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Kirchenmusiker Peter E. Rompf kennt den Frankfurter Maler Jürgen Jentzsch aus dramatischen DDR-Zeiten

Erinnerungen an einen Dissidenten

Jörg Kotterba / 24.09.2017, 07:30 Uhr
Friedersdorf (MOZ) Am 1. Oktober wird in Friedersdorf an den Frankfurter Maler und Dissidenten Jürgen Jentzsch (1944-2007) erinnert. Sein langjähriger Wegbegleiter, der Kirchenmusiker Peter E. Rompf, spielt mit seinem Ensemble zu Bildern Jürgen Jentzschs. Rompf verließ 1977 die DDR.

Diesen 17. September vor 40 Jahren wird Peter E. Rompf  nie vergessen. Noch einen Tag zuvor hatte ihn die Abteilung Inneres beim Rat der Stadt Frankfurt (Oder) informiert, dass er -  Kantor in Frankfurts Katholischer Kirche und engagiert in der Jungen Gemeinde - ausreisen dürfe. Aber ohne Familie.

Rompf, ein ausgebildeter Kirchenmusiker, hatte seinen Antrag auf Ausreise mit der Abqualifizierung seines musikalischen Schaffens und fehlenden Entwicklungsmöglichkeiten begründet. In der DDR spüre er kein Verständnis für seine neue Musik und für seine Arbeit als Musiker und Künstler. Seine Familie bekam Peter E. Rompf am 17. September 1977 nur mit Tricks in den Westen. Er wusste von den völlig haltlosen Vermutungen des Ministerium für Staatssicherheit  (MfS), er sei für den Westen nachrichtendienstlich tätig. Hinzu kam das Wissen um einen "Spiegel"-Beitrag über die Zwangsadoption von Kindern regime-unliebsamer Eltern. "Ich drohte mit einer ,Spiegel'-Titelgeschichte zu diesem Thema. Weil ich angeblich den zuständigen Korrespondenten kannte", berichtete Organist und Komponist Rompf, der seitdem bei Hannover lebt und dort Anfang der 1980er-Jahre das Ensemble Prolatio gründete.

Peter E. Rompf und sechs Ensemblemitglieder sowie der Schweizer Olaf Wittchen (Bluesharp) und der Frankfurter Gitarrist Wilfried Zaruba als Gäste wollen am 1. Oktober in der Barockkirche Friedersdorf mit ihrem Konzert unter dem Titel "Hören und Sehen"  an den Frankfurter Maler Jürgen Jentzsch erinnern. Übernachten wird Rompf im Oderbruch, nicht in Frankfurt. "Diese Stadt betrete ich nicht mehr. Keiner meiner Spitzel, die dort wohnen, hat sich je bei mir entschuldigt." Rompf und  Jentzsch und mit ihnen Musiker, Künstler und  Intellektuelle hatten in den 1970er-Jahren bei allmonatlichen Gesprächsabenden ständig miteinander zu tun. Sie diskutierten unter anderem im Atelier des Malers Jentzsch in Frankfurt, Kellenspring 1, über kontroverse Themen - von der elektronischen Musik der Westberliner Band Tangerine Dream bis zu Texten von Wolf Biermann.

Mit Absicht hielten sie sich der Öffentlichkeit fern. Dabei war die Stasi mit Spitzeln längst unter ihnen. Am 22. Juni 1976 legte die Stasi einen Operativen Vorgang mit dem Decknamen "Kreis" an. Operative Vorgänge (OV) waren in DDR-Zeiten die intensivste Stufe der konspirativen Überwachung durch das MfS. Das Haus Kellenspring 1 wurde nun ständig observiert. Und jedes Mitglied von "Kreis"  ausspioniert. Über Jentzsch notierte das MfS am 26. April 1977: "Er verfügt über keine umfassende marxistisch-leninistische Bildung, hat aber einiges von den Klassikern gelesen. Auch seine Kenntnisse über die politische Entwicklung in der Welt und den internationalen Klassenkampf sind begrenzt." In einem Spitzelbericht vom 5. September 1978 wurde festgehalten, dass Jentzsch sich Aufnahmen des zwei Jahre zuvor ausgebürgerten Liedermachers Wolf Biermann angehört habe. "Es wurde gesungen, warum die Götter Berlin grad mit Paul Verner straften - der J. lachte darüber und sagte: Der hat den aufs Kreuz gelegt ... Weiter wurde gesungen: Ach, Sindermann, du blinder Mann, du richtest nur Schaden an." Verner. Sindermann. Zwei Mitglieder des SED-Politbüros.

Das Konzert in der Friedersdorfer Barockkirche ist als Gesprächskonzert konzipiert und soll den vor zehn Jahren tödlich verunglückten Maler Jürgen Jentsch aus der Vergessenheit zurück holen. Peter Rompf und sein Ensemble werden zu Bildern Jürgen Jentzschs spielen.

Zu hören sein werden auch vier Lieder mit Texten des Sprechwissenschaftlers Gottfried Meinhold.

"Jürgen Jentzsch. Reminiszenz an den deutschen Maler und Grafiker", Ausstellungseröffnung am 1. Oktober um 15.30 Uhr im Kunstspeicher Friedersdorf. Um 17 Uhr folgt das Konzert "Hören und Sehen" in der Barockkirche Friedersdorf.

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