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Geschichte zum Anfassen

Am Ort des Geschehens: Archäologe Jens Kilbilka (Mitte) zeigt den Mädchen und Jungen des CVJM sowie einigen Anwohnern die Grabungsstätte in Eichwerder. Bis der Frost einsetzt, können die Wissenschaftler dort noch arbeiten.
Am Ort des Geschehens: Archäologe Jens Kilbilka (Mitte) zeigt den Mädchen und Jungen des CVJM sowie einigen Anwohnern die Grabungsstätte in Eichwerder. Bis der Frost einsetzt, können die Wissenschaftler dort noch arbeiten. © Foto: MOZ/Katrin Hartmann
Katrin Hartmann / 27.10.2016, 07:18 Uhr
Eichwerder (MOZ) Mittlerweile haben die Archäologen in Eichwerder mehr als 500 Fundstücke unter dem alten Pflaster der Ortsdurchfahrt entdeckt. Ein Drittel der Strecke haben sie damit geschafft. Von ihrer Arbeit haben sich am Mittwoch auch die Kinder und Jugendlichen des CVJM überzeugt.

"Das sieht aus, wie ein Zahn", sagt Isabell, als sie die Pfeilspitze aus Feuerstein in der Hand hält. "Nicht ganz", entgegnet ihr Jens Kilbilka, Archäologe der Ausgrabungsstätte in Eichwerder. In der Hand hält das Mädchen eine der Beigaben, die die Wissenschaftler vor einigen Wochen in einem 5000 Jahre alten Kindergrab in Eichwerder gefunden haben. "Das Kind muss damals etwa so alt gewesen sein, wie ihr heute", erklärt Jens Kilbilka den vor ihm stehenen Mädchen und Jungen, die am Ferienprogramm des Christlichen Verein junger Menschen (CVJM) teilnehmen.

An diesem Mittwochnachmittag heißt es: Geschichte zum Anfassen. Eine Gelegenheit, die erst seit diesem Jahr im Oderbruch möglich ist. "Wann haben Sie mit den Grabungen begonnen?", will der elfjährige Toni wissen, der sich für Archäologie interessiert. "Im Juni haben wir angefangen", sagt Jens Kilbilka. "Ein Drittel der Strecke haben wir seitdem geschafft." "Also brauchen Sie insgesamt neun Monate?", hakt der Junge nach. "So einfach zu rechnen ist das leider nicht", sagt Jens Kilbilka. Denn in den vergangenen Wochen haben sich die Funde stark vermehrt. Auf mehr als 500 Stücke kommen die Wissenschaftler inzwischen. In den kommenden zwei Dritteln der Strecke erwartet die Mannschaft um Grabungsleiterin Blandine Wittkopp, die am Mittwoch nicht vor Ort war, noch mindestens genauso viele Fundstücke unter dem alten Kopfsteinpflaster, das bis dieses Jahr durchs Dorf führte.

Die Idee für das Ferienprogramm kam CVJM-Mitarbeiterin Saskia Fischer zum Tag der offenen Grabungsstätte, den die Archäologen Ende September veranstaltet und damit jede Menge Hobby-Historiker und Bürger aus der Region angelockt hatten. "Für uns Ältere ist es schon schwierig, 5000 Jahre zurückzudenken. Für Kinder ist es noch schwieriger. Die Grabungsstätte bietet deshalb einen schönen Einblick in die Geschichte", sagt die Betreuerin.

In der Tat. Neben den Pfeilspitzen reicht Jens Kilbilka noch eine 5000 Jahre alte Grabbeilage herum: eine alte Steinaxt, die als Waffe sowie auch als Werkzeug gedient haben soll, vermuten die Wissenschaftler. Mehrere Wochen, vielleicht sogar Monate, hätten die Menschen damals an dem Loch für den Griff gefeilt, erklärt der Archäologe. Vorstellen können sich das die Mädchen und Jungen nur schwer.

"Haben Sie auch Knochen gefunden?", will der achtjährige Mavin wissen. In einer kleinen Tüte holt Jens Kilbilka die Überreste des verstorbenen Kindes hervor. "Das ist das, was von dem kleinen Menschen übrig geblieben ist", erklärt er den Fund. Staunen in den Gesichtern. "Lagen die Knochen alle dicht beieinander?", will die elfjährige Julie aus Eichwerder wissen. Auf einer Karte zeigt Jens Kilbilka, wo und wie die Knochen verteilt waren. Ziemlich eng aneinander haben die Wissenschaftler unterschiedliche Stücke ausgegraben.

Zu den bereits gefundenen Öfen haben sich in den vergangenen Wochen noch drei weitere gesellt. Für die Herstellung welcher Materialien diese genutzt wurden, darüber können die Archäologen derzeit nur spekulieren. "Wir gehen davon aus, dass diese auch für die Produktion von Eisen, Bronze und Kalk genutzt wurden", sagt Jens Kilbilka. Unter den anderen Öfen befand sich eine Anlage zur Salzgewinnung - ein außergewöhnlicher Fund.

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