Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Auf ein altes Blondes

Markus Kluge / 20.01.2017, 20:37 Uhr
Manker (RA) Es kommt in den besten Haushalten vor: Eine Dose Suppe wird ganz hinten im Vorratsschrank vergessen oder eine Limo bleibt in einer schattigen Garagen-Ecke über Jahre stehen. Klaus Schade aus Manker ist in diesen Tagen eine Flasche Bier in die Hände gefallen, deren Haltbarkeit laut Herstelleraufdruck 2007 abgelaufen ist. Die Jahre konnten dem nun ziemlich alten Blonden aber nichts anhaben.

Eine dicke graue Staubschicht und ein paar Spinnweben haben die braune Bierflasche in den Jahren dicht umhüllt. Darunter ist aber noch gut das Etikett mit Goldrand von Berliner Kindl zu erkennen, das in der Form schon seit einigen Jahren nicht mehr auf die Flaschen geklebt wird. Wann er die Bierflasche "verlegt" hat, weiß Klaus Schade nicht mehr genau. "Aber es muss schon über zehn Jahre her sein", sagt der 62-Jährige und schmunzelt. In den Uhrenkasten einer alten Standuhr, die seinem Schwiegervater gehörte, hatte er die Pulle einst gestellt. Es ging ihm damals wohl darum, die Uhr am Ticken zu halten und das Pendel irgendwie auszugleichen. Es war die Zeit als Klaus Schade als Kurierfahrer mit seinem Mercedes die 999999 Kilometer überboten hat, als Kilometer-Millionär Schlagzeilen machte und wenig später erfolglos als Bürgermeister in der Gemeinde Fehrbellin kandidierte (RA berichtete).

Wie das Zicklein im Uhrenkasten im grimmschen Märchen "Der Wolf und die sieben Geißlein" überdauerte der kühle Schluck die Zeit - jene Jahre, in den unter anderem Christian Wulff kurzzeitig Bundespräsident war, Terrorist Osama bin Laden getötet wurde, mit Kardinal Ratzinger seit 1523 erstmals wieder ein Deutscher Papst wurde, Deutschland die Fußball-WM gewann und Klaus Schade schließlich auch in Rente ging.

Seinen Fund hat der Mankeraner sogar der Kindl-Brauerei gemeldet. "Ich hätte ihnen die Flasche sehr gerne geschickt - für Laborproben oder so", sagt Schade. Schließlich deutet zumindest von außen nichts darauf hin, dass das Pils schlecht sein könnte - keine Flocke schwebt nach kurzem Schütteln auf den Glasboden. Der große Bierproduzent hat das Angebot aus Manker aber abgelehnt. "Es ist wie damals, als ich mit meinem Auto die eine Million Kilometer gefahren bin. Da wollte Mercedes auch erst nicht ran. Es ist schade, dass die deutschen Unternehmen nicht stolz auf ihre guten Produkte sind", ärgert er sich ein wenig.

Nicht unter Laborbedingungen und von Männern in weißen Kitteln, sondern von Klaus Schade im Flanellhemd und in dessen Küche über der grünen Wachstuchtischdecke muss das Geheimnis um das alte Bier nun mit einem Zischen gelüftet werden. "Es gibt sogar noch eine kleine Schaumkrone", freut sich der 62-Jährige als das Bier gluckernd in die Flensburger-Gläser läuft. Es ist nicht trübe und riecht nicht komisch, es ist dafür vielleicht etwas feinperliger und nicht mehr ganz so spritzig wie es vor einem Jahrzehnt noch gewesen sein dürfte. Schade kann sich den Schluck aus der Vergangenheit also munden lassen.

Für Experten ist das keine große Überraschung, sondern sogar ein bierernstes Thema. "Die Brauereien sind ja verpflichtet, ein Mindesthaltbarkeitsdatum aufzudrucken", sagt Martin Schmidt. Der Bier-Sommelier aus Glienicke (Oberhavel) findet Geschichten um alte Biere spannend - auch wenn die von Schade wiedergefundene Sorte nicht zu denen gehört, die sich der Kenner gerne selbst einschenkt. Ist eine Flasche kühl und dunkel gelagert, sei das Gebräu aber nahezu unbegrenzt haltbar. "Über die Jahre geht höchstens die Hopfennote verloren", so Schmidt. Steht das Bier hingegen hell und warm, könne "das leicht in die Hose gehen". "Aber das riecht man dann schon, wenn die Flasche geöffnet wird", so Schmidt.

Selbst Keime im Gerstensaft sind kein Thema: "In Bier können sich aufgrund des Hopfens, des Alkoholgehaltes und eines tiefen pH-Wertes keine pathogenen, das heißt krankheitserregenden Keime bilden. Daher können Biere grundsätzlich auch nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums bedenkenlos konsumiert werden", bestätigt Marc-Oliver Huhnholz, Pressesprecher des Deutschen Brauer-Bundes.

Hätte Schade in seinen Uhrenkasten kein Supermarkt-Bier, sondern ein besseres hochprozentigeres Gebräu gestellt, hätte sich daraus vielleicht sogar ein leckeres Schätzchen entwickeln können. "Ich trinke das Bier, was die Frau mitbringt", sagt der Mankeraner. Aber ein stärker eingebrautes Bier und solche mit einem höheren Alkoholgehalt können bei der richtigen Lagerung mitunter mit den Jahren immer besser werden. "Hier gibt es Parallelen zu guten Weinen. Bei diesen wird oft das Herstellungsdatum besonders auf dem Etikett hervorgehoben und das Mindesthaltbarkeitsdatum nur aus rechtlichen Gründen trotzdem angeführt", zieht Huhnholz Vergleiche zu einer anderen Genusswelt. In südlichen Bundesländern sei es schon vorgekommen, dass Bockbiere über Jahre in der Erde vergraben wurden, um deren Geschmack noch zu veredeln. Laut Sommelier Schmidt kann das beliebte Fußballplatz-, Dorf- und Oktoberfest-Getränk dann sogar Noten von Cherry oder dunkler Schokolade entwickeln. Über die Jahre wird sich in den meisten Flaschenbiere aber der Kohlensäureanteil verringern, weil das Gas langsam über den Kronkorken austritt. "Die meisten Biere sollten nach Möglichkeit frisch genossen werden, da nicht nur die Kohlensäure entweichen kann, sondern sich mit der Zeit und vor allem unter Einfluss von Licht und Wärme auch Aromakomponenten bilden können, die eigentlich nicht zum Bier passen und ein wenig nach altem Brot oder sogar Käse schmecken und riechen können", erläutert Huhnholz. Deswegen gelte aus Sicht der Brauer in den meisten Fällen: "Je frischer desto besser. Bei dunklen und vor allem starken Bieren kann es sich genau anders herum verhalten und diese können mit der Zeit einen ganz besonderen Charakter entfalten, den Kenner lieben."

Klaus Schade zählt nun auch zu den Kennern - zumindest was gut gelagertes Berliner Kindl betrifft. Die Flasche aus dem Uhrenkasten hat er ausgetrunken. Beim Genuss hat das Bier nichts eingebüßt. "Und ich lebe sogar noch", sagt der 62-Jährige zufrieden.

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2017 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG