Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Familie auf Spurensuche in Mögelin

Simone Weber / 19.11.2016, 11:51 Uhr
Mögelin (MOZ) "Als Kind wollte ich schon immer meiner Mutter ein Denkmal setzen. Das brauche ich jetzt nicht mehr. Auch dank der Anstrengen der Mögeliner und des damaligen Ortsvorstehers Ralf Tebling", sagte Ernst Jäger, heute 81-Jähriger aus Wolfsburg. Als er zehn Jahre alt war, wurde seine Mutter Elly Jäger in den letzten Kriegstagen in Mögelin erschossen. "Lange war das genaue Schicksal meiner Mutter unbekannt. Sie galt als vermisst", erzählte der Sohn.

Elly Jäger wurde am 4. Mai 1900 in Dresden-Cotta geboren. Sie heiratete nach Tangermünde, wo ihre sechs Kinder geboren wurden. Schon Mitte der 1920er Jahre, aber auch unter den Nationalsozialisten, waren Ehemann Otto und Elly Jäger für einige Wochen inhaftiert. Zuletzt für ein viertel Jahr im Zuchthaus Brandenburg/Görden.

Grund waren die Teilnahme an einer verbotenen KPD-Versammlung und wegen Parteimitgliedschaft in KPD bzw. SPD. 1939 zog Familie Jäger wegen der Arbeit des Vaters im IG-Farben-Werk nach Premnitz. Am 27. April 1945 wurde Elly Jäger, die mit ihren sechs Kindern in einen Flüchtlingsstrom geriet, erschossen. Ihr Ehemann Otto starb bereits drei Monate zuvor.

Noch 1945 gingen die Kinder, damals zwischen 22 und sieben Jahre alt, zurück nach Tangermünde. Ernst Jäger flüchtete 1965 aus der DDR in den Westen, lebt noch heute in Wolfsburg. Ein Teil der Familie von Elly Jäger wohnt heute in Landsberg bei Halle/Saale und in Halle selbst. Auch in Premnitz und Tangermünde leben noch weitere Familienangehörige.

"1955 war ich erstmals wieder in Premnitz undIm Jahr 2005 kamen wir erstmals wieder hier her und versuchten das Schicksal meiner Mutter aufzuklären und stellten Nachforschungen an", so Ernst Jäger, fünftes Kind von Elly. "So traf ich auch mit dem Chronisten Jürgen Mai und damaligen Zeitzeugen zusammen. Später erfuhr ich auch davon, dass die Mögeliner für eine Gedenktafel dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallener Mögeliner Spenden sammeln und Namen recherchieren." Jäger nahm erneut Kontakt auf. Und so steht jetzt auch Elly Jägers Name auf einer neu angebrachten Tafel am Denkmal für Kriegstote. Wer sie aber erschoss, ist weiterhin unklar. Es gibt nur Vermutungen.

Zum Volkstrauertag kam Ernst Jäger gemeinsam mit Ellys Tochter Margot Skorupa, ihren Töchtern Margit Schiwarth-Lochau und Dr. Ingrid Ursula Stockmann sowie Ellys Urenkel Bernd Stockmann erneut nach Mögelin und gedachte mit ihnen und dem Premnitzer Bürgermeister der vor 71 Jahren erschossenen Elly Jäger. "Für uns Kinder ist es immer schlimm gewesen, nicht zu wissen, was mit unserer Mutter geschah", sagte Enkelin Ingrid Ursula Stockmann. "Als mein Onkel Ernst in Rente ging, hatte er Zeit seine Erinnerungen aufzuarbeiten, die ihm viele schlaflose Nächte bereitet hatten."

"Das Schicksal meiner Mutter aufzuklären, lag mir und meiner Familie sehr am Herzen. Elly und Otto Jäger starben auch für uns. Sie wollten eins unbedingt: Den Frieden!", schilderte Ernst Jäger bewegt. "Jetzt ist es möglich, einen gewissen Schlussstrich zu ziehen. Und es ist wichtig, dass die Schicksale auch der anderen Menschen auf der Gedenktafel nicht vergessen werden."

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2017 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG