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Der Saugut-Stall

Markus Kluge / 12.12.2016, 16:05 Uhr
Katerbow (RA) Jeder kennt die Redewendung vom "sich sauwohl fühlen". Wer einen Blick in die Ställe von Winfried Koch und seiner Familie in Katerbow wirft, bekommt eine Ahnung davon, wie sich dieser Ausspruch entwickelt haben könnte. Dort tollen die Schweine im Stroh, grunzen vergnügt und sobald ein Mensch den Stall betritt, kommen sie angerannt wie neugierige junge Hunde.

Dabei handelt es sich bei der Farm Katerbow der Koch & Kunzmann Lebensmittel GmbH mit knapp 400Schweinen nicht um einen Ökohof, sondern nur um einen etwas anderen Mastbetrieb. "Bei uns gehen die Tiere auch den unvermeidlichen Weg", sagt Geschäftsführer Winfried Koch. Allerdings will sein Unternehmen unter Beweis stellen, dass es mit vielen glücklichen Tieren eine Alternative zur industriellen Massentierhaltung mit kleinen Boxen und Spaltböden gibt.

Der 57-Jährige ist gelernter Küchenmeister und war für die Lebensmittelindustrie tätig. Seine Familie hat im September vergangenen Jahres eine traditionsreiche Metzgerei in Berlin-Heiligensee übernommen. Ihr Ziel: Fleisch vom bekannten Havelländer Apfelschwein, das es bis dato nur in der gehobenen Gastronomie gibt, jedem anbieten zu können. Die Schweine dafür hatte Koch bislang bei Landwirten aufziehen lassen, die sie mit natürlichem Apfeltrester fütterten. Dies steigere Wohlbefinden und Gesundheit der Tiere, wodurch die auch ein besonders wohlschmeckendes Fleisch bekommen.

Auf das ehemalige Mast-Gelände am Rand von Katerbow war Koch vor mehr als einem Jahr gestoßen. "Der Insolvenzverwalter hat mich gebeten, einzuschätzen, ob man hieraus noch etwas machen könnte", so Koch. Obwohl das Areal äußerlich ziemlich heruntergewirtschaftet ist, sah Koch selbst die Chance, dort seine Vision von einer Schweinemast samt Direktvermarktung wahr werden zu lassen, bevor die Betriebserlaubnis für dafür erlischt.

"Die Basis für alles ist bei uns das Tierwohl. So lange sie leben, soll ihre Haltung so arttypisch wie möglich sein - oder zumindest das, was wir dafür halten. Genau werden wir es nie wissen, was ein Schwein gut findet", sagt Koch. Anstelle von kleinen Buchten gibt es dort nun große Laufställe mit viel Stroh, in dem die Tiere liegen und tollen. Auf einer Betonfläche können die Schweine koten, zusätzlich sind noch Suhlen angelegt worden. "Wichtig ist, dass zwischen der Futter- und der Wasserstelle viel Platz ist, damit die Schweine genügend laufen", sagt Koch. So bewegen sich die Katerbower Tiere etwa 50-mal mehr als andere Artgenossen in einer üblichen Schweinemast. Der Auslauf fördere die Gesundheit der Schweine und die Qualität des Fleisches. Nicht nur den Tieren soll es gut gehen, sondern ihr Fleisch soll später auch munden. ",Es schmeckt nicht, aber dafür ist es Bio!' ist nicht unser Ziel", sagt Koch.

Bis zu maximal 1800 Schweine pro Jahr sollen künftig in Katerbow aufwachsen und deren Fleisch direkt vermarktet werden. Für den Start hat Koch das Glücksschwein-Projekt mit direkter Kundenbeteiligung entwickelt. Das ermöglicht jedem, mit einem überschaubaren Betrag in die Aufzucht der Tiere zu investieren. Im Gegenzug erhält jeder Investor ein Glückschwein-Paket mit etwa 13Kilogramm Fleischprodukten - vom Filet bis zur Leberwurst - frei Haus. Für den Anfang soll es 700Pakete zum Stückpreis von 125Euro geben. "Sieben bis acht Leute haben dann in die Aufzucht eines Schweins investiert und im Durchschnitt ist das Fleisch dann noch günstiger als im Supermarkt", sagt Koch, der damit beweisen möchte, dass die vernünftige Tieraufzucht samt dezentraler Direktvermarktung wirtschaftlich machbar ist. Wird das Angebot angenommen, soll es auch künftig fester Bestandteil im Portfolio werden. Jeder Teilnehmer könne dann entscheiden, ob er sein Glücksschwein-Paket einmalig oder seine Ware regelmäßig bekommen möchte.

Auf der Farm ticken die Uhren sowieso ein wenig anders - und daran möchte der Familienbetrieb auch festhalten. In den Schweinegruppen - nach Alter und Größe sortiert - gibt es einzelne Tiere, die auf Namen hören. Da wäre der flinke "Johnboy" oder der stattliche "Bürgermeister". Dabei handelt es sich aber nicht um einen Eber, sondern eine gemütliche rund 200 Kilogramm schwere Sau, die knapp acht Monate alt ist. "Für uns sind die Tiere keine Sache", sagt Ulrike Koch, die die Schweine auch gerne von Hand füttert. Jeder in der Familie hat einen anderen vierbeinigen Liebling. Und keiner der Vierbeiner hat Angst oder Stress, wenn Menschen den Stall betreten. Ganz im Gegenteil.

Wie in jeder Schweinemast gibt es aber auch Probleme, die Kochs im Auge behalten müssen. Machen einzelne Schweine Stress, werden sie aus der Gruppe entfernt oder diese neu zusammengestellt. Damit neue Tiere von ihren Artgenossen nicht angegriffen werden, werden diese zu Beginn gleich mit Lavendel-Duft benetzt, wodurch alle einen ätherischen Gruppengeruch erhalten und nicht mehr fremd wirken. Zudem werden im Begrüßungsstall alle kleinen Tiere gestreichelt und es wird mit ihnen gesprochen, wodurch sie Ängste gegenüber den Menschen abbauen.

Aktuell bekommt die Farm Katerbow ihre Ferkel noch mit kupierten Schwänzen von den Züchtern, was unter Tierschützern nicht unumstritten ist. Das entfernen der Schwänze, wenn die Ferkel noch keine vier Tage alt sind, soll Kannibalismus vorbeugen und dass sich die Tiere gegenseitig verletzen. "Es ist schlimm, wenn sich die Tiere in die Schwänze beißen und verbluten", meint Koch, der in solchen Fällen das Kupieren für gerechtfertigt hält. Sein Ziel für Katerbow ist es jedoch, dass die Tiere auch mit Ringelschwanz aufwachsen. "Durch die Größe unserer Ställe glaube ich nicht, dass sich ein solches Aggressionspotenzial unter den Tieren überhaupt entwickelt", sagt er.

Großer Wunsch des Unternehmers ist es, die Farm Katerbow so weit zu entwickeln, dass die Tiere dort nicht nur gut leben und ihr Mist in der Biogasanlage zu Strom wird. Auch eine Schlachtung wünscht sich Koch, so dass die Schweine gar nicht mehr umhergefahren werden müssen. "Aber das ist Zukunftsmusik", so der 57-Jährige. Aktuell ist sein Betrieb noch auf der Suche nach Helfern, die in Katerbow mit anpacken wollen.

Weitere Informationen über den Betrieb und das Glücksschwein-Projekt gibt es online unter www.farm-katerbow.de.

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