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Stadtbienen müssen härter schuften

Oliver Schwers / 25.01.2017, 07:00 Uhr
Kummerow/Schwedt (MOZ) Es stimmt wirklich: Stadtbienen müssen härter schuften als ihre Landkolleginnen. Das hat ein Test uckermärkischer Imker bewiesen. Zudem finden sie reichhaltigere Nahrung in dicht besiedelten Regionen. Fazit: Auf dem Land besteht akuter Blütenbedarf.

Es klingt unglaubwürdig: Doch tatsächlich gibt eine Schwedter Biene rund zehn Prozent mehr Honig als die Durchschnittsbiene vom Dorf. Ein Volk, das übers Jahr in der Oderstadt auf Blütensuche geht, produziert zwischen fünf bis zehn Kilogramm zusätzlich von dem himmlisch-süßen Lebensmittel. Würde das gleiche Volk zum Beispiel im Umland stehen, käme weniger heraus.

Die Erfahrung hat Jan Vogel aus Schwedt gemacht. Er gehört zu den wenigen seines Fachs in der Uckermark, die vom Ertrag der Honigbienen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Seit etwa einem Jahr ist er selbstständiger Berufsimker. "Die Stadtbiene muss mehr arbeiten, weil einfach mehr Blüten da sind", lautet die simple Erklärung des Phänomens. Das liegt an der enormen Vielfalt. Balkons und Gärten, Straßenbäume, Parkanlagen und Flächen ohne Bewirtschaftung bieten dem emsigen Tier ungeahnte Anflugmöglichkeiten. So kann die Sammlerin in gleicher Zeit mehr zusammentragen als ihre Kollegin vom Dorf. Also gilt auch hier das uckermarktypische Probleme: Weite Wege sind von Nachteil.

So hundertprozentig vereinfachen lässt sich die These natürlich nicht. Denn die Erträge von Bienenvölkern sind prinzipiell abhängig vom jeweiligen Standort. Hat ein Dorf viele Obstgärten und blühende Vorgärten oder gar einen einsichtigen Bio-Bauern, dann schießen auch hier die Mengen in die Höhe.

In Regionen, wo ausschließlich intensiv betriebene Landwirtschaft zu finden ist, muss die Biene dagegen Ausdauer zeigen. Hier erweitert sie ihren normalen Flugradius von drei Kilometern durchaus auf acht Kilometer, erklärt Jan Vogel. Die frühere Annahme, dass sie während des Fluges die Beute selbst verbraucht, hat sich überholt. "Sie bringt immer etwas mit heim."

Die Imker kennen die Landschaft genau und wissen, wo ihre ausschwärmenden Schützlinge ausreichend Blüten finden. Wo Vielfalt herrscht, stellen sie mehr Völker auf. Noch ein Vorteil der Stadt: Das Nektarangebot verteilt sich zeitlich besser. Frühlingsblüher und zeitiger Ahorn helfen den Bienen im Frühjahr, in ihren gewohnten Rhythmus zu kommen. Diese große Auswahl fehlt auf dem Land. Hier geht es mit der Obstblüte und dem Raps in die Vollen. Auf einen Schlag sehen sie nur noch gelb. Die Schinderei beginnt. Bei Schlägen von hunderten Hektar ist also alles möglich. Doch danach kommt wieder die unerwünschte Pause. Wenn es keine Linden, Akazien oder andere später blühenden Bäume gibt, muss der Imker sein Volk wieder umsetzen. In Städten bleiben die Balkonpflanzen als Alternative und viele Gärten.

Eine bessere Mischung wünscht sich Nico Heiden vom Imkerverein Ostuckermark. "Früher hatte die Natur auch auf dem Lande immer was zu bieten." Zwar würden auch Bio-Bauern helfen, die zum Beispiel die Kornblume stehen lassen. Aber die Greening-Programme der EU verlaufen teilweise ins Leere. Dazu gehört zum Beispiel der Anbau von stark blühenden Bodenverbesserern nach der Ernte. "Das ist zwar gut gemeint, aber für die Bienen häufig zu spät", sagt Nico Heiden aus Kummerow. In Süddeutschland hat es gar das Problem einer Überfülle gegeben. Die Folge: Es wurde zu viel Honig gesammelt. Imker mussten zum Schutz der Völker Waben herausnehmen. "Am sinnvollsten ist es, auf den Bauern im Ort zuzugehen und ihn zu bitten, ein paar Streifen genau zur passenden Zeit liegen zu lassen."

Was den Geschmack von Dorf- und Stadthonig betrifft, scheiden sich die Gourmets. Viele Kunden der Kummerower Heiden-Imkerei bevorzugen eben nicht die Blütenmischung aus der Stadt, sondern suchen gezielt nach reinen Sorten wie Raps- oder Lindenhonig. Besondere Freunde hat auch der Honig aus dem Wald.

Wie sieht es nun aber mit den gefürchteten Schadstoffen aus, die in der Stadt deutlich stärker als im idyllischen Dorf durch die Luft segeln? Stecken die am Ende doch im Honig? "Die Biene ist ein fliegender biologischer Filter", verneint Jan Vogel. Der Nektar geht mehrfach durch den Honigmagen. Gifte und Wasser werden entzogen, ebenso Staub und natürliche Pflanzengifte. Auch die Wachswabe entzieht dem goldenen Saft weitere Stoffe. Für ein Glas Frühstückshonig muss die Biene vorher etwa die dreifache Menge sammeln.

Imkerverein Ostuckermark: Grundkurs für Einsteiger und Interessierte, 12. Februar, 9 bis 15 Uhr, Landgasthof Schönow, Anmeldung bei Nico Heiden unter 03333657655.

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