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Fachkräfteengpass in den Handwerksbetrieben

Thomas Mohr von Treppen-Mohr aus Beetzseeheide hat mit Alaa Al Salah einen engagierten jungen Mann für seinen Familienbetrieb gewinnen können. Nach dem Integrationskurs wartet ein fester Arbeitsplatz auf den Syrer.Foto: geh
Thomas Mohr von Treppen-Mohr aus Beetzseeheide hat mit Alaa Al Salah einen engagierten jungen Mann für seinen Familienbetrieb gewinnen können. Nach dem Integrationskurs wartet ein fester Arbeitsplatz auf den Syrer.Foto: geh © Foto: MZV
Erhard Herrmann / 21.01.2017, 13:22 Uhr
Götz (MZV) Mit dem Zuzug von 890.000 Schutzsuchenden im Jahr 2015 und weiteren 210.000 bis Ende September 2016 (BMI 2016) hat die Fluchtmigration in Deutschland ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Die Zuwanderung soll eine große Chance für das Handwerk sein, den Fachkräfteengpass zu verringern. Der Grund: In der deutschen Wirtschaft kann rund ein Drittel der Betriebe nicht mehr alle Ausbildungsplätze besetzen, weil geeignete Bewerber fehlen. Zudem erhielten zuletzt fast 14.000 Betriebe gar keine Bewerbungen mehr für ihre Ausbildungsangebote. Die Verantwortlichen des Handwerkskammerbezirks Potsdam und die Arbeitsagentur Potsdam zogen im Gewerbezentrum in Götz ein erstes Fazit ihrer Maßnahmen. "Dank dem Erfahrungsschatz im Umgang mit ausländischen Teilnehmern konnten sich die Handwerkskammer Potsdam und ihr ZfG schnell und effizient auf die neuen Herausforderungen einstellen. In kürzester Zeit wurde eine Vielzahl neuer Aufgaben bei der arbeitsmarktorientierten Betreuung und Qualifizierung von Geflüchteten übernommen", unterstreicht der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Potsdam, Ralph Bührig. Ende 2016 verzeichnete die Handwerkskammer Potsdam etwa 140 registrierte Ausbildungs- und Praktikumsverträge mit Flüchtlingen. Der Beratungs- und Betreuungsaufwand ist noch höher: Seit April 2016 wurden mehr als 140 Flüchtlinge im Rahmen des Projekts "Passgenaue Besetzung Willkommenslotse" zu Einstiegsqualifizierungen, Praktika, Ausbildung, Arbeit oder Qualifizierung beraten. Dennoch: kaum Deutschkenntnisse, unsicherer Aufenthaltsstatus. Selbst die DAX-Konzerne boten nur 54 Flüchtlingen eine Ausbildungsstelle an. Etwa 70 Prozent der Azubis, die aus Syrien, Afghanistan und dem Irak geflohen waren und im September 2013 ihre Lehre begonnen hatten, haben sie inzwischen ohne Abschluss wieder beendet. Der Präsident der Handwerkskammer Potsdam, Robert Wüst, wies darauf hin, dass es für die erfolgreiche und dauerhafte Eingliederung der Flüchtlinge noch eines langen Atems bedarf: "Wir haben noch 500 freie Ausbildungsplätze. Die Flüchtlinge lösen nicht das Problem der Arbeitsplatzproblematik. Ohne Sprachkenntnisse wird es mit Ausbildung oder Arbeit im Handwerk nicht klappen. Auch die zügige Bearbeitung der Asylanträge und die schnelle Statusfeststellung sind und bleiben entscheidende Grundlagen für eine gesicherte Ausbildung oder Beschäftigung." Neben der Sprache schreckt der vergleichsweise niedrige Lohn während einer Ausbildung ab. Viele Flüchtlinge sind mit der Vorstellung nach Deutschland gekommen, schnell viel Geld zu verdienen. Ganz schnell musste man sich zudem von der Illusion lösen, dass nur qualifizierte Arbeitskräfte nach Deutschland kommen. Die Mehrzahl der Flüchtlinge hat keinen berufsqualifizierenden Abschluss, legen verschiedene Quellen nahe. "Beziehungsweise entsprechen die Facharbeiterabschlüsse nur ein Bruchteil der Ansprüche, die hier in Deutschland gefordert sind", bestätigte der Hauptgeschäftsführer. Handwerksbetriebe die in Westbrandenburg über erste Erfahrungen mit ihren neuen Mitarbeitern verfügen äußern sich dennoch durchweg positiv. "Kaum ein deutscher Jugendlicher will auf den Bau. Ich freue mich, dass ich mit Alaa Al Salah aus Syrien einen motivierten jungen Mann gefunden habe. Sprachprobleme werden mit dem Google-Übersetzer schnell gelöst", so Thomas Mohr von Treppen-Mohr aus Beetzseeheide. Dennis Krämer und Steffen Sgraja von der Hell-Gebäudetechnik GmbH aus Groß Kreutz, Henry Päch von der ST-Gebäudetechnik GmbH aus Potsdam oder Monika Nowotny vom Hair-Team aus Brandenburg bestätigten ebenfalls eine hohe Motivation der jungen Flüchtlinge in ihren Betrieben. Wenig Positives gab es über die Frauenquote zu berichten. Drei Frauen beteiligten sich anfangs an den Fördermaßnahmen, die nur von einer beendet wurde. "Die Erfahrungen der vergangenen Monate haben uns gezeigt, dass wir mit der engen Verzahnung von Spracherwerb, Kompetenzfeststellung, praktischen Schnupperkursen in Unternehmen und passgenauer Qualifizierung eine Integration in den Arbeitsmarkt befördern können. Das wollen wir in Zukunft intensivieren ", bekräftigte Dr. Ramona Schröder, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Potsdam. "Bis überhaupt jemand für eine Ausbildungsstelle in Frage kommt, vergehen von der Einreise an schon einmal 22 Monate", so Dr. Schröder weiter. Alle Anwesenden hoffen deshalb in einem mittleren Zeitraum auf einen "Einstellungsboom" sobald weitere Flüchtlinge die Integrationskurse gemeistert haben.

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