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Christine Melz aus Altwustrow erfüllt 1997 ein besonderes Versprechen / Ein Foto dient als Beweis

Grüne Haare nach der Evakuierung

Fotobeweis: Christine Melz (68) mit der Aufnahme von 1997, auf der sie als zweite von rechts zu sehen ist. Links sitzen Elke Krüger, Bärbel Glase und rechts Marianne Schröder. Es ist das einzige Bild der Altwustowerin, das sie mit grünen Haaren zeigt.
Fotobeweis: Christine Melz (68) mit der Aufnahme von 1997, auf der sie als zweite von rechts zu sehen ist. Links sitzen Elke Krüger, Bärbel Glase und rechts Marianne Schröder. Es ist das einzige Bild der Altwustowerin, das sie mit grünen Haaren zeigt. © Foto: MOZ/Anett Zimmermann
Anett Zimmermann / 11.06.2017, 07:30 Uhr
Altwustrow (MOZ) 2017 gibt es drei Hochwasser-Jubiläen: 300 Jahre Deichverband, 70 Jahre Hochwasser 1947 und 20 Jahre Sommerhochwasser 1997. Bei Letzterem war Christine Melz aus Altwustrow im Einsatz.

"Kennen Sie die Geschichte von den grünen Haaren", hatte Christine Melz am Telefon gefragt und natürlich neugierig gemacht. Ihr Umfeld wird sich 20 Jahre danach vielleicht noch erinnern. Mehr oder weniger, denn vieles gerate mit der Zeit in Vergessenheit, sagt die Altwustrowerin dann beim Gespräch in ihrer Küche.

Vor ihr liegt ein Foto, das vier Frauen zeigt. Eine davon hat tatsächlich grünes Haar, auch wenn es auf der Aufnahme von Anfang August 1997 etwas gelbstichig aussieht. "Das bin ich", sagt die heute 68-Jährige, die damals im Juli 1997 jeden Tag in der Gaststätte Zollbrücke war. "Wir haben dort Stullen und Schrippen für die Deichläufer geschmiert und dann mit dem Auto ausgefahren. So waren wir hautnah am Geschehen dabei. Am 30. Juli wäre der Deich bei Hohenwutzen fast gebrochen." Thomas Maasch, ein ehemaliger Schüler und damals Deichläufer, sei mittags bei Neuranft auf sie zugekommen und habe gerufen: "Jetzt ist alles vorbei und nichts mehr zu retten." Überall im Oderbruch seien die Sirenen zu hören gewesen.

Doch der Deich sei wieder einmal gehalten worden. Trotz angeordneter Evakuierung hätten etliche Oderbrücher in ihren Häusern ausgeharrt. Auch Christine Melz mit ihrer Familie. "Dabei hatten wir bereits ein Quartier bei Pferdefreunden in Herzhorn, zu denen wir auch unser Pony gebracht hatten. Sie haben uns kurz darauf mal noch alles gezeigt." Im eigenen Haus hätten sie einiges nach oben geräumt. Manch ein Karton stehe immer noch dort. "Andernorts sah es teils gespenstisch aus, hatten die Leute alles ausgeräumt und die Gardinen abgenommen."

Die einstige Lehrerin erinnert sich auch an eine Polizistin, die dazu aufgefordert hatte, Altwustrow zu verlassen und am nächsten Morgen etwas verlegen darum gebeten habe, mal die Toilette im Haus benutzen zu dürfen. "Mein Schwiegervater hat das Hochwasser 1947 erlebt", erzählt Christine Melz. Da habe das Wasser bis zum Birnbaum im Garten gestanden, das Haus sei trocken geblieben. "Altwustrow liegt wie auf einer Insel", sagt die gebürtige Herrnhuterin, die der Liebe wegen von der Oberlausitz ins Oderbruch gezogen ist. Und klar, dass an dieser Stelle kurz an die in der Adventszeit so beliebten Herrnhuter Sterne erinnert werden muss.

Am 30. Juli hätten jedenfalls noch viele Menschen die Region verlassen. "Mein Mann und ich sind mit unserem damals 14-jährigen Sohn aber weiter geblieben", erzählt die Mutter dreier Kinder. Am Abend habe sie Oliver Proft, ein anderer ehemaliger Schüler, getröstet. "Wir alle hatten doch große Angst." Und die Situation sei weiter kritisch geblieben. "Es hat sogar noch einmal geregnet. Hinzu kam ein kleinerer Deichrutsch in Zollbrücke, der aber mit einer Plane gesichert werden konnte."

An jenen Tagen sei sie auf der Heimfahrt oder später extra noch einmal zum Sandsackplatz in Altreetz gefahren. "Die Leute - darunter auch Helga Scholz, die Bürgermeisterin aus Mädewitz - wollten von mir immer wissen, wie der aktuelle Stand ist", erzählt Christine Melz. Damals habe sie - und das hat sie sich nun extra noch einmal notiert - gesagt: "Wenn Ihr weiter fleißig Sandsäcke füllt und uns der liebe Gott gern hat, wird der Damm halten und ich werde am Tag nach Ende der Evakuierung die Haare grün tragen." Ihre Hoffnung sei einfach groß gewesen.

Wenn sie an das Färben denkt, muss sie lachen: "Ich trug die Haare damals pumucklrot - in den Ferien ging das ja. Aber so hat mir Doreen, meine Schwiegertochter, hier auf der Veranda die Haare erst blond und dann grün gefärbt. Anders ging das nicht."

Ein richtiges dunkles Grün habe sie später mal als Mustersträhne beim Friseur gesehen. Doch recht schnell wird Christine Melzer wieder ernst. "Die Menschen sind anders geworden. Der Zusammenhalt ist weg. Das ist so schade." Der erst vor wenigen Tagen verstorbene Horst Oesterle habe sie bereits damals zur Seite genommen und ihr gegenüber erklärt: "Du wirst schon sehen, bald werden sich alle wieder auf sich konzentrieren."

Als sie eines Abends Anfang August nach Altreetz gekommen sei, hätten die Leute bereits große Zukunftspläne gemacht: "Sie haben laut darüber diskutiert, was sie jetzt alles renovieren und neu anschaffen wollen, dabei war die Gefahr noch nicht einmal gebannt. Da war die Nachricht, dass der Deich gehalten worden war und das Wasser langsam fällt, noch ganz frisch."

Von ihren grünen Haaren hat Christine Melz übrigens nur dieses eine Foto. "Im Sommer 1997 hatten wir doch ganz andere Sorgen und wurde auch noch nicht so viel fotografiert wie heute", sagt sie. Und dann fällt ihr auf, dass sie schon lange nicht mehr in Zollbrücke und in der Gaststätte war. "Da müsste ich auch mal wieder hin."

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