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Von Friesen und Wilzen

Ausschnitt aus einem 2016 geschaffenen Gemälde der Havelländerin Doris Schacht, das Slawen beim Fischfang und bei der Arbeit an einem kleinen Einbaum zeigt.
Ausschnitt aus einem 2016 geschaffenen Gemälde der Havelländerin Doris Schacht, das Slawen beim Fischfang und bei der Arbeit an einem kleinen Einbaum zeigt. © Foto: schacht
Rene Wernitz / 06.05.2017, 07:11 Uhr
Friesack (MOZ) Was dem einen sein Heiliger, ist dem anderen sein Teufel. In Friesack ist mit dem Leibhaftigen die Legende um die Entstehung des Ortsnamens verwoben. Er soll einst das Adelsgeschlecht der Bredows in einen Sack gesteckt haben und mit ihnen vondannen geflogen sein. Dort, wo der Sack gerissen und ein Bredow die Freiheit aus diesem Sack des Teufels erlangt haben soll, ist heute von Friesack, sprich Frie-Sack, die Rede. Dort wird am 20. Mai wieder Fliederfest gefeiert, inzwischen zum 120. Mal.

Im Mittelalter gab es dort noch eine Burg, die die Tür zur Herleitung des Ortsnamens aus dem Niederdeutschen öffnet. So könnte der märkische Landesvater, Albrecht der Bär, im 12. Jahrhundert Friesen mit der Errichtung der Burg beauftragt haben. So wird im 2006 erschienenen Buch "Die Herrenhäuser des Havellandes" (Lukas-Verlag) berichtet. Aus dem Stammesnamen der Friesen und dem niederdeutschen "Ack" für fließendes Wasser könnte Friesack, sprich Fries-Ack, entstanden sein. Diese Möglichkeit wird umso interessanter, wenn man den Ortsnamen Bad Wilsnack einer genaueren Betrachtung unterzieht.

Der Ort, bekannt für seine frühere Wallfahrtskirche, befindet sich rund 50 Kilometer nordwestlich von Friesack und etwa sechs Kilometer von der Elbe entfernt. Dahinter ist die Altmark. Der Fluss stellte bis ins 12. Jahrhundert hinein die Grenze zwischen dem christlich-deutschen Westen und dem slawisch geprägten Osten dar. Bad Wilsnack, bis 1929 nur Wilsnack, wäre also ein strategisch durchaus wichtiger Ort gewesen, sofern es ihn schon vor über 1.000 Jahren gegeben hätte. Seine Ursprünge liegen aber im Dunkeln. Auf Wikipedia findet sich folgender Satz: "Im Jahr 1384 wurde Wilsnack, dessen frühe Geschichte durch seine Lage im wendisch-sächsischen Grenzgebiet bestimmt wurde, zum ersten Mal urkundlich erwähnt."

Und wer jetzt die "Fries-Ack"-Variante nutzt, um gedanklich zu einem "Wilsn-Ack" zu gelangen, könnte an ein Wasser denken, das womöglich die Grenze hin zum mächtigen slawischen Stammesverbund der Wilzen bildete. Dieser war schon im 8. Jahrhundert in einer fränkischen Quelle erwähnt worden. Ein Dragowit, König der Wilzen (rex wilzorum), war Gegner von Frankenkönig Karl dem Großen. Dieser war 789 gegen die Wilzen zu Felde gezogen, unterstützt durch eine friesische Flotte, die die Elbe aufwärts gerudert und dann in die Havel eingebogen sein soll. Wo letztlich die Regenten aufeinander trafen, ist noch nicht ausdiskutiert. Es gibt Stimmen, die das Havelland dafür in Betracht ziehen.

Indes liegen Friesack und Bad Wilsnack tatsächlich an Flüssen, die mit Booten hätten durchaus befahren werden können, die dafür aber geringen Tiefgang aufgewiesen haben müssten. So wie die slawischen Einbäume. Reste eines solchen waren 1935 bei Brenkenhof im Rhin, nahe der Brücke zur Mühlenburg, einem slawischen Burgwall, gefunden worden. BRAWO berichtete im Oktober 2016 darüber. Der Einbaum war aus Eichenholz, hatte eine Breite von 0,75 Metern und war etwa 30 Zentimeter tief ausgearbeitet. Der Rhin durchfließt den Gülper See, um westlich in die Havel zu münden. Friesack liegt nahe eines Nebenarms, Alter Rhin genannt. Der Fluss, an dem Bad Wilsnack liegt, heißt Karthane. Sie soll dort eine Tiefe von 0,6 bis 1,5 Metern aufweisen. Die Karthane mündet in die Stepenitz, die kurz danach in die Elbe fließt. Es könnte sich also durchaus um einen Grenzfluss gehandelt haben, der Wilsn-Ack den Namen gab. Für ein Fries-Ack fehlen indes Anhaltspunkte für die tatsächliche Anwesenheit von Friesen. Allerdings hat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch noch niemand den Teufel leibhaftig in der Fliederstadt gesehen, dem allerdings dort ein Denkmal gesetzt wurde.

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