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Testflug für Tauben

Wind Nord/Ost, Startbahn null-drei: Den Reinhard Mey-Klassiker "Über den Wolken" kennen diese Brieftauben sicher nicht. Dennoch können sie auf ihrer Reise enorme Höhen erreichen.
Wind Nord/Ost, Startbahn null-drei: Den Reinhard Mey-Klassiker "Über den Wolken" kennen diese Brieftauben sicher nicht. Dennoch können sie auf ihrer Reise enorme Höhen erreichen. © Foto: MZV
Markus Kluge / 26.04.2017, 22:13 Uhr
Linum (RA) In Linum spielten die Störche und Kraniche am Mittwochmittag eine untergeordnete Rolle. Für nicht weniger als 700 Brieftauben war eine Wiese am Ortsrand der Startpunkt für ihren ersten Trainingsflug in diesem Jahr.

Auf der Ladefläche von Wolfgang van Ghemens Lkw gurrt es wie verrückt. Während der 72-Jährige den Blick aus der Fahrerkabine über die frühlingsgrüne Wiese schweifen lässt, sitzen die Brieftauben hinter ihren Plexiglasscheiben und können den Abflug kaum erwarten. Die Tiere gehören Züchtern, die Mitglied in Reisevereinigung (RV) Oberhavel sind. Sie haben Wolfgang van Ghemen ihre Tauben anvertraut, der sie im Brieftauben-Express transportiert. So steht es in großen Buchstaben auf dem Lkw. "Ich war schließlich 42 Jahre lang Berufskraftfahrer", sagt der Mann in der grünen Latzhose, der den Brummi jetzt nur noch im Sinne des Brieftaubensports lenkt. Zum Startpunkt werden die Vögel stets chauffiert. Den Rückweg finden sie auf dem Luftweg alleine.

Für die rund 700 Tauben ist es der erste "Ausflug" in diesem Jahr. "Nur ein Training. In einer Viertelstunde sind die ersten wieder zu Hause", sagt ihr Fahrer. Aber auch für einen Übungsflug sollten die Bedingungen stimmen. Nicht zu kalt und nicht zu windig sollte es sein. Bei den Böen, die bei Linum wehen, bekommen die beiden anderen Taubenzüchter, Ronny Müller aus Kremmen und sein Vater Karl-Heinz aus Schwante, ein wenig das Flattern. Schließlich steht ganz in der Nähe eine Stromleitung. "Nicht, dass sie die nicht sehen und reinfliegen oder vom Wind reingedrückt werden", fürchtet Karl-Heinz Müller. "Dann musst du eben Tauben mit Brille züchten", entgegnet van Ghemen darauf nur. Bereitwillig schmeißt er dennoch den Täubchen-Transporter an und fährt ein paar Meter weiter. Weg von den gefährlichen Leitungen. Sicher ist sicher.

Kurz vor dem Start um 11.30Uhr klingelt immer mal wieder Ronny Müllers Handy, dessen Schutzhülle eine Brieftaube ziert. Die anderen Züchter wollen wissen, ob alles wie geplant ablaufen wird und sie die Tiere bald erwarten können. "Gleich geht es los", kündigt Müller durch sein Telefon an. Pünktlich um 11.30 Uhr öffnet van Ghemen die Kästen und die Tauben starten mit schlagenden Flügeln durch. In dem Luftwirbel hinter ihnen schweben ein paar kleine Federn, während der Schwarm erst auf das Wäldchen am Sportplatz zufliegt, dann an Höhe gewinnt und die gefürchtete Stromleitung im sicheren Abstand überfliegt. Dann drehen die Vögel in Richtung Osten nach Oberhavel ab.

Die drei Männer sind mit dem ersten Start des Jahres zufrieden. Dass die Tauben den relativ kurzen Weg zum Ziel finden werden, davon ist Karl-Heinz Müller überzeugt - auch wenn der spitzenmäßige Orientierungssinn der Tiere nicht vollends erforscht ist. Und falls doch der seltene Fall eintritt, dass ein Täubchen vom Wege abkommt, hat es für seinen Finder einen Ring mit der Telefonnummer des Züchters am Bein. Die großen Herausforderungen für ihre Tiere kommen aber erst noch. Gestartet wird in den kommenden Monaten ab Friesack und Genthin. Wenn die Tauben dann ab Wolfsburg, Bad Nenndorf, Minden, Recklinghausen, Rheine und schließlich von der niederländischen Atlantikküste aus losgelassen werden, geht es um Preise und Pokale. Gemessen werden die Zeiten der Tiere zwischen Abflug und Ankunft - natürlich geht es um Geschwindigkeit, wie bei vielen Männer-Hobbys. Das Ziel der Züchter ist es, ihre Tiere für solche Wettflüge auf den Punkt fit zu bekommen, damit sie ihre Bestleistung geben und schnell wieder das vertraute Heim erreichen.

"Brieftauben - ein schönes Hobby", steht auf der Mütze von Karl-Heinz Müller. "Dazu kann man auch stehen", sagt er. Sein Sohn macht aus seiner Liebe zu Brieftauben auch kein Geheimnis: Er hat deren Umrisse riesengroß auf sein Auto kleben lassen - gleich neben die Rennstreifen.

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