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Enkel lotsen Großeltern durchs Internet

Spannender Vormittag: Die Großeltern ließen sich von ihren Enkelinnen und Enkeln geduldig erklären, wie man im Internet recherchiert, welche Bilder man herunterladen darf und wo Wissenswertes zu finden ist.
Spannender Vormittag: Die Großeltern ließen sich von ihren Enkelinnen und Enkeln geduldig erklären, wie man im Internet recherchiert, welche Bilder man herunterladen darf und wo Wissenswertes zu finden ist. © Foto: MZV
Marco Winkler / 10.09.2017, 08:37 Uhr
Kremmen (OGA) Brian erklärt seinem Opa das Internet. Nicht, dass dieser nicht weiß, wie es funktioniert. "Aber ich habe viel verlernt", gibt Torsten Reich zu. "Ich konnte das aber mal!" Doch wenn man nicht jeden Tag damit arbeite, verlerne man einige Klicks und Tricks für die Weiten der virtuellen Welt, so der 54-Jährige. Brian bewegt sich in dieser Welt wie in der, die seine Füße berühren. "Aber ich bin auch viel draußen, spiele Fußball", so der elfjährige Kremmener. Die Internetfunktion seines Smartphones nutze er nur zu Hause. "Da habe ich Wlan."

Brian und sein Opa sind nicht die einzigen, die gemeinsam die Innenwelt eines Computers erkunden. In der Goethe-Grundschule nehmen am Freitag Schüler der Klasse 6a ihre Großeltern an die Hand. Denn sie sind jetzt Netzlotsen. Können quasi geschickt durch Cyber-Welten manövrieren. Ausgebildet wurden die Schüler in einem Projekt der Medienanstalt Berlin-Brandenburg von den Medienpädagoginnen Sarah Renger und Verena Ebel vom Berliner Verein Metaversa.

In einer Woche lernten die Kinder, wie sie im Internet recherchieren. Sie erkundeten den Routenplaner Google Maps, gingen Urheberrechte durch. "Die Kinder sollten so kompetent sein, dass sie ihren Großeltern alles erklären können", so Sarah Renger. Das Herzstück war ein Weblog, eine Art online geführtes Logbuch, ähnlich einem Tagebuch sozusagen. "Es ist natürlich passwortgeschützt und nur die Kinder können ihn sehen." Hier konnten die Jugendlichen Artikel schreiben, Bilder einfügen und kommentieren. Für sie schon fast Alltag. "Sie unterscheiden nicht zwischen virtuell und real", so Verena Ebel. "Für sie ist das eine ganz natürliche Einheit." Das übergangslose Ineinandergreifen beider Welten sei normal für jüngere Generationen. Auch in der Schule sollte das immer mehr eine Rolle spielen. Ein Handyverbot zur Schulzeit, wie es in Kremmen gilt, sehen die Medienpädagogen mit gemischten Gefühlen. "Ein Verbot hat auch immer seinen Reiz", so Verena Ebel. "Dabei sollte das Handy nichts Besonderes mehr sein." Das Smartphone im Unterricht zu nutzen, sei aber mit Schwierigkeiten verknüpft. Fünf von 26 Schülern der Klasse 6a besitzen kein Handy. "Das kann man als Lehrer dann auch nicht voraussetzen." Dennoch werde das Handy eine immer wichtigere Rolle im Unterricht spielen, sind sich die Pädagoginnen einig.

Gerade die Erziehungsberechtigten müssten umdenken, mit gutem Beispiel vorangehen. "Den größten Fehler, den Eltern beim Internetverhalten ihrer Kinder begehen, ist Desinteresse", so Sarah Renger. "Viele wissen nicht, was ihre Kinder den ganzen Tag auf Portalen wie YouTube machen." Verbote nützten nichts. "Lieber Angebote schaffen, gemeinsam etwas zu entdecken."

Die Netzlotsen-Woche ist ein Baustein des Projekts "medienfit". Es wird mit 45 000 Euro vom Bildungsministerium gefördert. Die Stadt Kremmen beteiligt sich mit 13 700 Euro. Dafür werden unter anderem drei Smartboards (elektronische Tafeln) angeschafft, die Klassen mit Tablets ausgerüstet und die dringend benötigten neuen Rechner fürs Computer-Kabinett gekauft. Zudem soll die Schule einen Wlan-Zugang bekommen.

Trotzdem bleibe das Handyverbot in der Schule bestehen, so Schulleiterin Annette Borchert. "Das Handy ist schon außerhalb der Schule so präsent, hier sollen sich die Kinder konzentrieren." Eine Umfrage in der Klasse 6a ergab, dass 80 Prozent mehr als zwei Stunden täglich im Internet verbringen. Die Schule wolle das nicht beflügeln, aber das nötige Handwerkszeug mit auf den Weg geben.

Gern erinnert sich Annette Borchert an die Schulfahrt im vorigen Jahr. Fünf Tage ohne Handy. Für viele ein Graus. "Doch die Sechstklässler spielten mit Hingabe Verstecken in einem Schlosspark. Da hat man gesehen, wie sehr sie noch Kind sind." Die Schule solle ein Ort der Gemeinschaft bleiben und nicht der in sich gekehrten Kinder, die nur über virtuelle Smileys eine Gefühlsregung zeigen.

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