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Kraftprobe für den Traumjob

Lothar Bertermann (l.) baut und verkauft heute noch die berühmten Hartgummi-Batterien der Firma Zippel in Frauenhagen. Unternehmer Jörg Zippel entlässt den ältesten Mitarbeiter nur ungern in den Ruhestand.
Lothar Bertermann (l.) baut und verkauft heute noch die berühmten Hartgummi-Batterien der Firma Zippel in Frauenhagen. Unternehmer Jörg Zippel entlässt den ältesten Mitarbeiter nur ungern in den Ruhestand. © Foto: MOZ/Oliver Schwers
Oliver Schwers / 23.11.2016, 18:45 Uhr
Frauenhagen (MOZ) Wer zu Lothar Bertermann kam, erhielt stets frische Energie. 30 Jahre lang reparierte, baute und verkaufte er Autobatterien. Bei seinem Einstieg in die Branche gab es einst heftige Verwicklungen mit dem DDR-Arbeitsamt. Jetzt geht er in den Ruhestand.

Den Kampf um Fachleute mit goldenen Händen führten schon DDR-Betriebe. So geriet Lothar Bertermann ins Spiel der Angermünder Parteipolitik. Der Frauenhagener wollte 1987 unbedingt bei seinem Nachbarn anfangen - dem damals schon privaten Batteriedienst Zippel. Der suchte dringend Leute für die Erweiterung seiner Werkstatt. Doch Bertermann war im Angermünder Kreisbetrieb für Landtechnik (KfL) beschäftigt. Und dort wollte man ihn nicht gehen lassen. Also legte der Landmaschinenschlosser die Kündigung auf den Tisch. "Hältst Du das durch?", fragte ihn Batterie-Chef Wilfried Zippel. Er wusste, was folgte. "Jeden Dienstag und Donnerstag haben die mich dann auf dem Arbeitsamt beknetet", erzählt Lothar Bertermann. "Entweder Kuhstall oder zurück in den KfL. Das hatte sich die Partei ausgedacht. Also bin ich dann einfach zuhause geblieben." Ein Unding zu DDR-Zeit, wo überall Leute fehlten. Schließlich gewann er die Machtprobe: Am nächsten Morgen durfte er bei der Privatfirma anfangen.

30 Jahre hatte Lothar Bertermann den wohl kürzesten Arbeitsweg eines Angestellten. Er musste einfach nur den Grundstückszaun hinter sich lassen, um aufs Nachbargehöft zu kommen. Hier wartete man schon auf die goldenen Hände des Landmaschinenschlossers. In der Werkstatt stand ein völlig verrotteter Lieferwagen polnischer Produktion, aufgebockt auf Hohlblocksteinen und ein paar Bohlen. Lothar Bertermann wechselte Achsen und Getriebe, ließ das Blech schweißen und fuhr dann mit dem so frisch aufgetakelten Firmenfahrzeug quer durch Ostdeutschland, um alte Batterien zu holen. Die wurden komplett auseinandergebaut. Weil der Materialmangel im Sozialismus erfinderisch machte, wechselten die Handwerker die alten Bleiplatten aus, löteten neue Pole an und setzten das Ganze wieder in die Batteriekästen ein.

Ums Abholen brauchte sich die Firma mit dem begehrten Nischenprodukt nicht zu kümmern. Die Kunden standen teilweise Schlange vor dem Hoftor. Sogar auf Schrottplätzen fahndeten Zippels Leute mit Argusaugen nach alten Autobatterien, um nicht bestellbare Ersatzteile aufzumöbeln.

Der Firmengründer hatte Lothar Bertermann versprochen, ihn beim Meisterlehrgang zu unterstützen. Er hielt Wort. Der neue Mitarbeiter ließ sich dazu ein sogenanntes Rationalisierungsmittel in der damals üblichen Neuererbewegung einfallen. Er baute eine Bandsäge so um, dass er minutenschnell Trockenbatterien öffnen konnte. Die hatten einen Werksdefekt. Nun wurde das Innere in neue Kästen gesetzt - schon konnte der Motor wieder starten.

Doch so schnell hatten Partei und Staat den Wechsel ihres Fachmanns aus dem volkseigenen Betrieb nicht überwunden. Kurz nach seinem Dienstantritt bestellte man Lothar Bertermann als Reservist zur Armee. Wilfried Zippel hielt dagegen, sein Mann sei unabkömmlich: Meisterausbildung siegte übers Militär.

Landwirtschaftsbetriebe, Unternehmen mit Gabelstaplern, private Firmen und Autobesitzer hielten der kleinen Batteriefirma auch noch die Treue, als längst die Marktwirtschaft den Osten überrollte. "Wir hatten den Vorteil, dass wir schon im Geschäft waren", erzählt Jörg Zippel, der den väterlichen Betrieb nach dessen Tod fortführte.

Eine der findigsten Ideen: Die eigene Produktion der bewährten Hartgummi-Batterien. Bekannt aus Trabant und Wartburg und einfach unverwüstlich. Bis heute stellt Lothar Bertermann die schwarzen Typen für Oldtimerfreunde her.

Nun ist er der erfahrenste Mitarbeiter der Firma. Und der älteste. Ab nächste Woche wird Lothar Bertermann nicht mehr zum Nachbarn hinübergehen, um den Werkstattkittel anzuziehen. Dann beginnt sein Ruhestand. "Die Zeit ist viel zu schnell vergangen", resümiert Jörg Zippel. "Wir wollten es gar nicht wahrhaben, dass irgendwann der Tag kommt. Lothar konnten wir überall einsetzen. Er hatte immer ein Gefühl für den Kunden, auch wenn die manchmal meckerten."

Däumchendrehen droht dem Ruheständler nicht. Wer in der Uckermark ein großes Grundstück hat, muss weiter früh raus. Schon jetzt ist er der unentbehrliche Hausmeister in der Pension seiner Frau.

Vielleicht bleibt aber noch Zeit für den eigenen Trabbi, der seit Jahren eingestaubt bei einem Bekannten in der Garage auf den Tag X wartet. Die Batterie dürfte mit Sicherheit ihren Geist aufgegeben haben. Doch das ist wohl das geringste Problem am Oldtimer.

Seinen Job hat Lothar Bertermann schon vor drei Monaten an den Nachfolger übergeben. Insgesamt arbeiten jetzt sechs Leute im Batteriedienst Zippel. Auch wenn es heute ebenfalls schwierig ist, guten Nachwuchs zu finden, dürfte die Geschichte vom DDR-Arbeitsamt wohl als eine der skurrilsten Anekdoten in die Firmenchronik eingehen.

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