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Technik, die Frauen begeistert

Start bei Swiss Krono: Franziska Schröder hat sich bewusst für einen techniklastigen Beruf entscheiden.
Start bei Swiss Krono: Franziska Schröder hat sich bewusst für einen techniklastigen Beruf entscheiden. © Foto: MZV/Schönberg
Christian Schönberg / 01.09.2017, 18:09 Uhr
Heiligengrabe (MZV) Mädchen wollen Arzthelferin oder Friseurin werden, Jungen interessieren sich lieber fürs Schrauben an Autos oder fürs Programmieren - tatsächlich zeigen auch die jüngsten Ausbildungsstatistiken, dass die Berufswahl junger Leute immer noch sehr vom Geschlecht abhängt.

Die Zahlen für Ostprignitz-Ruppin und seine Nachbarkreise sind jedenfalls eindeutig: 139 junge Leute haben sich dieses Jahr im Neuruppiner Arbeitsagenturbezirk für den Beruf des Kfz-Mechatronikers interessiert - 130 davon waren männlich. Umgekehrt wollten 87 sich zur oder zum Medizinischen Fachangestellten ausbilden lassen - davon 83 weiblich. Ähnliche Schieflagen gibt es beim Tischler - eher für junge Männer reizvoll - oder die Haarschopf-Gestaltung, was fast nur Frauen lernen wollen.

Die Agentur für Arbeit versucht seit Jahren, mehr Frauen für typische Männerberufe zu interessieren - und umgekehrt. Das hat durchaus Sinn. Junge Frauen verbauen sich mitunter Karrierechancen, weil sie einen Beruf ergreifen, der eher nicht ihren Stärken, sondern der Konvention entspricht, was ein Mädchen zu arbeiten hat. Auch deshalb gibt es solche Projekte wie den "Girl's Day": Schülerinnen sollten sich in Berufen ausprobieren, die per se als "männliche" gelten.

Die Chefin der Arbeitsagentur, Cornelie Schlegel, weiß, dass solche Angebote immer auch nur dann erfolgreich sind, wenn das gesamtgesellschaftliche Umfeld stimmt: "Das persönliche und familiäre Umfeld spielt immer eine große Rolle", sagt sie. Insofern erinnere sie gern an Einzelfälle - wie dem einer angehenden Chemielaborantin. Sie sei davor gewarnt worden, dass der Job viel mit schmutzigen Stoffen zu tun hat. "Das traut man Mädchen offenbar immer noch nicht zu", so Schlegel. Dabei sei die junge Frau sehr glücklich mit ihrer Lehre. "Und die Aufstiegschancen in dem Beruf sind ausgezeichnet." Besser eben als bei manchem frauen-typischen Job.

Bei Ostprignitz-Ruppins größtem Arbeitgeber, Swiss Krono in Heiligengrabe, wird trotz aller Statistik durchaus ein Wandel bei den Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz festgestellt. Personalleiter Christian Baumann sagt jedenfalls, dass noch vor vielen Jahren für Jobs im technischen Bereich zu 100Prozent Anfragen von männlichen Schulabgängern vorlagen. "Das ist jetzt nicht mehr so", hat er festgestellt. Industriemechaniker, Elektroniker für Betriebstechnik und Maschinenanlagenführer - das alles sind mittlerweile Jobs, für die auch Anfragen von Bewerberinnen bei Baumann und seiner Ausbildungschefin Maria Thurmann eingehen.

Bestes Beispiel ist dieses Jahr Franziska Schröder aus Garz in der Gemeinde Plattenburg (Prignitz). Sie startet gerade ihre Ausbildung zur Maschinenanlagen-Führerin. Für sie sei das ein Traumjob, sagt sie. Und sie ist ein Beispiel dafür, dass das familiäre Umfeld eine gigantische Rolle spielen kann. "Meine Eltern haben in Garz einen Hof gekauft, und ich habe als Kind dort immer bei allen Arbeiten geholfen", sagt Franziska Schröder. "Das lag mir schon sehr." Deshalb sei schon "in der siebten, achten Klasse" der Wunsch in ihr gereift, solch eine Tätigkeit zu erlernen.

Vor rund zehn Jahren, nach der Schule, ging aber ihre Bewerbung zu spät 'raus. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als Verkäuferin zu lernen. "Aber das war eben nicht der Plan. Ich wusste von Anfang an, dass das nichts ist, was ich für immer machen will", so Schröder. Nach einer weiteren Ausbildung zur Erzieherin folgt für die 26-Jährige also nun die neue Herausforderung beim Führen von Maschinenanlagen. Anfangen wird sie in der Fußbodenproduktion. Und mit drei abgeschlossenen Ausbildungen in der Tasche dürfte es auch nicht schwer sein, den passenden Job in der Region zu kriegen. Erzieherin wäre für Schröder jedenfalls auch möglich - falls es mit der Übernahme bei Krono nicht klappt.

Zuletzt hat Krono zehn der Auszubildenden übernommen. Dass es nicht 100Prozent sind, hat für Baumann einen Grund: "Die Leute sollen sich schon bewähren, das ist unser Ansporn." Wichtig ist für ihn, dass wie im Fall Franziska Schröder auch ein in der Umgebung verwurzelter Mensch im Betrieb Fuß fasst. "Wir wollen die Leute aus der Region", sagt Baumann. "Damit sind wir derzeit auch sehr gut aufgestellt. Und tun etwas gegen den demografischen Wandel."

Denn auch der bleibt für die Arbeitsagentur Grund, weiter gegen den offenbar verharrenden Trend anzugehen: Denn junge Frauen, die sich für einen Job entscheiden, den sonst nur Männer wollen, erweitern auch ihre Möglichkeiten, in der Region zu bleiben - und wandern nicht ab.


■ Bei den männlichen Bewerbern waren am beliebtesten: •Kfz-Mechatroniker (130 Anfragen) •Einzelhandelskaufmann (95) •Verkäufer (76) •Fachkraft Lagerlogistik (63) •Tischler (54) •Bürokaufmann (54) •Fachinformatiker (47) •Fachlagerist (47) •Koch (46)
■ Bei den Bewerberinnen landeten folgende Berufe vorn: •Verkäuferin (138) •Arzthelferin (83) •Einzelhandelskauffrau (82) •Bürokauffrau (77) •Verwaltungsangestellte (43) •Friseurin (29) •Zahnarzthelferin (24) •Hotelfachfrau (20) (crs)

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