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Sophie Scholls Traum

Sie hat sich die Unschuld bewahrt: Schauspielerin Sandra Pagany ist auf der Bühne Sophie Scholl.
Sie hat sich die Unschuld bewahrt: Schauspielerin Sandra Pagany ist auf der Bühne Sophie Scholl. © Foto: Volkmar Ernst/GZ
Volkmar Ernst / 19.07.2017, 10:38 Uhr
Liebenberg (OGA) Sophie Scholl ist noch keine 22 Jahre alt, als sie in München-Stadelheim hingerichtet wird. Ihr Vergehen: Sie hat Flugblätter verteilt und die Ideologie des Nationalsozialismus angeprangert. An ihr Leben, vor allem aber den Weg von der Hitler Jugend zum Widerstand erinnert das Theaterstück "Sophie Scholl - Innere Bilder".

Jugendliche der Löwenberger Libertasschule sahen sich das Stück im Rahmen eines Projektes auf Schloss Liebenberg an. Ein durchaus gelungenes Projekt, das die Gedenkstätte Deutscher Widerstand (GDW), das Präventionstheater Eukitea und die DKB-Stiftung ausgewählt haben, um Jugendliche zur Auseinandersetzung mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus einzuladen. Dabei sind Schloss Liebenberg als Ort der Aufführung und die Einladung Jugendlicher der Libertasschule eine bewusste Entscheidung. Denn in der Kapelle des Schlosses wird an das Leben und Wirken von Libertas Schulze-Boysen erinnert, die einen Teil ihrer Jugend auf dem Schloss verbracht hat und später der Widerstandsgruppe Rote Kapelle angehörte.

Nicht nur dem Namen Libertas Schulze-Boysen, sondern vor allem dem Wachhalten der Erinnerung an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus fühlt sich die Bildungseinrichtung verpflichtet, die ihren Namen trägt. Gerade erst wurde dort die Anne-Frank-Ausstellung gezeigt. Insofern also alles eine gute Wahl.

Doch ganz ohne Vorbereitung hätten die Jugendlichen das Stück dann doch nur schwer verstanden, wie sie in Pausengesprächen durchaus zugaben. Aber hier hatten die Lehrer gute Vorarbeit geleistet. Denn eine Gruppe Jugendlicher hatte zum Leben von Sophie Scholl recherchiert, eine zweite zur Widerstandsgruppe der Roten Kapelle und eine dritte den Film "Sophie Scholl - Die letzten Tage" ausgewertet. So vorbereitet, starteten die insgesamt 80 Jugendlichen in Gruppen zu ihrem Theaterprojekt.

Es ist ein Einpersonenstück, in dem Sandra Pagany Sophie Scholl darstellt. Doch der Vorhang hebt sich nicht einfach. Die Schauspielerin betritt von der Seite aus den Saal und nimmt vor dem Vorhang Aufstellung. Getrieben vom hektischen Spiel der Töne, die entfernt an Glockengeläut oder doch eher an Gebimmel erinnern, agiert sie zuerst nur wie eine Marionette. Dann verlieren sich die Töne allmählich und klassische Musik erfüllt den Raum - das Spiel beginnt, indem Sandra Pagany die Vorhanghälften öffnet.

Verwunderung löst die ganz in Weiß gehaltene Bühnendekoration aus, vor der die ebenfalls weiß gekleidete Schauspielerin zuerst kaum wahrnehmbar scheint. Eine gewollte Anspielung auf die Widerstandsgruppe der Weißen Rose, der Sophie Scholl angehörte? Oder vielleicht doch nur die bloße Fokussierung auf das Leben der Sophie Scholl, die wohlbehütet in ihrem Elternhaus aufwächst und später zunächst sogar mit Enthusiasmus dem Bund Deutscher Mädel angehört. Doch sie verliert ihre Unschuld nicht an die Nationalsozialisten, sondern bewahrt sich diese, weil sie sich mit der Ideologie des Nationalsozialismus auseinandersetzt und die Weltanschauung infrage stellt. "Krieg, Krieg, Krieg", hämmert es eindringlich, als sie vom Reichsarbeitsdienst berichtet. Ist es wirklich das, was sie will? Und was ist mit den Sinti und Roma, den Juden und jenen Kranken, die angeblich kein Lebensrecht haben? "Können wir in einer Masse bestehen, die nur auf den Nutzen aus ist?", fragt sie bange. Es ist ihre persönliche Entscheidung, sich nicht in der Masse zu bewegen, sich nicht von ihr vereinnahmen zu lassen. Genau das lässt sie sich dem Widerstand anschließen. Sophie will nicht zusehen, sie will hinterfragen und mehr noch, gegen die Ungerechtigkeit aufbegehren.

Durch ihren Bruder lernt Sophie Scholl 1942 beim Studium in München andere Kommilitonen kennen, die sie in ihrer Ablehnung des Nationalsozialismus bestärken. Doch die Zeit ist noch nicht reif dafür und führt sie deshalb in den Tod. Dennoch ist es kein Resignieren, wenn sie in der letzten Szene von ihrem Traum erzählt. Darin trägt sie ein Kind über einen Abgrund. Auch wenn sie sich selbst nicht vor dem Abgrund retten kann, so legt sie dieses Kind doch auf der anderen Seite in der Gewissheit ab, dass es eine Zukunft haben wird.

Fast alle Texte stammen von Sophie Scholl, die von Sandra Pagany mal leise und einfühlsam, dann aber auch wieder laut und engagiert vorgetragen werden. Das alles wird mit Klängen unterlegt, die das Erleben der Worte noch intensiver machen und schließlich Bilder entstehen lassen, in denen Sophie Scholl zu erleben ist, als stünde sie selbst auf der Bühne.

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