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Mit Wäschediebstahl fing alles an

Ruth Buder / 30.04.2017, 08:38 Uhr
Jamlitz (MOZ) Es ist der Stoff, aus dem Drehbücher geschrieben werden. Geschehen ist diese Geschichte zwischen 2015 und 2017 in Jamlitz. Es geht um einen behinderten Jugendlichen, einen gefilmten Wäschediebstahl und ein Fastnachtsprogramm.

In Jamlitz hat 2015 ein geistig behinderter Jugendlicher auf einem fremden Grundstück Wäsche gestohlen und allerlei im Garten hin und her geräumt. Der Besitzer hat die Tat gefilmt - per Wildkamera. Anstatt zur Mutter des behinderten Jungen zu gehen und sich zu beschweren, hat er bei der Polizei eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch erstattet. Das Gericht verurteilte den damals 18-Jährigen Matthias* zu Sozialstunden, die er auch im Justus-Dellbrück-Haus in Jamlitz ableistete.. "Damit hatte ich überhaupt kein Problem", sagt Matthias' Mutter Doreen Jansen (41). "Er muss wissen, dass er etwas falsch gemacht hat. Das schadet ihm nicht." Nach dem Diebstahl - es soll sich um zwei Badehosen gehandelt haben - habe ihr Junge die Sachen zurückgebracht und auch noch sein Taschengeld bei den Geschädigten zur Entschuldigung abgegeben, berichtet die Mutter.

Matthias ist seit seiner Geburt geistig behindert und in seiner Sozialkompetenz stark eingeschränkt, erzählt die Mutter. Man sehe ihm seine Behinderung nicht an, er habe die Förderschule besucht und gehe jetzt in eine Behindertenwerkstatt der Lebenshilfe in Cottbus, werde jeden Tag geholt und nach Jamlitz zurück gebracht. Er habe immer wieder gute, aber auch viele schlechte Tage, erzählt sie. Da mache Matthias Unsinn wie ein Fünfjähriger. "Stehlen ist zum Beispiel für ihn nicht stehlen, er sagt dann, er habe etwas gefunden."

Zwei Jahre habe sie dafür gekämpft, dass Matthias überhaupt eine Beschäftigung und Betreuung bekommen habe. "Wir haben kein Geld und keine Beziehungen", sagt die Mutter von vier Kindern. Schon lange wollte sie mit ihrem Mann und den Kindern in eine andere Wohnung umziehen - ihr gemietetes Haus in Jamlitz ist von Schimmel befallen. "Ich hatte oft den Eindruck, dass man eine Familie mit einem Behinderten nicht möchte." Doch nun zeichnet sich im Ort eine Lösung für die Familie ab.

Aber nach dem Diebstahl und der Anzeige des Bestohlenen wegen Hausfriedensbruchs ist die Geschichte noch nicht beendet. Es ist Fastnacht 2016. Das Programm heißt "Tatort Jamlitz". Die "Olsenbande" simuliert auf der Bühne einen Wäschediebstahl, die Polizei kommt, Reporterin Karla Kolumna ist auch mit dabei. Unter den Zuschauern ist auch Corina Uhlig (52), die Freundin von Doreen Jansen. Sie zieht sofort eine Querverbindung zu Matthias' Diebstahl und dem Video, das der Geschädigte mit der Wildkamera aufgenommen hat. Corina Uhlig ist überzeugt: "Hier wurde ein Behinderter lächerlich gemacht." In dieser Zeit ist auch die Rede davon, dass das Video die Runde macht - von Handy zu Handy. Einen Beweis gibt es nicht.

Doreen Jansen stellt am 9. Januar 2016 eine Strafanzeige bei der Lübbener Polizei wegen Verletzung des "Urheberrechts an Werken der bildenden Künste und der Fotografie". Die Polizei lädt daraufhin etwa acht Personen aus der Fastnachtstruppe zur Befragung ein. "Alle Zeugen haben bestritten, je das Video gesehen, noch das Fastnachtsprogramm daran ausgerichtet zu haben", heißt es auf Nachfrage bei der Polizei. Das ganze Verfahren unter dem Aktenzeichen 1310JS15654-16 stellten Polizei und Staatsanwaltschaft wegen "Verurteilungsunwahrscheinlichkeit" ein. Die Ermittlungen hätten nicht genügend Anlass gegeben, um den Sachverhalt vor Gericht zu bringen. Die Aussage von Corina Uhlig allein reichte nicht aus.

Bianca Fischer, die zu den Fastnachtsveranstaltern gehört, wehrt gegenüber der MOZ alle Vorwürfe vehement ab. Das Programm mit der Olsenbande habe nichts mit Video zu tun. Ein solches kenne sie auch nicht. Um allen Vorwürfen zu begegnen, sei beim diesjährigen Programm schon ein Schild aufgestellt worden, um kenntlich zu machen, dass es keine Verbindung zu lebenden Personen gebe, so wie man das aus Filmen kenne. "Es ist unglaublich, was die Leute anzeigen. Wenn es so dramatisch wäre, wie geschildert, hätte es die Polizei nicht abgeschmettert", findet sie.

Doreen Jansen ist schwer enttäuscht: "Eigentlich hätte mir eine Entschuldigung gereicht. Mein Sohn ist behindert, aber ich liebe ihn, wie alle meine Kinder. So etwas hat er nicht verdient."

Einen letzten Versuch, das Thema öffentlich zu behandeln, machte Corina Uhlig auf der letzten Versammlung der Gemeindevertretung in Jamlitz, wo sie den Sachverhalt noch mal vortrug und einer Gemeindevertreterin vorwarf, von alldem gewusst und dies geduldet zu haben. Die Gemeindevertreterin blieb dabei: "Alles Quatsch."

*Name von der Redaktion geändert

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