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Renate Sperr (79) trotzte dem Hochwasser mit Familie in Torgelow / Bruder hielt Stellung in Friedrichshof

"Zu Ostern gab es für jeden ein Ei"

Aus dem Familienbesitz: Renate Sperr hält ein Foto ihres ehemaligen Wohnsitzes Friedrichshof in den Händen. Von dort wurde sie mit ihren Eltern und Geschwistern während des Hochwassers 1947 evakuiert.
Aus dem Familienbesitz: Renate Sperr hält ein Foto ihres ehemaligen Wohnsitzes Friedrichshof in den Händen. Von dort wurde sie mit ihren Eltern und Geschwistern während des Hochwassers 1947 evakuiert. © Foto: MOZ/Katrin Hartmann
Katrin Hartmann / 31.01.2017, 07:03 Uhr
Altwustrow (MOZ) Für das Oderbruch besteht die Gefahr von Überschwemmungen seit Jahrhunderten. 2017 gibt es drei Jubiläen: 300 Jahre Deichverband, 70 Jahre Hochwasser 1947 und 20 Jahre Sommerhochwasser 1997. Renate Sperr aus Altwustrow erinnert sich an die Evakuierung aus dem Herrenhaus Friedrichshof.

Wenn Renate Sperr, geborene Huber, heute vor dem ehemaligen Herrenhaus Friedrichshof stehen würde, könnte sie es kaum wiedererkennen. Das Dach eingefallen, offene Fenster, die Fassade gerissen.

Dabei sind ihre Erinnerungen an das Gebäude ganz andere. Als Zehnjährige war sie nur einer der vielen Menschen in dem Haus. Mit der elfköpfigen Familie bezog Renate Sperr zwei Zimmer. "Zum Ende des Krieges wurden wir aus Zachow vertrieben, mussten mit einem Kahn über die Oder. Unser altes Pferd haben sie uns davor noch erschossen", erzählt die Tochter einer Bauernfamilie. In Friedrichshof kam die Familie unter. Mit fast nichts dabei als den Sachen, die sie an sich trugen. "In den Zimmern haben wir zu zweit in den Betten geschlafen", erzählt die heute 79-Jährige.

Dann kam das Hochwasser im März 1947. Als das Wasser stieg, wurde die Familie mit allen anderen Bewohnern des Hauses in Friedrichshof evakuiert. "Bauer Thieme aus Neuwustrow hat uns damals mit seinem Trekker abtransportiert", erzählt Renate Sperr. Für die Familie ging es auf ein anderes Gehöft in Torgelow. "Ich kann mich noch erinnern, dass wir die letzten waren, die über die alte Holzbrücke an der Zuckerfabrik kamen. Danach schwamm sie weg."

In Torgelow wurde Eltern und Kinder in dem Nebengebäude eines Bauern untergebracht. Ob es ein Stall war, daran kann sich Renate Sperr nicht mehr genau erinnern. "Allerdings haben wir auf Stroh geschlafen", sagt die Altwustrowerin. "Zu Ostern hat jeder von uns ein Ei bekommen. Das war ein schönes Fest", erinnert sie sich zurück. "Auf dem Hof hat es ab und zu mal eine Kartoffel gegeben, aber ansonsten mussten wir uns mit wenig begnügen."

Die Osterfeiertage waren für die Oderbrücher noch einmal besonders hart. "Ich kann mich an einen schweren Sturm erinnern", erzählt Renate Sperr. "Dabei ist ein verlobtes Pärchen ertrunken. Das war tragisch."

Ein Familienmitglied hielt indes in Friedrichshof weiter die Stellung. Renate Sperrs ältester Bruder. "Irgendjemand musste ja auf unser Schwein aufpassen", sagt sie. "Ab und zu sind welche dort hingefahren, um zu gucken, wie es ihm geht." Das Herrenhaus trotzte dem Wasser weitestgehend. Allein in den Keller war Wasser gelangt, nicht aber nicht in die oberen Etagen. "Zum Glück. Wir haben in der ersten Etage gewohnt", erzählt Renate Sperr.

Für ihren Bruder endete die Wache in Friedrichshof unglücklich. Als alle anderen Bewohner evakuiert waren, bediente er sich bei den Nachbarn an einer Schachtel Streichhölzer. Was heute eine Bagatelle wäre, "dafür hat mein Bruder damals unglaublich viel Ärger bekommen", erzählt Renate Sperr. "Alles war eben kostbar. Auch eine Schachtel Streichhölzer." Ihr Bruder flüchtete nach Hannover.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Herrenhaus von seinem eigentlich Eigentümer General von Tilly enteignet worden, erklärt Regionalhistoriker Reinhard Schmook. Den Ursprung des Baus schätzt er aufgrund seiner Architektur auf 1850. Übergeben wurde das Gebäude dann an eine LPG, vermutet er.

Durch die Bodenreform nach dem Krieg erhielten Vertriebene, wie Renate Sperrs Familie, ein Stück Land. "Später sind wir dann nach Altwustrow gezogen", erzählt die Oderbrücherin. Im Haus und auf dem Land mussten alle mit anpacken. "Wir hatten nur ein Fahrrad im Dorf. Mit dem hat mich mein Vater nach Freienwalde gefahren. Dort wurden Tiere und Nahrung verteilt. Unsere Familie bekam eine Ziege. Die nannten wir Rieke. Und ich musste sie allein von Freienwalde über den Damm nach Hause bringen."

Für die Großfamilie zeigte sich der Boden nach dem Hochwasser fruchtbar. Neben Kartoffeln und Leinen, wuchsen Unmengen an Zwiebeln. "Einen Wagen davon, brachten wir sogar nach Strausberg", sagt Renate Sperr.

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