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Wenn das bestellte Kleid aus Hongkong kommt

Als Kleid zu kurz: Isabel Kußmann will das neue Kleidungsstück als Oberteil zur Hose tragen.
Als Kleid zu kurz: Isabel Kußmann will das neue Kleidungsstück als Oberteil zur Hose tragen. © Foto: Klaus D. Grote/OGA
Klaus D. Grote / 27.01.2017, 18:49 Uhr
Flatow (OGA) Neulich wurde ich von der Verkäuferin eines Oranienburger Geschäfts angeblafft, ich solle meine Schuhe gefälligst vor der Tür und nicht drinnen auf der Fußmatte abklopfen. Draußen herrschte dichtes Schneetreiben. Schneefrei in den Laden zu gelangen, war unmöglich. Die Unfreundlichkeit empfand ich als unverschämt. Wie unkompliziert ist da doch der Einkauf im Internet! Das schließt auch nicht um 18 Uhr. Einkaufen rund um die Uhr, sogar am Wochenende.

Meine Kollegin Isabel Kußmann nutzt den Online-Handel gern. Schließlich gibt es bei ihr zu Hause in Flatow außer einem Bäcker keine Einkaufsmöglichkeiten. Die riesige Vielfalt des Internets bietet dagegen ein scheinbar endlos langes Schaufenster mit allen Waren, die man braucht oder auch nicht. Ich bin ja selbst irgendwann darauf gekommen, dass die Auswahl einfach größer ist. Wenn das Paar Turnschuhe im Laden nicht in der passenden Größe vorrätig ist, bestelle ich es eben online. Und danach wird man mit so viel Schnäppchen-Werbung bombardiert, dass schnell die nächste Bestellung getätigt wird.

Alles so einfach? Das letzte Schnäppchen meiner Kollegin stellte sich als kompliziertes Geschäft heraus. Schnell war bei Amazon das Wunschkleid ausgesucht und bestellt. Das kurze dunkle Kleid sollte eigentlich noch im Dezember in Flatow ankommen. Das Paket erreichte die Lieferadresse jedoch mit vierwöchiger Verspätung. Kein Wunder, die Sendung kam aus Hongkong. Dort wurde das Kleidungsstück auch hergestellt, das Etikett wurde mit goldfarbenen chinesischen Schriftzeichen bestickt.

Nun kommen inzwischen viele unserer Waren aus Fernost: Kaffeemaschinen, Smartphones, Kühlschränke. Die sind jedoch weltweit einheitlich groß. Bei Bekleidung sieht es anders aus. Was in China als XL-Größe bezeichnet wird, geht bei uns maximal als Größe M durch. "Ich hab mich extra ausgemessen und die gewünschte Größe angegeben", sagt die Kollegin. Das Kleid war trotzdem viel zu kurz und deshalb als solches nicht zu gebrauchen - jedenfalls nicht, wenn es seinem Zweck entsprechend in der Öffentlichkeit getragen werden soll. Denn das Kleid reicht nicht mal ganz über den Po.

Bei der Reklamation geriet die Bestellerin des megakurzen Minikleids an den Hersteller in Hongkong. Normalerweise kümmert sich darum das Versandhaus. In diesem Fall kam die Antwort jedoch aus China.

"Mir ist so leid für den Problem der Größe :( ", heißt es in der E-Mail. Auch die nächsten Sätze wurden wohl mit Hilfe eines Übersetzungsprogramms formuliert. Trotz aller Fehler sind sie ausgesprochen höflich. Der Kleidhersteller bietet einen Preisnachlass um 40 Prozent an und schlägt vor, dass vielleicht jemand anderes aus dem Familien- oder Freundeskreis das Kleidungsstück tragen könnte oder dass dieses weiterverkauft wird. Online-Besteller wissen schließlich, wie im Internet verkauft wird. Zurücksenden müsse sie das Kleid nicht, heißt es noch. "So weit von Deutschland nach China, der Versand ist zu teure und unwirtschaftlich." Dann noch der Vorschlag: "Wenn Sie andere gute Idee haben, bitte lassen Sie uns wissen." Der durchweg freundlich verfasste Brief endet mit einem lächelnden Smiley. Isabel Kußmann findet das sympathisch und geht deshalb auf das Angebot ein. Das Geld des gewährten Preisnachlasses wird sofort überwiesen. Amazon fragt nach, ob die Kundin zufrieden sei. Aus Hongkong kommt noch eine E-Mail mit dem Satz, "Danke für Ihre Verstand :-)".

Klar, in einem Bekleidungsgeschäft mit Umkleidekabine kann schnell festgestellt werden, ob ein Kleid zu kurz oder zu lang ist, oder ob sich der Knopf einer Hose überhaupt schließen lässt. Beim Einkauf im Geschäft entfällt auch jede Menge Verpackungsmüll. Altpapiercontainer sind inzwischen oft verstopft von den Kartons der Versandhändler. Weil kleine Päckchen und große Pakete ausgeliefert werden müssen, blockieren immer häufiger die Zustellerfahrzeuge unsere Straßen, Geh- und Radwege. Auch Oranienburgs Bürgermeister machte mit einem auf dem Radweg parkenden und im Akkord arbeitenden Paketboten auf unliebsame Weise Bekanntschaft, stürzte und brach sich die Rippen.

Man muss nur einen Einzelhändler fragen, was er vom Onlinehandel hält: Die Kunden lassen sich bei ihm beraten und bestellen dann billiger im Internet, lautet das klagende Credo in den Geschäften. Die Mieten fürs Ladenlokal, die Kosten für die Belegschaft und die kleineren Margen machen es den Fachhändlern selten möglich, preislich beim Online-Angebot mitzuhalten. Die meisten lassen aber beim Preis mit sich handeln, fragen lohnt sich daher oft.

Die beim Kauf des Hongkong-Minikleids beschriebene Fürsorge und Freundlichkeit sprechen dagegen für die Online-Bestellung. Die Einkaufsmöglichkeiten in Flatow auch. Die Kollegin hat inzwischen auch einen Geschirrspüler online bestellt. Als nächstes steht eine neue Waschmaschine an. Die kommt aber nicht aus China.

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