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Grabungsarbeiten in Eichwerder pausieren wegen Frost / Archäologen reinigen und archivieren derzeit Funde

Mit Zahnbürste und Wasser

Mehr als ein gewöhnlicher Stein: Mit einer weichen Bürste und Wasser befreit Restauratorin Anna Geamanu die Fundstücke von Schmutz und Erde. Hierdurch treten feine Verzierungen auf einigen Tonscherben zutage
Mehr als ein gewöhnlicher Stein: Mit einer weichen Bürste und Wasser befreit Restauratorin Anna Geamanu die Fundstücke von Schmutz und Erde. Hierdurch treten feine Verzierungen auf einigen Tonscherben zutage © Foto: MOZ
Annemarie Diehr / 10.01.2017, 07:15 Uhr
Eichwerder (MOZ) Mehrere tausend Fundstücke haben Archäologen aus dem Erdreich unter dem alten Kopfsteinpflaster der Eichwerderaner Ortsdurchfahrt bereits zutage gebracht. Frost zwingt sie nun zu einer Ausgrabungspause. Im ehemaligen Konsum geht die Arbeit trotzdem weiter.

Den bronzezeitlichen Salzofen haben sie mit einer Erdschicht bedeckt. "Er würde sonst ausfrieren", sagt Grabungsleiterin Blandine Wittkopp. Andere Fundstellen in den Erdschichten unter der Ortsdurchfahrt in Eichwerder haben die Archäologen mit Planen und Folien gesichert, die jetzt von einer Schneeschicht überzogen werden. "Kriecht der Frost in den Boden, bilden die Steine feuchte Krusten", erklärt die Archäologin am Beispiel des Ofens.

Das wollen Wittkopp und ihr Team unbedingt verhindern: Das Wechselspiel aus Frost und Tauwetter würde dazu führen, dass sich einzelne Steine aus dem Gefüge lockern und die Ausgrabung dadurch zusätzlich erschwert wird. Deshalb heißt es für die Archäologen derzeit: abwarten. "Wir lauern darauf, weitermachen zu können", sagt Blandine Wittkopp, während um sie herum emsiges Treiben herrscht.

Das frostige Wetter zwingt die Archäologen zwar seit vergangenem Freitag, die Ausgrabungen ruhen zu lassen. Doch im alten Konsum, wo tausende Fundstücke aus mittlerweile über 600 Fundstellen lagern, fangen andere Arbeiten gerade erst an. "Wir bearbeiten die Funde, säubern und archivieren sie, und erhalten so erstmals einen Überblick", erzählt die Grabungsleiterin. Neben ihr schrubbt Restauratorin Anna Geamanu mit Wasser und einer weichen Zahnbürste spitze Keramikscherben und Knochen.

"Da warten viele Überraschungen", kommentiert Wittkopp, dreht ein gesäubertes Tonstück zwischen ihren Fingern und deutet auf eine schmale Erhöhung, die sich um den Ton legt. "Erst wenn die Stücke gereinigt wurden, treten Verzierungen zutage." Es müsse sich um Überreste von den Wänden eines Gefäßes handeln, vermutet die Grabungsleiterin. Auch auf mehrfarbige, mit weißer Paste verzierte Keramik seien die Archäologen gestoßen. "Sie wurden möglicherweise aus dem keltischen Raum beeinflusst."

Zu fünft arbeitet das Team um Blandine Wittkopp an diesem Vormittag, von Zeit zu Zeit stößt ein Eichwerderaner die Tür des Grabungshauses auf, um sich nach dem neuesten Stand zu erkundigen. "In den Hochzeiten waren wir mit zwölf Mann im Feld", sagt die Grabungsleiterin. Sobald das Team draußen weitermachen kann, hofft sie auf schnelleres Vorankommen, als das bisher der Fall war. "Zurzeit kommen auf 25 Kubikmeter Erde über 50 Funde", sagt Jens Kibilka. Der Grabungstechniker digitalisiert die Funde, die auf eine bedeutende Siedlung in der Eisen- und Steinzeit hindeuten. Unter Einbeziehung von Geländemodellen und Satellitenbildern erkennt er so, wo in der 5000 Jahre alten Siedlung einst einzelne Häuser standen.

100 Meter der 300 Meter langen Grabungsstrecke haben die Archäologen abgearbeitet, weitere 140 Meter wurden in einer ersten Schicht erfasst. Nicht nur die Vielzahl an Funden lässt die Ausgrabungen stocken. Bei einer Grabungstiefe von bis zu 1,50Meter sei es immer schwieriger an Funde zu gelangen, ohne anderen Fundstellen in die Quere zu kommen.

Aus einer durchsichtigen Plastiktüte zieht Jens Kibilka das Fragment eines langen dünnen Knochens. "Ein Archäozoologe vermutet, dass es sich um einen 3000 Jahre alten Seeadlerknochen handelt." Selbst der Zoologe sei überrascht gewesen, sagt Kibilka, dass dieses Tier damals gejagt wurde. Die mittlerweile zehn gefundenen Öfen, ein Totenhaus und die Befestigungsanlage sind weitere Ausgrabungshöhepunkte.

Wie alle anderen Funde werden Vorzeigestücke wie diese nach ihrer Reinigung beschriftet, in Tüten verpackt und so für die Abgabe im Brandenburgischen Amt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum vorbereitet. "Jetzt bei Frost sieht man hier", sagt Blandine Wittkopp, "dass die Arbeit nach der Ausgrabung weitergeht."

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