dem Beruf", war er zufrieden. Der Schmied und der Stellmacher waren zu jener Zeit die wichtigsten Handwerker in dem Dorf. Gerhard Miethe denkt zurück: "Es gab reichlich zu arbeiten, denn an den kleinen landwirtschaftlichen Geräten waren viele Teile in Handarbeit anzufertigen. Wir haben aus Panzerplatten Pflugschare gebaut, und mit dem Stellmacher haben wir Hand in Hand die Pferdefuhrwerke repariert, ohne die nichts ging. Trecker gab es damals noch nicht."

Mit der Kollektivierung wurden MTS (Maschinen- und Traktorenstation) eingerichtet, und die Schmiede stellte ihre Arbeit ein. Rückblickend findet Gerhard Miethe das Einrichten von LPGen gut, "aber nicht die Mittel, die angewendet wurden, um das zu erreichen".

Gerhard Miethe kann eine Menge davon erzählen, etwa von Haussuchungen und dem Ausschluss der noch selbstständigen Bauern von den Dienstleistungen durch die MTS. Da huscht ein verschmitztes Lächeln über sein Gesicht: "Sie haben eben ihre Sensen rausgeholt und waren ruckzuck fertig."

In der väterlichen Schmiede konnte Gerhard Miethe so nur kurz Zeit arbeiten. Für ein Jahr musste er täglich mit dem Fahrrad in die MTS nach Philadelphia fahren und dort auf Schlosser umsatteln. Das fiel ihm nicht schwer, denn "wenn ich was auseinander schraube, weiß ich auch, wie es wieder zusammengeht", ist seine Logik. Aber er sagt auch: "Meine Schmiedeausbildung hat mir nicht geschadet." Besonders, als er danach in der Werkstatt mit Fuhrpark in der Forstwirtschaft in Wendisch-Rietz Arbeit fand, "gingen Schlosser- und Schmiedearbeiten Hand in Hand". Es blieb nicht aus, dass er es auch mit der Reparatur von Motoren zu tun bekam, und er bildete sich weiter, indem er den Hydronik-Pass erwarb und einen Lehrgang zum Hebezeugwärter absolvierte.

Mit der Arbeit in der Werkstatt war alles in Ordnung, bis zu "ein paar Tagen nach dem Geldumtausch", berichtet er. Zwölf Leute wurden entlassen, er blieb mit noch einem Mitarbeiter, bis es 1995 das endgültige Aus kam und Gerhard Miethe trotz Knieproblemen die harte Tätigkeit als Forstarbeiter verrichten musste. So traf er die schwere Entscheidung, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen. "Aber ich bereue sie nicht."

Auch privat hat er nichts zu bereuen. Mit Ehefrau Agathe, eine echte Ahrensdorferin, ist er nun 49 Jahre verheiratet. Die Töchter Petra und Grit wurden geboren, und zwei Enkeltöchter im Alter von 16 und 22 Jahren haben sich auch eingestellt. In die Freiwillige Feuerwehr ist er bereits 1954 mit 18 Jahren eingetreten. "Wenn die Feuerwehr die Spritze rausgeholt hat, da musste man als Kind hin, das war etwas Besonderes, schon, wenn ein Motor angemacht wurde", schildert er seine Begeisterung, die immer noch anhält. Seinen ersten Lehrgang absolvierte er 1957 in Freienwalde zum Maschinisten. Die Urkunde hat er sorgfältig aufbewahrt. 1960 schloss sich der Lehrgang zum Stellvertreter und zur Ausbildung und Schulung an und 1987 die Leiter-Ausbildung. Wehrführer in Ahrensdorf war er von 1998 bis 2008.

Gerhard Miethe darf in seinem Alter nicht mehr "mit rausfahren". Dafür hilft er bei allem, wo er gebraucht wird, sei es als Altersehrenmitglied der Freiwilligen Feuerwehr, als Mitglied des Fördervereins der Freiwilligen Feuerwehr oder bei der Organisation des Weihnachtsmarktes.

Das Besondere aber ist das, was er zum Nutzen aller in ehrenamtlicher Arbeit gebaut hat. Stolz sein kann er auf den Bau verschiedener Wagen, zum Beispiel Wagen für Verkauf und für Luftgewehrschießen, auf Wasserfüllrohre für Zielgeräte, auf den Umbau seines eigenen Trabis zu einem Dreiachser für vier Kameraden und FFW-Technik, auf eine Ökofeuerwehr, einen superlangen Grill, einen Schlauchwickler und Wärmetonnen für den Weihnachtsmarkt. Sein letztes größeres Prunkstück war eine fahrbare Handdruckspritze für Kinder, die bei jedem Fest im Einsatz ist. Seine Motivation kam immer, wenn ihm etwas aufgefallen ist: "Det haut nich hin, da muss man was anderes machen." Die Idee, was man machen könnte, reift oft über Jahre, bis er sich sagt: "Nu fängs'te an." Und immer kommt was Tolles dabei heraus.

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