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"Was haben wir falsch gemacht?"

Oliver Schwers / 04.10.2017, 06:40 Uhr
Pinnow (MOZ) Die Unzufriedenheit über die Politik in Deutschland ist groß. Das hat der Aufstieg der AfD gezeigt. Doch hat das auch mit lokalen Problemen zu tun? Im uckermärkischen Pinnow setzen sich jetzt Bürger und Gemeindevertreter intensiv mit dem Wahlergebnis auseinander.

Sauber ist das große Dorf zwischen Angermünde und Schwedt. Es gibt zahlreiche Unternehmen. Die meisten Häuser tragen frische Fassaden. Kirche, Schule, Kita, Bahnhof und Konsum - alles vorhanden. Leer stehende Immobilien sind schnell wieder vergeben. Junge Familien ziehen her.

Eigentlich eine heile Welt. Doch das Ergebnis der Bundestagswahl drückt die Stimmung. Jeder vierte Wähler hat sein Kreuz bei der AfD gemacht. Bei den Erst- und den Zweitstimmen liegt die Partei auf Rang 1. "Von diesem Wahlausgang bin ich schon überrascht", sagt Bürgermeister Walter Kotzian (CDU). Denn ausgerechnet die großen Streitthemen der Bundespolitik würden hier kaum eine Rolle spielen. Es gibt keinen einzigen Flüchtling. Viele Rentner müssten sich nicht beklagen über ihre Rente, haben lange Jahre gut verdient. Die Arbeitslosigkeit ist nicht so hoch. Und schnelles Internet sei auch vorhanden.

"Seit über zehn Jahren bin ich in der Kommunalpolitik tätig", sagt Kotzian. "Da frage ich mich schon, was wir falsch gemacht haben, wenn das Stimmungsbarometer auf dem Tiefpunkt angekommen ist." Kotzian könnte sich zurücklehnen und alles auf die Bundespolitik schieben. Doch er macht es nicht. Sein Gespür für die Sorgen der Leute verrät ihm eine allgemeine Unzufriedenheit mit der Politik. Und das schließt auch die Kommunalpolitik nicht aus.

Nicht umsonst ist Manfred Kruse ein paar Tage vor der Wahl mit einer aufsehenerregenden Aktion an die Öffentlichkeit getreten. Der Pinnower hat auf die seit Jahren heftigst umstrittene Abkopplung des Dorfes von der neu gebauten B 2 aufmerksam gemacht. In einer Zeitungsanzeige machte er deutlich, dass die Leute am Wahltag nun Gelegenheit hätten, darauf zu reagieren. Also deshalb AfD wählen? "Nein", sagt Manfred Kruse. "Ich wollte, dass die Leute ihren Unmut auf den Wahlzettel schreiben, dass die Umleitung einfach Mist ist. Eine Wahl ist ja heute die einzige Gelegenheit, überhaupt noch für voll genommen zu werden. Viele Leute im Dorf schimpfen, haben aber inzwischen aufgegeben. Die Verantwortlichen müssen aber mitkriegen, was los ist."

Die Strategie hat schon zu DDR-Zeit Wirkung gezeigt. Manche Sorge der Menschen wurde damals plötzlich gelöst, weil einige androhten, nicht zur Wahl zu gehen.

Doch ganz so einfach funktioniert Politik heute nicht mehr. Christiane Kubik, Gemeindevertreterin für die Partei Die Linke, wehrt sich gegen den Eindruck, dass die Mehrheit der Wähler für die AfD gestimmt hätte. Pinnow werde damit in eine falsche Ecke gerückt. Die Partei habe ein Viertel der Stimmen geholt, drei Viertel entfielen auf die anderen Parteien. Also sei Pinnow keine Hochburg der AfD. "Und bei der Wahl haben einige Leute wohl auch die Zusammenhänge zwischen Bundes- oder Kommunalpolitik nicht erkannt und alles in einen Topf geworfen", sagt Udo Köhler, früher Bürgermeister des Dorfes für die Linke. Wie also damit umgehen? "Schwierig", meint Christiane Kubik. "Die AfD hat ja hier weder eine konkrete Stimme noch ein Gesicht. Die Leute zeigen sich nicht. Also verpufft der Protest. Es fehlt die Diskussion." In Pinnow habe sie auch keinen Wahlkampfauftritt der Partei wahrgenommen.

Ähnlich sieht das auch die CDU. Zum größten Ärger ihrer Regionalvertreter wurden die vielen Briefwähler, die auch noch generell weniger AfD-Kreuze machten als die Urnenwähler, extra ausgezählt und nicht den Pinnower Stimmen zugerechnet. Sie wurden nur in Amtsgröße ermittelt. Nach Ansicht von Andreas Sommerschuh (CDU) habe daher die AfD wohl nicht die Nase vorn. Doch will auch er das Wahlergebnis in Pinnow nicht "schönreden, sondern akzeptieren".

Und natürlich hat er die Anzeige von Manfred Kruse in der Zeitung gelesen, kennt den Protest von Betroffenen über die zerschnittene Straßenanbindung. "Aber gerade wegen dieser Thematik haben wir uns ja Tage und Nächte um die Ohren geschlagen, öffentlich diskutiert, Beschlüsse gefasst. Man darf aber nicht vergessen, dass es Unterschriftenlisten für die Abkopplung gibt. Auch das müssen wir akzeptieren."

Bürgermeister Walter Kotzian ist hin- und hergerissen. Einerseits will er sich nicht die Bundespolitik ankreiden lassen. Andererseits kennt er die Stimmungen seiner Bürger und weiß um deren möglichen Frust. Schließlich hat es die AfD geschafft, ein großes Potenzial der Nichtwähler zu mobilisieren. "Wir sind uns der Verantwortung bewusst, dass wir für den Bürger da sein sollen. Und nicht alle Entscheidungen sind für jeden Menschen befriedigend. Aber wir haben gerade in Pinnow viele Erfolge aufzuweisen. Unser Dorf verjüngt sich. Und vielleicht können wir auch diese gekappte Straßenanbindung irgendwann noch mal reaktivieren."

Die Wahlergebnisse aller Städte und Dörfer im Wahlkreis 57 sind mit allen Details im Internet einsehbar. Auf der Seite des Landkreises unter www.uckermark.de gibt es einen Wahl-Button, der zu den Auswertungen führt. Unter der Rubrik "Rangfolge Erststimmen/Zweitstimmen" der einzelnen Parteien lassen sich die Ergebnisse in den Orten und Ortsteilen aufrufen.

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