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Karl-Heinz Matthes von der Freiwilligen Feuerwehr Altreetz organisierte den Sandsackplatz mitten im Dorf

Sand sogar zur Beruhigung bestellt

Besonderes Denkmal: Davina Sander und Tilo Dürrenfeld hielten bei ihrer Radtour am Sonntag auch am Flutzeichen des Cottbuser Künstlers Matthias Körner in Neuranft. Auf einem Stein am Fuß der Treppe steht: Mit Gottes Hilfe haben die Bundeswehr, freiwillige
Besonderes Denkmal: Davina Sander und Tilo Dürrenfeld hielten bei ihrer Radtour am Sonntag auch am Flutzeichen des Cottbuser Künstlers Matthias Körner in Neuranft. Auf einem Stein am Fuß der Treppe steht: Mit Gottes Hilfe haben die Bundeswehr, freiwillige © Foto: MOZ/Anett Zimmermann
Anett Zimmermann / 02.08.2017, 06:23 Uhr
Altreetz (MOZ) Wo anfangen, wo aufhören? Wenn er könnte, würde Karl-Heinz Matthes aus Altreetz über seine Erlebnisse im Sommer 1997 gern ein Buch schreiben. Er organisierte als Ortswehrführer damals unter anderem den Betrieb auf dem Sandsackplatz in seinem Ort.

Auf dem Tisch in der großen guten Stube liegen mehrere Aktenordner, Fotoalben, Bücher, Broschüren, Zeitschriften, Zeitungsartikel und natürlich auch die Chronik der Freiwilligen Feuerwehr Altreetz. Karl-Heinz Matthes war von 1980 bis 2011 der Ortswehrführer. Das Jahr 1997 war wegen des Oderhochwassers natürlich ein Besonderes, aber der heute 64-Jährige erinnert sich ebenso daran, dass die Feuerwehr damals jeden Monat wegen eines Brandes ausrücken musste. "Da waren Strohbrände dabei, Blitzeinschläge mit Brandfolge, alles Mögliche", sagt er. Nichts Außergewöhnliches, eher normal. "Wir hatten damals ja auch noch mehr und größere Betriebe hier."

Erwähnenswert findet Mathhes im Nachhinein jedoch, dass im Februar 1997 sechs Feuerwehrleute aus dem Ort im Rahmen der Ausbildung gelernt hätten, wie Sandsäcke zu füllen und zu verbauen sind. "Als die Flut kam, haben sie die Helfer angeleitet." Spezielle Einweisungen für Hochwasser habe es immer wieder mal gegeben und die Feuerwehren seien dann auch die ersten gewesen, die an den Deichen im Einsatz waren.

"Für die ersten Sandsäcke haben wir den Sand vom Spielplatz genommen", blickt Karl-Heinz Matthes zurück. "Wir sollten die Durchgänge am Schlafdeich schließen." Später hätten Lkw tonnenweise Sand auf dem Dorfplatz abgeladen. Aber nicht irgendwie, sondern immer so, dass möglichst viele Helfer an den langgestreckten Haufen arbeiten konnten. Rund 3485 Tonnen Sand seien zwischen dem 26. Juli und dem 2. August in Altreetz in Sandsäcke gefüllt worden: "Jeweils mit etwa drei Schippen voll, dann wurden die Säcke umgeschlagen, also nicht zugebunden, wie man es häufig sieht, und zum Transport bereitgelegt." Nach zwei Tagen habe er keine Stimme mehr gehabt.

Sobald Sickerstellen von den Deichläufern gemeldet wurden, seien die Feuerwehrleute rausgefahren und hätten dort Schlösser, also Ringe aus Sandsäcken, gebaut. "Die für den Transport zum Teil auch privat zur Verfügung gestellten Multicars waren unsere Rettung." Nachts sei es vor allem auch darum gegangen, diese Stellen auszuleuchten. "Zu Beginn sind einige von uns sogar noch nach Reitwein beordert worden", weiß Karl-Heinz Matthes und verweist darauf, dass die Feuerwehren aufgrund der Ferien- und Urlaubszeit kräftemäßig kaum zusetzen konnten. "Auch ich habe erst einmal mit unserer Jugendfeuerwehr angefangen. Die Älteren waren ja meist noch arbeiten." Außerdem sei ab 22. Juli die Evakuierung vorbereitet worden.

Nach der ersten akuten Deichbruchgefahr am 25. Juli bei Hohenwutzen hätten Helfer in Altreetz Tag und Nacht Sandsäcke gefüllt. Um die Versorgung habe sich im großen Zelt nebenan Gisela Weiss von der Gaststätte gekümmert - ebenfalls mit Helfern. "Und was kam nicht alles an Spenden", sagt Karl-Heinz Matthes. "Frisch gebackener Kuchen selbst aus Berlin, Obst und Gemüse aus den Gärten, was Tiefkühltruhen hergaben, auch Bratwürste. Natürlich haben wir die gegrillt und da hieß es, die Altreetzer feiern schon." Sandsackpakete seien übrigens auch aus Frankreich gekommen. "Wir haben später mal gezählt und sind auf 46 verschiedene Größen von Sandsäcken gekommen."

Für Unruhe hätten immer wieder die ungewohnten Flugbewegungen gesorgt. "Die Hubschrauber haben Sandsäcke ja auch aus Neuhardenberg geholt. Die Piloten haben sich an der Bahnstrecke orientiert. Und natürlich waren Netze häufiger auch auf dem Rückflug voll - mit bereits geleerten Netzen."

Und am 30. und 31. Juli sei es am Deich bei Hohenwutzen und Zollbrücke noch einmal sehr eng geworden. "An einer Stelle standen nur noch drei Meter", zeigt der einstige Agrotechniker und Hausmeister auf eines der vielen Fotos, nennt Helfer in der Menge mit Namen. Einige seien inzwischen bereits verstorben. "Mein Vater hat am 30. August Geburtstag", erzählt Karl-Heinz Matthes. "Wir saßen gerade beim Kaffee, als gegen 15.15 Uhr die Sirenen gingen, gegen 16 Uhr waren dann fast alle Bewohner und Helfer raus aus dem Ort." 46 Freiwillige seien geblieben.

Als besonders beeindruckend empfindet er bis heute den damaligen Zusammenhalt. Dabei seien die Leute auch aufgebracht gewesen. "Wir hatten das Gefühl, dass man das Oderbruch volllaufen lassen würde, um den Druck von den Deichen stromabwärts zu nehmen." Am 23. Juli war allerdings schon der Deich bei Brieskow-Finkenheerd südlich von Frankfurt gebrochen. "Wir wussten aber nicht, was uns die Warthe noch an Wasser bringen würde."

Irgendwann sei klar gewesen, dass sie nur noch hoffen konnten. "Die Deiche waren völlig durchnässt, mehr als abzuwarten, konnten wir nicht tun", schaut Karl-Heinz Matthes zurück und muss über manches im Nachhinein lachen. "Ich musste einmal sogar Sand nachordern, um die Leute zu beruhigen. Sie dachten, wir hätten aufgegeben." Und natürlich habe es ein Alkoholverbot gegeben. Aber wenn die Parole "Bockwurst im Glas" kam, wusste jeder, dass die Helfer sich auch mal ein Bier wünschten.

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