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Traditionsgeschäft macht zu

Noch sind die meisten Ständer und Regale prall gefüllt: Bis Jahresende wird sich das ändern. Dann wird Ursula Wächter das von ihren Eltern vor 83 Jahren gegründete Fachgeschäfte für Wäsche und Oberbekleidung aus Altersgründen aufgeben müssen.
Noch sind die meisten Ständer und Regale prall gefüllt: Bis Jahresende wird sich das ändern. Dann wird Ursula Wächter das von ihren Eltern vor 83 Jahren gegründete Fachgeschäfte für Wäsche und Oberbekleidung aus Altersgründen aufgeben müssen. © Foto: Martin Risken/MOZ
Martin Risken / 03.10.2017, 18:31 Uhr - Aktualisiert 04.10.2017, 13:23
Zehdenick (GZ) Es tue ihr im Herzen weh, für ihre beiden Mitarbeiterinnen und die Stadt, aber an der Ladenschließung führt für Ursula Wächter kein Weg vorbei. Bis Ende des Jahres wird das 1934 von ihren Eltern gegründete Modegeschäft Lüninghake an der Berliner Straße nach 83 Jahren für immer schließen.

Lange hatte sich Inhaberin Ursula Wächter um einen Nachfolger bemüht. Für einige Monate schien es so, als wäre die Nachfolge geregelt. Doch nach einem halben Jahr kam die bittere Enttäuschung. Der Interessent sprang wieder ab. Aus Altersgründen muss Ursula Wächter ihren Laden schließen. Den beiden langjährigen Mitarbeiterinnen hat sie die Kündigung aussprechen müssen. Noch bleibt die Hoffnung, für das rund 125 Quadratmeter große Ladenlokal in bester Innenstadtlage schnell einen Nachmieter zu finden.

Doch es dürfte schwierig werden, schon allein wegen des zunehmend größer werdenden Leerstandes an der Haupteinkaufsstraße der Havelstadt. Es wird wohl nicht die letzte Geschäftsaufgabe in diesem Jahr bleiben, fürchtet sie.

Das Problem mit dem Ladensterben hat auch die Kommune erkannt und will die Einzelhändler für Ende des Monats Oktober zu einem Gespräch einladen, wie sich aufgrund altersbedingter Geschäftsaufgaben vielleicht im Vorfeld etwas regeln lässt - eventuell mit Unterstützung der Kommune oder der Regio Nord, die es sich mit ihrem Projekt "Stadtladen" zur Aufgabe gemacht hat, bei der Vermarktung leerstehender Geschäfte zu unterstützen.

Der Einzelhandel in der Altstadt mit seinen vielen kleinen Fachgeschäften, die das besondere Flair der Stadt seit Jahrezehnten ausmachen, gehe mehr und mehr verloren. Zehdenick befinde sich in einer Zeit des Umbruchs, stellt Ursula Wächter fest. Handel werde zunehmend vor den Toren der Stadt getätigt, bei den Discountern an den Ortseingängen. Das wirke sich auch auf die Struktur in der Innenstadt aus, in der zunehmend Versicherungsagenturen die Ladenlokale nutzen, in denen früher Fachhändler und Handwerker ihrem Gewerbe nachgingen.

Ursula Wächter fällt der Abschied von ihrer Lebensaufgabe schwer. Zuviele Erinnerungen hängen an dem Laden, in dem sie seit 60 Jahren tätig ist und das sie seit 47 Jahren leitet, davor trugen ihre Eltern die Verantwortung. Sie wuchs praktisch mit dem Geschäft auf.

Nach dem Abitur hatte sie sich drei Jahre lang bemüht, einen Studienplatz zu bekommen. In Leipzig wollte sie Binnenwirtschaft studieren. Ihre Eltern waren dagegen. Ganz normal in der damaligen Zeit, Ende der 1960er-Jahre. Also der logische Schritt: Ins Geschäft der Eltern einsteigen. 1934 hatten diese sich damit selbstständig gemacht.

Die DDR erlebte die heute 77-Jährige als eine Zeit mit Höhen, aber auch vielen Tiefen. "Als private Einzelhändlerin hatte ich es nicht leicht", sagt sie. Staatlich geführte Einzelhandelsunternehmen hätten es deutlich einfacher gehabt. "Wir Privaten wurden schlecht mit Ware versorgt. Jeden Montag musste ich nach Neuruppin fahren, um dort einzukaufen. HO und Konsum waren immer als erste dran. Das hat manchmal richtig weg getan, so behandelt zu werden." Eine schwere Zeit. "Doch wir haben uns durchgeschlagen."

Mit der politischen kam schließlich die geschäftliche Wende. Der Laden wurde umgestaltet. Neue Fassade, neue Ware. Die Kunden blieben Ursula Wächter treu. Zwei langjährige Mitarbeiterinnen auch. Trotz des eher ungewöhnlichen Namens Lüninghake. So hieß sie selbst. Vor ihrer Hochzeit.

"Der Name kommt aus dem norddeutschen Raum", klärte sie auf. Auf Hochdeutsch heißt es so viel wie: Der Spatz auf der Hecke. "Ein schöner Name. Heute würde ich ihn nicht mehr ablegen." Auch diese Entscheidung traf sie damals.

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