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Gabriele Schöber hat mit ihrer Familie das Berliner Stadtleben aufgegeben und fühlt sich auf dem Dorf wohl

Die Hopfenhexe zapft Bier in Groß Eichholz

Kennt sich aus mit Bier: Gabriele Schöber stellt ihren eigenen Hopfensaft her und verkauft ihn in ihrem Biergarten in Groß Eichholz. Auch übers Internet kann man ihre besonderes Kreationen beziehen.
Kennt sich aus mit Bier: Gabriele Schöber stellt ihren eigenen Hopfensaft her und verkauft ihn in ihrem Biergarten in Groß Eichholz. Auch übers Internet kann man ihre besonderes Kreationen beziehen. © Foto: Elke Lang
Elke Lang / 06.06.2017, 06:55 Uhr
Groß Eichholz (MOZ) Ein Land, eine Stadt und selbst ein Dorf wären nichts ohne Menschen. Viele haben es noch nie in die Schlagzeilen geschafft und sind dennoch wichtig und interessant. Und alle haben etwas zu erzählen. Die MOZ stellt in einer Serie Gesichter aus Oder-Spree vor. Heute Gabriele Schöber, auch bekannt als Hopfenhexe.

"Ich bin ein totales Stadtkind, durch und durch eine Berliner Pflanze", sagt Gabriele Schöber von sich. Der Lärm der U-Bahn der Schönhauser gehörte ebenso zu ihrem Lebensgefühl wie alles andere, was die Stadt zu bieten hat: "Das Kino, schnell mal zum Bäcker oder Fleischer nebenan und die Kneipe an der Ecke". Damit war 2008 Schluss. Gabriele Schöber war 48 Jahre alt und "hatte das Stadtleben satt". Seit 1992 besaß die Familie mit Ehemann Jürgen und den Töchtern Franziska und Linda, jetzt 32 und 29 Jahre alt, ein Erholungsgrundstück in Groß Eichholz, nach dem sie sich die ganze Woche über sehnte. "Die Kinder waren groß genug, wir bauen nun", hatten sie sich gedacht, "und wir haben es keinen Tag bereut, dass wir hier sind." Man könne sich sehr schnell hier integrieren, denn "es ist ein ganz besonderes Dorf, in dem alle Zugezogenen freundlich aufgenommen werden". Das kommt allerdings auch daher, dass die Schöbers gesellige Menschen sind, die aktiv alle Feste mitmachen. Gabriele Schöber beteiligt sich am Kuchenbacken für das Dorffest, steht am Zapfhahn und ist beim Schmücken und schließlich beim Aufräumen des Gemeindehauses unter den Helfern. Dazu treibt sie Yoga in einer Frauengruppe des Dorfes.

Gabriele Schöber verkauft nicht nur Bier, sondern sie trinkt auch gern welches. Die Wurzeln für ihr Interesse an Bier liegen in der Schule bei ihrem Interesse für Biologie. "Die ganzen Vorgänge des Lebens, die Mikrobiologie, vor allem bei Pflanzen, und eigentlich allgemein Naturwissenschaften fand ich schon immer spannend", erinnert sie sich. Von den Eltern hatte das Paar einen Schrebergarten an der Grenz-Mauer übernommen. "Eigentlich hätte ich Gärtnerin werden sollen", überlegt sie.

Ihr Studienwunsch Biologie ging nicht in Erfüllung. Gabriele Schöber wurde auf Lebensmitteltechnologie, Fachrichtung Gärungs- und Getränketechnologie an der Humboldt-Universität gelenkt. Anfangs hatte das Studium nur wenig mit Lebensmitteltechnologie zu tun, denn da wurde alles gelehrt, was ein Diplomingenieur so wissen sollte: zwei Jahre lang Betriebs-, Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik, Elektrotechnik, Fachzeichnen, technische Mechanik, nicht zu vergessen Marxismus-Leninismus und viel Chemie. Aufzugeben kam ihr allerdings nicht in den Sinn: "Ich habe mich dafür entschieden, das ziehe ich jetzt durch", war für sie selbstverständlich. Im dritten Jahr kam dann die interessante Spezialisierung auf Biotechnologie, Brautechnologie, Wein- und Spirituosenherstellung, Back- und Futterhefentechnologie, Rohstoffkunde und Abwassertechnologie.

Nun gab es auch Praktika in der nicht mehr existierenden Schultheiss Brauerei in der heutigen Landsberger Allee. Gabriele Schöber zählt auf: "Ich bin in Gär- und Lagertanks hineingekrochen und habe sie geschrubbt, im Sudhaus die Schaltanlage mit betreut, den Schrotboden gefegt, Proben gezogen, an der Flaschenabfüllung gestanden und Bierkästen transportiert. "Der Nebeneffekt war: "Wenn ich Brauerei gerochen habe, bekam ich Bierdurst." Im Studentensommer ging es zum Arbeiten in tschechische Brauereien. "Mit dem Bus sind wir durchs Land gefahren und haben alle Schlösser und alle Brauereien angeguckt." Ihr großes Erlebnis war das dunkle Bier im berühmten Prager U Fleku. "Es war damals die ganze Atmosphäre dort in dem Biergarten", weiß sie. Das Studium schloss Gabriele Schöber als Diplomingenieurin der Gärungs- und Getränketechnologie ab, womit sie für alle leitenden Posten in Brauereien und für die Forschung befähigt war.

