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Benzingeruch und Rockmusik

Julia Lehmann / 15.05.2017, 21:44 Uhr
Friedrichswalde (MOZ) Da war's vorbei mit der Ruhe: Motorradfreunde pilgerten am Muttertag wieder nach Friedrichswalde. Pfarrer Ralf Schwieger hatte zum 22. Mal in Folge zu Gottesdienst und gemeinsamer Tour geladen. Eine friedliche Zusammenkunft von Rockmusik und dröhnenden Auspuffen.

Die zwei Rentnerinnen haben einen guten Platz ergattert. Schwatzend haben sie es sich auf einer Bank vor einem Wohnhaus gemütlich gemacht. Sie sind nicht allein: Unweit haben Anwohner Gartenstühle an den Straßenrand gestellt, um nichts zu verpassen. Motorräder knattern an ihnen vorbei, halten auf dem spießig-grünen Rasen vor den Häusern, die die Straße säumen. Männer und Frauen in dunkler Lederkluft schwingen sich von ihren Bikes. So viel Bewegung ist selten in der Friedrichswalder Dorfstraße. Die beiden Seniorinnen genießen den Trubel: "Wenn man nicht mehr so recht gehen kann, erfreut man sich an so einem Volksauflauf", sagt eine von ihnen, während sie sich auf ihren Gehstock stützt. "Solange es nicht regnet, bleiben wir hier sitzen", ergänzt die andere.

Es ist Muttertag. Seit nun mehr 22 Jahren lädt Ralf Schwieger, Pfarrer in der Kirchengemeinde Friedrichswalde, an diesem Tag zum Motorradgottesdienst in den 760-Seelen-Ort. Ein Spektakel, zu dem viele Hundert Motorrad-Verrückte aus der gesamten Region anreisen. Bei der friedlichen Zusammenkunft wird aber auch nie die Gefahr des Motorradfahrens vergessen. Pfarrer Ralf Schwieger gedenkt in seiner Andacht der Opfer der vergangenen Motorrad-Saison. Es wird eine Schweigeminute abgehalten. Das Motto des Gottesdienstes aber möchte von der Gefahr wegführen und heißt "Keine Angst". Pünktlich um 14 Uhr ist die kleine Dorfkirche rappelvoll. "Genau 365 Mal findet man den Zuspruch "Fürchte dich nicht' in der Bibel", sagt Schwieger. Die Bibel wisse offenbar genau, dass dieser Zuspruch immer wieder nötig sei. Es gebe vieles, wovor man sich fürchten könne. "Auf dem Motorrad habe ich keine Angst", so Schwieger. "Wenn wir auf das schauen, was uns Angst macht, gehen wir unter", lautet sein Rat.

Es wäre ja keine Zusammenkunft unter Bikern, wenn nicht auch Musik eine Rolle spielen würde. Die Band "Fathat" verleiht dem Gottesdienst den nötigen Rock-Sound. Frank Stein (Gesang/E-Gitarre), Joschi Bauer (Schlagzeug) und Sascha Scherbina (Bass) versetzen das Gotteshaus während der Andacht mehrfach unter Strom.

Vom rauen Klischee kaltschnäuziger Motorradgangs kann sich dieser Tag gänzlich freimachen. Ein gutes Beispiel sind Frank "Rehmi" Rehmann (55) und Eberhard "Epe" Wenzel (57). Beide sehen nach harten Kerlen aus. Erst recht, wenn die beiden Finower mit Bart und Kopftuch auf Rehmis Trike Platz nehmen. Tatsächlich aber unternimmt Rehmi in seiner Freizeit Ausfahrten mit körperlich behinderten Kindern und setzt sich gegen Kinderpornografie und -missbrauch ein.

Vor der Kirche hat Thomas Bläsing aus Fürstenwalde einen riesigen Truck positioniert. Darin hat der Suzuki-Händler etliche neue Motorrad-Modelle antransportiert, lässt die Besucher Probe fahren. "Wir haben auch Probefahrzeuge im Laden, aber das hier ist was anderes für die Jungs", sagt der 45-Jährige.

Nun aber an die Motorräder - auf zur gemeinsamen Tour durch Joachimsthal, Golzow, Britz, Lichterfelde, Altenhof, Joachimsthal und wieder nach Friedrichswalde. Das Amt Britz-Chorin-Oderberg hatte dem Tross die Durchfahrt durch das Amtsgebiet zunächst verwehrt. Davon will Ralf Schwieger am Sonntag nichts wissen. "Ist Geschichte", sagt er nur. Schließlich wusste er sich zu helfen und hat die Ausfahrt kurzerhand als Demonstration angemeldet - inklusive Kundgebung. Mit der Motorradstaffel der Johanniter sowie der Polizei im Geleit geht der einstündige Ausflug ohne Vorfälle über die Bühne. Völlig angstfrei.

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