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Landtagsdebatten werden für Gehörlose übersetzt

In Aktion: Gebärdendolmetscherin Katja Fischer auf der Zuschauertribüne des Landtags in Potsdam. Die Debatte um behindertenpolitische Maßnahmen der Landesregierung hat sie im Livestream der Internetseite des Parlaments simultan übersetzt.
In Aktion: Gebärdendolmetscherin Katja Fischer auf der Zuschauertribüne des Landtags in Potsdam. Die Debatte um behindertenpolitische Maßnahmen der Landesregierung hat sie im Livestream der Internetseite des Parlaments simultan übersetzt. © Foto: Andreas Wendt
Andreas Wendt / 19.01.2017, 11:11 Uhr
Potsdam (MOZ) Erstmals ist am Mittwoch ein Teil der Landtagssitzung für Hörgeschädigte live in Gebärdensprache übersetzt worden. Der Service in den Landtagsdebatten, die im Livestream der Internetseite des Parlaments übertragen werden, soll künftig Standard werden.

Die gestikulierende Frau in der abgetrennten Ecke der Zuschauertribüne nimmt im Plenarsaal des Landtags kaum jemand wahr. Vorn steht Sozialministerin Diana Golze (Linke) am Podium und erzählt, was ihr Ressort in das "Behindertenpolitische Maßnahmenpaket der Landesregierung 2.0" gepackt hat und wie das Land die UN-Behindertenkonvention Stück für Stück umsetzen will.

Die Frau auf der Tribüne ist Gebärdendolmetscherin Katja Fischer, und ihre Gestik erscheint während Golzes Rede als Bild im Bild auf der Videoleinwand und im Internet, wo die Debatte live übertragen wird. Nach Sachsen-Anhalt, Bayern und Niedersachsen ist Brandenburg das dritte Bundesland, das den Service bietet, damit schwer oder nicht hörende Menschen Beratungen des Landtages verfolgen können. Allein in Brandenburg gibt es Fischer zufolge 2500 Gehörlose, deutschlandweit wird die Zahl der Menschen mit Hörbehinderung oder -einschränkung auf 13 Millionen geschätzt.

Ende vergangenen Jahres hatte der Landtag den Einsatz eines Gebärdendolmetschers beschlossen und Uwe Schönfeld, Leiter der Landesdolmetscherzentrale Brandenburg, damit beauftragt, eine geeignete Person zu suchen. Gefunden hat er Katja Fischer, die nach einer Krankheit weder sprechen noch hören kann und als Dozentin in Magdeburg arbeitet, wo sie ihren hörenden Studenten innerhalb von vier Jahren alle Facetten der Gebärdensprache beibringt.

Ein Teil ihrer Schüler ist mit nach Potsdam angereist und verfolgt den Auftritt der Dozentin im Plenarsaal. Katja Fischer übersetzt mit ihren Händen, wie die Sozialministerin die öffentlichen Inklusionsforen in Oranienburg, Eberswalde, Cottbus, Potsdam und Frankfurt lobt und die vielen Anregungen, die teilweise in das 126 Seiten starke Maßnahmepaket für die rund 450 000 Menschen mit Behinderungen im Land Eingang gefunden haben. Damit behinderte und nicht behinderte Kinder miteinander lernen können und schwerbehinderte Menschen schneller einen Arbeitsplatz finden. "2020 wird jeder vierte Einwohner Brandenburgs älter als 65 Jahre sein, 2030 schon jeder Dritte", sagt Golze und fordert barrierefreie Wohnungen, um ein gesellschaftliches Miteinander zu ermöglichen. Die Dolmetscherin arbeitet derweil mit ihren Händen und würde sich freuen, wenn sich die Lage der Betroffenen lieber heute als morgen verbessert. "Ich habe mich natürlich auch inhaltlich auf diese Aufgabe vorbereitet", gibt sie nach der gut halbstündigen Debatte zu verstehen. Bewerten will sie die Maßnahmen der Regierung nicht. "Ich bin nur die Dolmetscherin", gibt sie sich diplomatisch.

Wenn, wie der Landtag es will, künftig alle bedeutenden Beiträge simultan übersetzt werden sollen, kommt auch Katja Fischer ins Schwitzen und braucht Verstärkung: "Nach 20 Minuten sollte ein Wechsel erfolgen, sonst geht die Qualität den Bach runter."

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