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Imkerpaar beklagt Einsatz von Pestiziden und Monokulturen / Kalter Winter sorgt für schlechte Honigbilanz

Auf dem Land nur "grüne Wüste"

Bienen stark machen: Damit möglichst viele seiner Bienen den Winter überleben, füttert Günther Jesse die Insekten mit Rübenzucker und schützt sie vor der Varroamilbe, indem er sie mit Ameisensäure behandelt.
Bienen stark machen: Damit möglichst viele seiner Bienen den Winter überleben, füttert Günther Jesse die Insekten mit Rübenzucker und schützt sie vor der Varroamilbe, indem er sie mit Ameisensäure behandelt. © Foto: MOZ/Sergej Scheibe
Patrizia Czajor / 12.09.2017, 06:30 Uhr
Hirschfelde (MOZ) Tausende Flugbienen und sogar ganze Völker haben Bienenzüchter einer Werneuchener Imkerei im Frühjahr verloren. Nicht nur den fahrlässigen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln machen sie dafür verantwortlich. Sie beobachten, dass es Bienen auf dem Land schlecht geht.

Eigentlich sind die Bienen von Günther und Evelyn Jesse sehr gut durch den Winter gekommen. Nur zwei von insgesamt 33 Bienenvölkern hätten sie während der kalten Jahreszeit verloren. Einen wesentlichen Anteil daran hatte laut Evelyn Jesse das gute Pollenangebot. "Es hat alles wunderbar geblüht", sagt sie. Dieses gute Ergebnis des Ehepaars aus dem Werneuchener Ortsteil Hirschfelde wurde jedoch bald darauf zunichte gemacht. Im März fand Evelyn Jesse auf ihrem Grundstück Tausende von toten Flugbienen vor, die verstreut auf dem Rasen oder vor dem Bienenmagazin herumlagen. "Die Wächterbienen wollten sie nicht reinlassen", beschreibt die Imkerin die Situation. Am Haarkleid der verendeten Bienen hätten noch Pollen gehaftet, schildert sie.

Als das Pflanzenschutzamt die toten Insekten untersuchte, konnte in den Proben das Pflanzenschutzmittel Thiacloprid festgestellt werden. "Solche Stoffe haben da nichts zu suchen", sagt Evelyn verärgert. Sie vermutet, dass jemand sehr unfachmännisch mit dem Pestizid herumgespritzt habe und das Mittel auf diese Weise auch auf die Weide gelangt sei. Gerade dort suchten sich Bienen zu dieser Jahreszeit hingegen den Pollen. "Raps, Obst und Löwenzahn blühen nämlich noch nicht", erläutert sie. Da das Amt jedoch nicht die angrenzenden Weiden untersuchte, versprach ein Vorgehen gegen die vermeintlichen Übeltäter ihrer Ansicht nach in etwa den Erfolg einer Anzeige gegen Unbekannt.

Dass daraufhin auch in den folgenden Wochen weitere sechs Bienenvölker starben, dafür macht das Paar aus Hirschfelde, das seit 35 Jahren Honigbienen züchtet, jedoch nicht nur die Bestäubeschäden verantwortlich, sondern auch das schlechte Wetter. Nicht nur Obstbauern haben laut Günther Jesse unter dem Spätfrost gelitten. "Wir haben 40 Prozent weniger Honig produziert", berichtet der Imker und bezeichnet dieses Ergebnis als "das schlechteste seit Jahren". Es deckt sich außerdem, wie er sagt, mit den Aussagen anderer Bienenzüchter.

Diese Verluste wurden nach Meinung des Imkerpaars jedoch von einer Vielzahl verschiedener Faktoren verursacht - auch wenn in der Öffentlichkeit etwa nur über die Varroamilbe gesprochen werde. "Das ist doch nur der Punkt auf dem i", meint Evelyn. Zu denken gibt ihrem Mann etwa die Tatsache, dass Bienen es mittlerweile sogar in den Städten besser hätten. "Hier auf dem Land geht es ihnen dreckig", so drückt es Jesse aus. Das Ehepaar sieht vor allem die Verbreitung von Energiepflanzen wie Mais sowie den Einsatz von Pestiziden kritisch. Diese hinterlassen laut Jesse eine "Grüne Wüste". Auch Kornblumen oder Löwenzahn würden rigoros abgemäht, bevor sie überhaupt richtig blühten. Wenn Bienen jedoch wenig Nahrung in der Natur vorfänden, brächten sie auch weniger Jungbienen auf die Welt. "Die Königin kann sie einfach nicht ernähren", erläutert Evelyn. Dabei sind die sogenannten Winterbienen, wie sie sagt, sehr wichtig, da sie bis zu 200 Tage lebten.

Um dieser problematischen Entwicklung etwas entgegenzusetzen, müsse mehr miteinander gesprochen werden, findet Evelyn. "Landwirte dürfen nicht gegen die Natur arbeiten", sagt sie. Sie wünscht sich zum Beispiel, dass der Einsatz von Pestiziden wie Glyphosat zur Beschleunigung des Reifeprozesses verboten wird. Auch versteht sie nicht, dass im Kontext des sich ausbreitenden Anbaus von Mais selten über Alternativen wie die durchwachsene Silphie gesprochen werde. "Die Saatgutbeschaffung ist zwar teurer, aber sie steht bis zu 20 oder 30 Jahre - und das ohne viel Spritzzeug", sagt sie.

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