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Birkhuhn fehlt die Lobby

Eine Augen- und Ohrenweide: Das Birkhuhn lebte bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg auch noch im Norden Brandenburgs. Doch dann machte der Mensch dem Vogel den Lebensraum streitig und es verschwand aus den Wäldern.
Eine Augen- und Ohrenweide: Das Birkhuhn lebte bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg auch noch im Norden Brandenburgs. Doch dann machte der Mensch dem Vogel den Lebensraum streitig und es verschwand aus den Wäldern. © Foto: MZV
Martin Risken / 10.02.2017, 06:45 Uhr
Burgwall (GZ) Waldbesitzer Jürgen Sartori kann es kaum fassen: Eine Million Euro stelle das Land Brandenburg zur Verfügung, um im Wildpark Schorfheide ein Wolfsinformationszentrum aufzubauen. Wäre das Geld nicht besser für schützenswerte Tiere angelegt?

Schon um die Jahrtausendwende trafen sich in Sartoris Revier im Nordosten des Landkreises Oberhavel Wildtierforscher, um die Möglichkeit der Wiederansiedlung des Birkhuhnes zu erörtern. Schließlich lebte das Huhn bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in der Region, gehörte sein charakteristisches Zischen in der Balzzeit, was mehrere Kilometer weit zu hören sein kann, noch zum guten Ton in der Region. Das Treffen damals sei aber mehr ein PR-Termin gewesen, als dass sich daraus ernsthaftes Bemühen der Politik entwickelt hätte, bedauert Sartori, dass das Birkwild nicht mehr auf der Agenda der Landespolitik stehe, die sich mehr mit dem Wolf beschäftigt. "Den Wolf muss man aber nicht fördern, der vermehrt sich von ganz allein", ist Sartori überzeugt, der 1 800 Hektar Wald mit einem hohen Wildbestand sein Eigen nennt. Und weil sich der Wolf so sehr vermehrt, werde er zunehmend zu einem Problem, auf das das Landwirtschaftsministerium mit Aktionismus reagiere. An diesem Wochenende finden an drei Orten Informationsveranstaltungen zu "Wolf und Wild" statt. Grund: "Die Rückkehr des Wolfes führt bei vielen Jagdausübungsberechtigten, Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzern zu Fragen hinsichtlich der weiteren Entwicklung der Schalenwildbestände sowie der künftigen Jagdpraxis", heißt es in der Einladung der Oberen Jagdbehörde und der Obersten Naturschutzbehörde. Bei den Informationsveranstaltungen sollen die Fragen aufgegriffen und mit Vertretern der Jagd- und Forstbehörden sowie der Jägerschaft erörtert werden. "Und für das Birkhuhn wird nichts gemacht", bedauert Sartori. Mehrere 100 000 Euro müssten für die Wiederansiedlung des Birkhuhnes aufgewendet werden. Eine offene Heidelandschaft mit viel Erika benötige das Birkwild. Die Frage, welchen Nutzen das Tier hat, beantwortet Sartori gern mit einer Gegenfrage: "Welchen Nutzen hat denn der Wolf?" Das Birkhuhn richte anders als das Raubtier jedenfalls keine Schäden an. Trotzdem werde nichts zur Wiederansiedlung des Birkhuhns getan. Das Birkwild bereichere einfach die Tierwelt und gehöre ja auch hier hin, in den Nordosten Brandenburgs, wo der Mensch dem Huhn den Lebensraum ab den 1950er-Jahren streitig machte. Durch den Verlust und die Zerschneidung seiner Lebensräume ging die Zahl der Paare zurück. Die Rückgänge standen fast immer in Zusammenhang mit der Aufforstung von Mooren und Heidegebieten. Auch durch intensive Weidewirtschaft gingen wichtige Lebensräume verloren. Dass das Land Brandenburg viel Geld für die Wiederansiedlung des Wolfes ausgibt, das bestreitet der Sprecher des Landwirtschaftsministeriums in Potsdam, Hans-Joachim Wersin, energisch. Das Land Brandenburg gebe vielmehr Geld für Präventionsmaßnahmen wie dem Herdenschutz aus. Wersin bestätigte, dass es in den Jahren 2000 und 2001 in Brandenburg Projekte zur Wiederansiedlung des Birkhuhnes in der Lausitz und im Havelland gegeben habe. Die Programme seien ausgelaufen, das dazu gehörige Artenschutzprogramm gelte aber weiterhin.

Dennoch hat das Birkhuhn in Brandenburg offenbar keine Lobby. Leider würden seine Wiederansiedlungswünsche auch von den neuen Eigentümern der Tangersdorfer Heide nicht unterstützt, beklagt Sartori. Die Heinz-Sielmann-Stiftung hatte 279 Hektar der Tangersdorfer Heide im Oktober vergangenen Jahres vom Land Brandenburg für den Naturschutz erworben. Die Fläche ist Teil des ehemaligen Truppenübungsplatzes Tangersdorfer Heide und liegt mit einem Anteil von 116 Hektar im Flora-Fauna-Habitat-Gebiet "Kleine Schorfheide-Havel".

Dabei hatte die Sielmann-Stiftung die Fläche für 1,42 Millionen Euro übernommen, "um gemeinsam mit den Nachbarn eine weitere große unzerschnittene Landschaft für den Naturschutz und die Artenvielfalt zu erhalten", teilte sie mit. Von der Wiederansiedlung von Tieren, die einstmals in der Region lebten, war damals nicht die Rede. Dabei wäre das Areal mit seinen Heideflächen ein idealer Lebensraum für das Birkwild. Elisabeth Fleisch von der Sielmann-Stiftung bestreitet jedoch, dass sich die Stiftung gegen die Wiederansiedlung sperre. "Wir haben grundsätzlich ein Interesse daran, Arten wieder anzusiedeln", sagte sie auf Nachfrage.

In Deutschland findet man das Birkhuhn nur noch in einigen Alpenregionen sowie stellenweise in Mittelgebirgsregionen wie Rhön, Thüringer Schiefergebirge, Erzgebirge und Riesengebirge.

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