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In Bomsdorf entfielen 38,3 Prozent der Wählerstimmen auf die AfD / Ortsvorsteher spricht von einer Frustwahl

Abgehängt auf dem flachen Land

 Am Teich befindet sich auch das Feuerwehrgerätehaus. Dort wurdegewähl. Allerdings hätte die Wahlbeteiligung höhger sein könnent, glauben einige. Denn das Wahllokal ist in der zweiten Etage gewesen, wo viele Ältere nicht hochgekommen seien.
Am Teich befindet sich auch das Feuerwehrgerätehaus. Dort wurdegewähl. Allerdings hätte die Wahlbeteiligung höhger sein könnent, glauben einige. Denn das Wahllokal ist in der zweiten Etage gewesen, wo viele Ältere nicht hochgekommen seien. © Foto: MOZ/Janet Neiser
Janet Neiser / 02.10.2017, 07:25 Uhr
Bomsdorf (MOZ) Bomsdorf, das 299-Seelen-Dorf in der Gemeinde Neuzelle hat einen fragwürdigen ersten Platz belegt, und zwar bei der Bundestagswahl. 38,3 Prozent haben dort die AfD gewählt - der höchste Wert aller Wahllokale in den Ämtern Schlaubetal, Brieskow-Finkenheerd, Neuzelle sowie in Eisenhüttenstadt.

Ein paar Kilometer muss man von Eisenhüttenstadt aus schon zurücklegen, bis man nach Bomsdorf kommt. Am Sonnabend sind die Straßen nahezu leergefegt. So gut wie keiner fährt an diesem Vormittag in das Dorf, das kurz nach der Wende von Neuzelle eingemeindet wurde. Die größte Attraktion, wenn man es so nennen kann, ist das Schloss, das sich in den vergangenen Jahren ziemlich herausgeputzt hat. Mittelpunkt war und bleibt der Dorfteich, da kommt man nicht dran vorbei.

Ein junger Mann hat dort gerade einen Hecht herausgeholt. "Drei, vier Stunden bin ich schon hier", erzählt er. Seinen Namen will niemand nennen, wenn er auf die Bundestagswahl angesprochen wird. "Das war hier schon immer so", sagt der Angler, der mittlerweile in Fürstenwalde wohnt, aber in Bomsdorf aufgewachsen ist. Die Leute seien aber nicht etwa rechter Gesinnung. "Die haben gegen die Regierung und Kanzlerin Merkel gestimmt", betont er und packt dann seine Sachen zusammen.

Die Bundeskanzlerin ziert auf Plakaten noch vereinzelte Laternen in dem Dorf. "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben", heißt es darauf. Doch damit konnte die CDU am 24. September nur 20,8 Prozent der insgesamt 154 Wähler in Bomsdorf - wahlberechtigt waren 250 - überzeugen. Genauso viele haben die Linken gewählt. Die SPD kam auf 10,1 Prozent. Die AfD hingegen landete bei 38,3 Prozent, wurde demnach von 57 Bomsdorfern gewählt.

"Von mir haben sie keine Stimme bekommen", versichert der 86-Jährige, der am Gartenzaun ins Plaudern gerät. Aber er versucht zu verstehen: "Die Menschen hier fühlen sich vernachlässigt", sagt er. "Gerade die Alten kommen doch hier kaum raus. Aber es gibt eben keine Ärzte hier, keine Einkaufsmöglichkeiten. Zweimal in der Woche kommt lediglich der Bäckerwagen vorbei." Er zieht resigniert die Schultern hoch, während im Hintergrund irgendwo ein Hund bellt und schräg gegenüber die Tauben auf dem Dach gurren. "Dafür haben die Diebstähle zugenommen. Zwei Traktoren haben sie dem einen hier oben jüngst geklaut. Und bei einer Frau sind sie tagsüber in die Wohnung gekommen. Es kann doch nicht sein, dass Deutschland zum Selbstbedienungsladen für Einbrecher wird", redet er sich in Rage. Seine Frau nickt und betont, dass sie seit kurzem immer alles abschließe, früher habe man die Tür auch mal offen stehen lassen. "Und was die Bundeskanzlerin da mit den Flüchtlingen gemacht hat, na ja." Natürlich könne man sie nicht aussperren wie andere Länder, aber so viele? Das funktioniere doch nicht. "Die sollen doch hier erst einmal alles in Ordnung bringen." Sein Bekannter aus Göhlen gibt ihm Recht, dort hat die AfD über 37 Prozent erreicht.

"Ich hatte schon damit gerechnet, dass viele diese Partei wählen, aber so viele? Das war ganz klar eine Frustwahl." Ortsvorsteher Dieter Furchner nimmt sich Zeit für ein Gespräch. "Das hat viel mit dem ländlichen Umfeld zu tun", glaubt der 59-Jährige, der eine eigene Firma hat und seit 35 Jahren in Bomsdorf lebt. Zum Einkaufen muss man mindestens bis ins zehn Kilometer entfernte Neuzelle, doch nicht alle der Älteren sind noch mobil. Ärzte sind in Eisenhüttenstadt, teilweise muss man noch weiter. Eine Lösung hat Furchner für diese Probleme nicht. "Aber es beginnt nicht erst bei der großen Politik", betont der parteilose Ortsvorsteher. Viele fühlten sich abgehängt, auch im Amt. Damals bei der Eingemeindung hätten die Dörfer finanziell alle etwas eingebracht. Allerdings herrsche nun bei vielen das Gefühl, dass sich fast alles nur um Neuzelle drehe: Dort habe man sich ein Schmuckkästchen gebaut, da werden Straßen ausgebessert, da gebe es die Stiftung.

Furchner reflektiert mehr: "Hier bei uns in Bomsdorf hat sich schon einiges getan in den letzten Jahren", betont er. Das dürfe man nicht vergessen. Und dann nennt er beispielsweise das Schloss, die Straßen rund um die Dorfteich. Andernorts sei man schlechter dran. Aber es gebe auch noch vieles zu tun. Den benachbarten Park würde er vor allem gern in einem besseren Zustand sehen.

Dass die Diebstahlquote zugenommen hat, das bestätigt er. Vor allem die Älteren seien da verunsichert. Doch ihm und den anderen merkt man an, dass sie sich diesbezüglich hilflos fühlen.

Ein Rentner spricht aus, was viele denken: "Die klauen hier, die rasen mit dem Auto hier lang, aber Polizei sieht man nicht. Das ist, als würden wir auf einer anderen Welt leben." Auch kleine Sachen regen ihn auf: "Die summieren sich eben." Er habe beispielsweise Probleme mit dem Fernsehempfang, und Handys würden in Bomsdorf auch nicht funktionieren. "Wenn Sie Glück haben, gibt es ein Netz an der Bushaltestelle", sagt er. Doch T-Mobile funktioniert auch dort nicht. "Kein Netz" heißt es nur - fast auf der ganzen Strecke bis Neuzelle ist man abgehängt.

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