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Glasaale für die Wissenschaft

Vorsichtiges Aussetzen: Janek Simon vom Institut für Binnenfischerei in Potsdam-Sacrow achtet auch in Harnekop darauf, dass die Glasaale etwas Deckung haben, um nicht gleich von Barsch & Co. gefressen zu werden
Vorsichtiges Aussetzen: Janek Simon vom Institut für Binnenfischerei in Potsdam-Sacrow achtet auch in Harnekop darauf, dass die Glasaale etwas Deckung haben, um nicht gleich von Barsch & Co. gefressen zu werden © Foto: MOZ/Anett Zimmermann
Anett Zimmermann / 26.02.2017, 19:53 Uhr
Harnekop (MOZ) Glasaale für die Wissenschaft sind jetzt erneut in Harnekop ausgesetzt worden. Diesmal stammen sie aus einem Grenzfluss zwischen Frankreich und Spanien. Untersucht werden sollen ihre Überlebenschancen in Brandenburger Gewässern.

Seit sechs Uhr sind Janek Simon und Frank Weichler vom vom Institut für Binnenfischerei in Potsdam-Sacrow an diesem Tag bereits in Brandenburg unterwegs, als sie am Nachmittag in Harnekop eintreffen. Dort werden sie von Fischer Hannes Böhm und seinen Helfern bereits erwartet. Und auch eine Kundin aus Werneuchen, die selbst einem Anglerverein angehört und gelegentlich bei Böhm Fisch kauft, will es nun genauer wissen.

"Die Aale sind ja noch nicht so erforscht", weiß sie und berichtet unter anderem davon, dass das Angeln der beliebten Speisefische so seine Besonderheiten hat: "Es kann sein, dass Sie einmal fünf, sechs Aale an einem Tag an ihrem See fangen oder auch keinen einzigen." Mitunter mache der Erfolg oder Misserfolg auch nur eine knappe Bootslänge aus: "Da fangen Sie zum Beispiel hinten im Boot keinen einzigen, aber ihr Kollege an der Spitze hat mehr Glück. Das erkläre mir mal einer."

Da zuckt sogar Janek Simon mit den Schultern, der sich bereits seit seiner Doktorarbeit vor 13 Jahren wissenschaftlich mit Aalen befasst, insbesondere mit ihrer Überlebensquote und ihrem Wachstum in heimischen Gewässern. Er habe das Glück, sein Hobby zum Beruf gemacht zu haben, erzählt der 41-jährige Familienvater, der sein Wissen auch schon mal und gern im Kindergarten seines Nachwuchses weitergibt.

Das große Problem der Aale sei, dass die Gewässer heute so verbaut seien, dass die Fische dorthin kaum mehr aufsteigen können. "An Elbe und Ems gibt es zum Beispiel noch natürlichen Aalaufstieg, aber der reicht einfach nicht aus." Die Konsequenz: "Will man Aale als Speisefisch behalten, so müssen Glasaale - also Jungfische, die durchsichtig erscheinen - ausgesetzt werden." Was danach passiert, wird durch Janek Simon in den nächsten Jahren anhand von sechs abgeschlossenen Versuchsseen, also ohne Zufluss, darunter auch in Brandenburg an der Havel, bei Beeskow und Storkow dokumentiert, um daraus die richtige Besatzstrategie abzuleiten.

Die Hauptherkunftsländer der Glasaale seien Frankreich, Großbritannien und Spanien, wobei Frankreich mit 40 Tonnen pro Jahr die größte Fangquote aufweise. "Problem ist da jedoch die Hauptzeit im Januar/Februar", erläutert Janek Simon und fügt hinzu: "Da ist es bei uns noch zu kalt und meist noch Eis auf den Gewässern." In Großbritannen - dort gelten der März und April als Hauptzeit der Glasaale - liege die Fangquote jedoch nur bei acht Tonnen. Janek Simon: "Das hat natürlich auch Auswirkungen auf den Preis der Jungfische."

Waren es in den Vorjahren bis zu 600 Euro netto pro Kilogramm Glasaale aus Großbritannien, so seien es jetzt "nur" 265 Euro pro Kilogramm für die Exemplare aus einem Grenzfluss zwischen Spanien und Frankreich. Und der Wissenschaftler hat noch eine Zahl parat: "Für die 265 Euro haben wir jetzt etwa 3000 Jungfische bekommen."

Laut europäischer Aalverordnung dürften nur 40 Prozent der Glasaale als Speisefisch verarbeitet werden, die übrigen 60 Prozent müssten für den Besatz von Gewässern genutzt werden. Die Frage sei nun, wie sich das frühe Aussetzen der Jungfische aus Frankreich in den Brandenburger Gewässern auswirke, ob der günstigere Preis wirklich günstig bleibe. "Wir fragen uns, wie hoch die Überlebensquote angesichts der zurzeit niedrigeren Wassertemperaturen und des geringeren Nahrungsangebots ist." In Harnekop misst Janek Simon an diesem Tag gerade mal 2,7 Grad Celsius - im März/April sind es meist schon mehr als fünf Grad Celsius -, die Sauerstoffsättigung liegt zurzeit bei 14,7 Milligramm pro Liter und damit bei etwa 100 Prozent, der ph-Wert bei 7,7.

Die Vergleichswerte zu Jungtieren aus Großbritannien seien, so der Potsdamer, bereits zwischen 2004 und 2011 durch ihn erfasst worden. 2019 sollen, so der Wissenschaftler, noch einmal Glasaale in Harnekop ausgesetzt werden. Ab 2020 stünden Bestandsschätzungen an: "Wir fischen dann am Ufer die noch kleinen Aale elektrisch. Wir messen und wiegen sie und geben sie wieder frei."

Vorteil sei, dass die Seen in Harnekop in den vergangenen Jahren nicht neu besetzt worden seien. Aber auch sonst ließen sich jetzt ausgesetzte Fische später gut erkennen: "Wir haben sie mit rotem Farbstoff markiert, der sich nur in den Knochenstrukturen einlagert und unter dem Mikroskop zu erkennen ist", erläutert Simon Janek.

Die Glasaale hätten damit schon eine Menge hinter sich: "Von ihren Laichplätzen bis zum Fangort sind sie bereits an die 6000 Kilometer gewandert. Hinzu kommen 18 Auto-Stunden gut verpackt in Fischtransport-Tüten bis zur niederländischen Grenze und noch einmal sechs Stunden bis zu uns ins Institut."

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