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Kahlschlag oder Waldverjüngung?

Hermann Hummer* / 24.05.2017, 06:33 Uhr
Görlsdorf (MOZ) Im Görlsdorfer Forst gibt es Zoff. Naturschützer sprechen von einem "Kahlschlag" auf großen Flächen. Die Fürstliche Forstverwaltung dagegen spricht von Waldverjüngung.

Naturfreunde beobachteten im Görlsdorfer Forst einen ihrer Meinung nach äußerst intensiven Holzeinschlag. Sebastian Swart zum Beispiel, Ex-Berliner und jetzt Wahl-Uckermärker, entdeckte bei Spaziergängen an Wegesrändern im Wald übermannshohe Baumstapel und Astwerkberge. Etliche Flächen, so berichtete er, waren bis auf wenige große Bäume stark ausgelichtet. Andere Bestände großräumig abgeholzt. Von Kahlschlag ist die Rede.

2014 wandte er sich erstmals mit seinen Sorgen an das Biosphärenreservat Schorfheide Chorin. Die damalige Verwaltungsspitze des Reservates antworte ihm: "Ich kann Ihre Sorge und Ihr Unverständnis über die Waldbehandlung im Görlsdorfer Wald gut nachvollziehen."

Biosphärenreservate sind außerhalb der Zonen 1 (Kernzone, drei Prozent Flächenanteil) und 2 (Pflegezone, 19 Prozent) keine strengen Naturschutzgebiete, sondern vielmehr Freilandlabore, in denen neue Verfahren und Modelle für (ökologisch) nachhaltige Landnutzungen entwickelt, erprobt und wissenschaftlich begleitet werden. Im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin sind lediglich etwa 4000 Hektar, zum Beispiel der innere Grumsin, nutzungsfrei. Die übrigen Wälder werden bewirtschaftet. Auf die Privatwaldbewirtschaftung hat die Reservatsverwaltung nur geringen Einfluss. So lange sich der private Waldbewirtschafter an die in der Schutzverordnung formulierten Eckpunkte hält, so erfährt Sebastian Swart, habe diese rechtlich kaum Möglichkeiten, ihn zu der empfohlenen Form der Waldbewirtschaftung zu zwingen. Zu den rechtlich festgelegten Eckpunkten gehören: Keine Kahlschläge, keine Wieder- oder Neuaufforstung mit nichtheimischen Baumarten, Einhaltung der Horstschutzzonen für Großvögel.

Wörtlich heißt es in dem damaligen Antwortschreiben aus der Reservatsverwaltung in Angermünde: "In dem von Ihnen beschriebenen Raum hält sich der Waldbewirtschafter an diese gesetzlichen Vorgaben, ist aber darüber hinaus nicht bereit, weitere naturschutzfachliche Forderungen der Biosphärenreservats-Verwaltung umzusetzen. Dabei werden die rechtlichen Rahmenbedingungen so weit wie möglich ausgeschöpft. Zum Beispiel gilt erst eine Auflichtung des Kronenschlusses auf unter 40 Prozent als Kahlschlag; diese Marke wird im besagten Privatwald genau eingehalten; nicht heimische Baumarten werden nicht aktiv gepflanzt, aber die Naturverjüngung gezielt gefördert."

Auf 85 Prozent der Waldfläche könne die Biosphärenreservats-Verwaltung die Art der Waldbewirtschaftung wirkungsvoll beeinflussen. Lediglich 15 Prozent der Waldfläche sind klassischer Privatwald. Der größte Teil davon konzentriert sich im Gebiet westlich und nordwestlich von Angermünde. Genau dort hatten die Naturschützer ihre Beobachtungen gemacht. Gemeinsam mit Hermann Hummer, Vorsitzender der Angermünde Nabu-Ortsgruppe, zeigte Swart im Frühjahr einer Gruppe Naturschützern, was seiner Meinung nach im Forst abgeht.

