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Versuchsanlage versackt im Moor

Wasser auf der Versuchsfläche: Seit Mitte der 90er-Jahre testen Wissenschaftler die Nutzung von Abwasser zur Wiedervernässung des Niedermoors bei Biesenbrow. Weil es keine Neuprojekte gibt, sollen Schafe auf das Gelände.
Wasser auf der Versuchsfläche: Seit Mitte der 90er-Jahre testen Wissenschaftler die Nutzung von Abwasser zur Wiedervernässung des Niedermoors bei Biesenbrow. Weil es keine Neuprojekte gibt, sollen Schafe auf das Gelände. © Foto: MOZ/Oliver Voigt
Oliver Schwers / 06.05.2017, 06:50 Uhr
Biesenbrow (MOZ) Einer einst mit Millionenaufwand gebauten wissenschaftlichen Versuchsanlage in den Wiesen bei Biesenbrow droht das Ende. Die Finanzierung über Forschungsprojekte ist nicht gesichert. Jetzt sollen Schafe auf das Gelände. Der Wasser- und Bodenverband kappt alle Leitungen.

Der Traum hat sich nie erfüllt: Man nehme Abwasser aus uckermärkischen Dörfern, kippe es in biologische Klärteiche und lasse es im Niedermoor verrieseln. Auf diese Weise würde ohne weite Wege der Wasserkreislauf erhalten, bei gleichzeitiger Klärung der stinkenden Toilettenreste. Und dem Moor würde das durch die frühere Melioration fehlende Wasser gegeben.

Doch die Idee - Mitte der 90er Jahre als Forschungsprojekt entstanden - wurde schnell verworfen. Niemand wollte die Verantwortung übernehmen, falls der Versuch schief laufen sollte. Und eine gesetzliche Regelung über eine solche Verwendung von Fäkalien gab es ebensowenig.

Dennoch ließen Wissenschaftler über ein Projekt für rund fünf Millionen Mark eine zehn Hektar große Pilotanlage in die Biesenbrower Wiesen bauen und eine Fäkalannahmestation noch dazu. Die Idee einer solch gezielten Moorrettung in Verbindung mit landwirtschaftlicher Nutzung traf auf höchstes Interesse. Und so beteiligten sich die Humboldt-Uni Berlin, die Uni in Greifswald sowie das Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF). Statt trüber Abwässer kamen nun aber die bereits in den Klärwerken gereinigten Wässerchen - vermischt mit Klarwasser - in die Teiche. Eine abgespeckte Variante.

Ergebnis: "Durch die Bank weg positiv", sagt Dagmar Balla, Projektverantwortliche im ZALF. "Wir haben hier absolutes Neuland betreten." Denn normalerweise fließen die geklärten Abwässer in extra gebaute Becken oder in die Grabensysteme. Im schlechtesten Falle gehen sie dem Wasserhaushalt der Landschaft verloren. Allerdings stecken auch nach der Reinigung noch Spurenstoffe wie Pharmaka darin. Durch natürliche Abbauprozesse im Biesenbrower Großraumlabor lassen sie sich eliminieren. Der Gewässerschutz funktioniert demnach. Und der Moorkörper bekommt dringend das für seinen Erhalt benötigte Wasser. Außerdem konnte man Schilf und Seggen als Biomasse ernten.

Doch jetzt herrscht Ebbe. Schon seit über einem Jahr passiert nichts mehr auf dem Gelände. "Wir werden alle Versorgungsleitungen zurückbauen", heißt es vom Wasser- und Bodenverband Welse. Der hatte die Pilotfläche vor etwa zehn Jahren durch Projektmittel erworben und fungiert seitdem gewissermaßen als technischer Hausmeister für die Wissenschaft. "Wir sind natürlich für jegliche Forschung offen", sagt Verbandschefin Christine Schmidt. "Aber ohne Projekte ist es ein wertloses Grundstück. Die Teiche bleiben bestehen, auch wenn dort weiter kein Wasser eingeleitet wird. Weil wir nur Dienstleister waren und uns keine Kosten entstehen dürfen, suchen wir jetzt einen Nutzer für das Grünland, zum Beispiel für Schafe."

Alleiniges Problem ist das Geld. Derzeit sind keine Projektmittel vorhanden, um das Großraumlabor weiterführen zu können. Die Anlage verfällt und verwildert. Und dem Moor fehlt das Wasser. "Wir würden die Versuchsfläche gern erhalten", sagt Dagmar Balla. "Noch sehe ich Chancen über die Uni in Greifswald." Ein Treffen dazu mit den bisher beteiligten Partnern soll stattfinden.

Auch Karsten Stornowski, Landwirtschaftsdezernent der Kreisverwaltung, sieht noch keinen Untergang der immer wieder mit viel Aufwand erneuerten Pilotstation. Lange Jahre hatte er als vormaliger Chef des Wasser- und Bodenverbands die Kontakte zur Forschung gehalten. In seiner jetzigen Funktion bewegt ihn das intelligente Wassermanagement in der Uckermark erst recht. "Wenn man die Anlage in einem ordnungsgemäßen Zustand vorhält, dann stürzt sich irgendwann wieder jemand aus der Forschung darauf", so Stornowski. "Bei einer Schafnutzung bin ich allerdings skeptisch, weil dann der Wasserstand niedriger gehalten werden muss."

Doch Wasser braucht das Niedermoor unbedingt. Auch das ist ein Ergebnis der jahrelangen Untersuchungen. "Im ländlichen Raum reicht die Menge an gereinigtem Abwasser gar nicht aus, wir würden also Zusatzwasser benötigen", erklärt Dagmar Balla. Aus den Ergebnissen des Biesenbrower Großversuchs haben die Wissenschaftler Vorschläge unterbreitet, um im größerem Umfang die reinigende Kraft des Moores zu nutzen. Damit müssten künftig Abwässer nicht mehr über Gräben aus der Landschaft fließen, sondern könnten vor Ort ökologisch genutzt werden.

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