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Schnittlauch von oben

Marco Marschall / 02.08.2017, 06:22 Uhr
Lichterfelde (MOZ) Wenn Jürgen Müller Schnittlauch oder Majoran ernten will, steigt er auf das Dach seines Holzhauses im Garten. Dort erblüht eine Wiese, die zum einen ein Hingucker ist und zum anderen Energie spart. Im Gebäude ist außerdem kein einziger Nagel verbaut.

Bevor der Mann aus Lichterfelde, der beruflich im Thünen-Institut von Eberswalde forscht, mit uns aufs Dach steigt, muss er allerdings noch etwas über das Gebäude erklären, auf dem seine Wiese blüht. Das Holzhaus mit den massiven Balken hinten auf seinem Grundstück ist an sich schon sehenswert. Imposant kommt das Gästehaus daher, bei dem die dicken Stämme ineinandergreifen. So groß wie ein Bungalow befindet sich in seinem Inneren ein Gästezimmer und eine Sauna.

Solange deren Ofen nicht brennt, ist es jetzt im Sommer angenehm kühl in der Hütte, was auch mit dem speziellen Dach zu tun hat. "Im Winter ist es die Orangerie für die Kübelpflanzen meiner Frau", sagt Jürgen Müller. Aufgrund der ausgeklügelten Dämmung bleibt die Wärme im Haus. Dicke Platten aus Schafwolle befinden sich zwischen dem Holz.

"Sie werden übrigens auch keinen einzigen Nagel finden", sagt der 64-jährige Lichterfelder. Alles wurde mit der Motorsäge "auf Gehrung geschnitten", wie der Fachmann sagt, und fügt sich passgenau ineinander. Bevor das Haus auf Müllers Grundstück kam, wurde es probehalber auf einer Wiese errichtet. "Wir wollten sehen, ob alles passt", sagt der Bauherr. Außerdem brauchten er und seine Helfer Platz, um die Stämme aus der Schorfheide zu entrinden. Jeder Balken wurde beschriftet und nach dieser Nummerierung später im Garten wieder verbaut. Und zwar innerhalb nur eines Tages.

Dann wurde die Schafwolle zwischen die Balken gestopft. Weder Türen noch Fenster hatten sich zu Beginn im Holzhaus befunden. Erst sollte das Dach drauf. Alles musste sich setzen. Einen Winter lang blieben die Wände ohne Öffnung. Dann wurden die Türen und Fenster hineingesägt und schließen laut Jürgen Müller nach wie vor einwandfrei.

15 Jahre steht das Haus nun schon im Garten des Paares. Der Wissenschaftler hatte sich zur Bauzeit durchaus experimentierfreudig gezeigt. "Beim Schlagen der Bäume wurden Mondphasen beachtet", sagt er. Möglicherweise sei das ein Grund fürs makellose Holz.

Das Dach wurde mit sogenannter Elefantenhaut versehen. Es folgten Wurzelschutzplatten und Folie, damit die Pflanzen später nicht in die Dachpappe eindringen. In ein Dachlattengitter wurde daraufhin die Erde eingebracht. "Zehn Tonnen", sagt Jürgen Müller. Obendrauf kam eine spezielle Zutat: Kokosmatten. Dort wo gepflanzt wurde, wurden diese aufgeschnitten. "Die Matten sollten dafür sorgen, dass die Pflanzen Halt finden und nicht weggeschwemmt werden", erklärt Müller. Das hat offensichtlich funktioniert. Ohne viel Balance zu benötigen, spaziert Müller nun über sein Grün auf dem Schrägdach, das ganz nebenbei auch die Bienen des Nachbars freut.

Wie Moos wirkt es aus einiger Entfernung. Dunkle Rottöne und Gelb mischen sich mit den violetten Blüten des Schnittlauchs. Außerdem wachsen Majoran und Thymian auf dem Dach. Allesamt Pflanzen, die mit wenig Wasser auskommen.

Inspiriert zu diesem speziellen Aufbau wurde Jürgen Müller durch ein Gründach, das er einst auf dem Weg Richtung Blütenberg gesehen hatte. Er wollte nachhaltig bauen, sagt er - ohne Stoffe, die sich irgendwann einmal negativ auf die Umwelt auswirken könnten. Gebaut habe er das Häuschen für die Pflanzen seiner Frau. Wenngleich diese, wie Müller selbst verrät, damals ihre ganz eigene Theorie hatte, warum ihr Mann, der damals gerade 50 wurde, sich diesen Bau vornahm. "Sie sagt, ich wollte mir nochmal was beweisen".

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