Jetzt bezog die Fürst zu Oettingen-Spielbergschen Verwaltung in Görlsdorf, die den Wald seit fast zwei Jahrzehnten bewirtschaftet, während einer Forstbesichtigung mit Förstern und Verwalter gegenüber der Märkischen Oderzeitung zu den Beobachtungen der Naturschützer Stellung. Leiter Markus Schlösser erklärte seine Vorhaben auf den fast 3000 Hektar großen fürstlichen Forstflächen. Von Kahlschlag könne keine Rede sein, es gehe um natürliche Waldverjüngung und Ergänzungspflanzungen sowie den Erhalt des Bestandes im Verhältnis von rund zwei Dritteln Nadel- und etwa einem Drittel Laubbäumen. Die Herausforderung: Ältere Bestände in neue Baumgenerationen zu überführen. Das erklärte Ziel: Mischbestände im Forst. Die Aufgabe: Bäume aus dem Bestand entnehmen und mehr Licht in den Baumbestand bringen. Der Verwaltungschef räumt ein: Das passiert hier auf kleinen Flächen recht intensiv. Aus diesen würde viel Holz entnommen, abhängig vom Baumbestand. Buchenwälder seien dunkel, Kieferwälder lassen mehr Licht auf den Boden. Das fördere die Artenvielfalt, meinen Schlösser und die beiden ihn begleitenden Förster Thomas Wengert, Revier Görlsdorf, und Sebastian Piesker, Revier Neuhaus, übereinstimmend.

Schlösser beruft sich bei seinen Plänen auf Adam Schwappach (1851-1932), einst Leiter des forstlichen Versuchswesens in Preußen. Er entwickelte Ertragstafeln als Wachstumsmodell für Waldbestände. Schwappach hatte zu seiner Zeit Kontakt zur fürstlichen Familie.

Von den Holzeinschlägen im Görlsdorfer sind nach Schlössers Angaben acht bis zehn Prozent des gesamten fürstlichen Privatwaldes mit seinen rund 3000 Hektar Ausdehnung betroffen. Rücksicht werde zum Beispiel auf Adlerhorste genommen, auf Kreuzotter- oder Fledermausprojekte. Im Görlsdorfer Forst untersuchen zudem gerade Experten die Artenvielfalt im Wald.

Am Ende steht aber: Der Waldeigentümer lebt von der Waldbewirtschaftung, muss und will damit Geld verdienen. Zur Wahrheit gehört ebenso: Kiefernholz verkauft sich besser, zum Beispiel als Material für einen Dachstuhl, während Buchenholz sich für Treppen, Parkett und Möbel eignet.

Markus Schlösser signalisiert Gesprächsbereitschaft mit den Naturschützern: "Wir sind nicht glücklich darüber, wenn sich jemand bei uns im Wald aufhält und sich an irgendetwas stört. Sie können uns jederzeit anrufen." Sebastian Swart und Hermann Hummerwollen ihn einladen, öffentlich in der Uckermark die Fragen von Bürgern zu beantworten.

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Wolfgang Pfeiffer 26.05.2017 - 08:56:19

Kahlschlag bei Oettingen-Spielberg

Wahrscheinlich benötigt der Prinz Franz-Albrecht zu Öttingen-Spielberg Geld, damit er die Kosten seiner aufwendigen Hochzeit vom letzten Jahr wieder rein bekommt. Da muss eben mal etwas mehr Holz verkauft werden! Man hat es ja (wieder) ... Seit der Wendezeit und danach kam immer mehr Waldbesitz wieder in den Besitz von Adeligen. Graf von Stauffenberg, vormals Chef des Waldbesitzerverbandes, hatte dereinst sein Mandat als CSU-EU-Abgeordneter nur deshalb niedergelegt, um bei der bundeseigenen Bodenverwertungs- und -verwaltungsgesellschaft (BVVG) den Chef-Verkäufer für die Ost-Wälder zu machen. Er arbeitete fleißig und mit viel Erfolg. Zum Beispiel. gingen im Naturpark "Uckermärkische Seen" die Filetstücke, über zehntausend Hektar Wald, an zehn Vertreter des Hochadels, darunter Fürst zu Solms-Lich, Bruder des ehem. FDP-Schatzmeisters, Baron Ostmann von der Leihe, an mehrere Grafen von Arnim und von Sayn-Wittgensteins. Und in der Schorfheide, wo einst Göring jagte ist Fürst zu Solms-Lich mit dabei, ebenso der bayrische Fürst zu Oettingen-Spielberg. Angeblich besitzen die Oettingen-Spielbergs mehr als 4.000 ha Wald. Nach dem Einschlag bei Görlsdorf dürften es allerdings 1.000 ha weniger sein ...

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