Ihre erste Stelle bekam sie im wissenschaftlich-technologischen Zentrum der Brau- und Malzindustrie in Alt-Stralau, welches mit der Wende abgewickelt wurde. "Wir waren dazu da, den Mangel zu verwalten, etwa Kronkorken dorthin zu organisieren, wo sie gerade gebraucht wurden", lächelt sie. Aber den Vorrang hatten die wissenschaftlichen Aufgaben. So arbeitete sie mit daran, wie man das aufwändig herzustellende Malz immer weiter durch Gerstenrohfrucht ersetzten kann. Das entsprach zwar nicht dem Reinheitsgebot, "aber damals in der DDR hat sich niemand darum geschert, und das Bier hat genauso gut geschmeckt und war begehrt". Zum Beschleunigen des Gärprozesses wurden Enzyme zugesetzt, die im fertigen Produkt nicht mehr vorhanden sind, erklärt sie. "Die Forschung war in der DDR sehr intensiv und sehr praxisnah. Wir haben auch speziell an der Entwicklung von Diabetikerbier gearbeitet und an der Bierherstellung in Großtanks, um die Produktion zu erhöhen."

Als das Institut 1990 aufgelöst wurde, begann wie für viele auch für Gabriele Schöber eine Odyssee, um beruflich wieder Fuß zu fassen. Sie arbeitete unter anderem in einer Forschungsgruppe in Prädikow bei Strausberg an Seenuntersuchungen mit Pflanzenkartierungen und Belastbarkeitsstudien sowie im Qualitätsmanagement. "Irgendwann habe ich dann bei meinem Mann angefangen, den ich im Studium kennengelernt hatte: Dr. Ing. Jürgen Schöber." Er war kurz vor der Wende als wissenschaftlicher Mitarbeiter an die Humboldt-Universität zurückgegangen, um seinen Doktor zu machen. Bis 2003 arbeitete er am Fachbereich Grundlagen der Gärungs- und Getränketechnologie an der TU Berlin. Bereits im Jahr 2000 gründete er mit zwei Gesellschaftern die fermtec GmbH. Seit 2005 ist die Firma im Innovationspark Wuhlheide angesiedelt mit einem 50-Liter-Sudwerk und acht Gärgefäßen. Neben der Bierherstellung von verschiedenen Sorten wird dort weiterhin Forschungsarbeit betrieben.

Während Tochter Franziska Polizistin in Berlin ist, ist Tochter Linda auch in der Firma angestellt und in allen Bereichen tätig. 2002 fing auch Gabriele Schöber bei der fermtec GmbH an und arbeitete in der Bier- und Weinherstellung, der Produktentwicklung und im Labor.

Die Biere, die in dem Familienbetrieb hergestellt werden, sind ganz eigene Kreationen, die selbst entwickelt wurden. Wert wurde daraufgelegt, alle gesunden, natürlichen Bestandteile des Bieres weitgehend zu erhalten. Ab und zu wurde in Groß Eichholz mit Freunden und Bekannten die eine oder andere Neuheit verkostet. "Wo gibt es denn euer Bier zu kaufen", wurde gefragt. Das traf sich gut, denn der Betrieb suchte neue Geschäftsfelder. So gründete Gabriele Schöber als Internethandel die "Hopfenhexe.de". Mit dem Bierausschank im eigenen Garten begann sie unregelmäßig im Mai 2015. Schnell sah sie ein, dass es feste Öffnungszeiten geben müsse, damit die Leute nicht vor verschlossenem Tor standen. Seit vorigem Jahr ist der Biergarten regelmäßig von Freitag bis Sonntag geöffnet. Es kommen gern die Dorfbewohner, aber auch Ausflügler mit dem Rad. Die Wirtin freut sich, etwas für die Entwicklung des Tourismus in der Region tun zu können, aber: Die in Karten gekennzeichneten Radwege von Schwerin nach Groß Eichholz und zwischen Neuendorf und Hohenbrück sind nur noch schwer oder gar nicht befahrbar. Das bekommt sie immer wieder zu hören und befürchtet, dass diese Strecken bald ganz gemieden werden.

Fragen an Gabriele Schöber:

Wer hat Sie in Ihrer Entwicklung am meisten beeinflusst, geprägt? Meine Familie. Was würden Sie als Erstes veranlassen, wenn Sie Bürgermeisterin Ihres Ortes wären? Dass im Ort weniger Gemeindeflächen regelmäßig gemäht werden, so dass mehr wilde Flächen entstehen, auf denen sich Insekten und Co. tummeln können. Möchten Sie noch einmal 17 sein? Nein. Bisher konnte ich mich mit jeder Altersstufe identifizieren. Bitte stellen Sie mir diese Frage nochmal in zehn Jahren. Was wünschen Sie sich seit Jahren? Im Winter mehr Schnee ... Träumen Sie gern? Wer träumt nicht gerne? Aber letztendlich bestimmt die Realität das Leben ... Was hält Sie in Ihrer Heimat? Würden Sie noch mal woanders hinziehen? Die Familie, unsere Freunde, die Schönheit der Natur, das Klima, unser Häuschen, unser Garten ... Nein, ich möchte nicht woanders hinziehen. Das möchte und kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.

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