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Im Kunstspeicher Friedersdorf ist eine beeindruckende Ausstellung mit Werken von Jürgen Jentzsch zu sehen

Überraschendes in Acryl

Jörg Kotterba / 04.10.2017, 07:13 Uhr
Friedersdorf (MOZ) Vor mehr als hundert Besuchern wurde Sonntag im Kunstspeicher Friedersdorf die Ausstellung "Jürgen Jentzsch. Reminiszenz an den deutschen Maler und Grafiker" eröffnet. In der angrenzenden Barockkirche wurde musikalisch an den vor zehn Jahren verstorbenen Künstler erinnert.

Wie gebannt standen Ralf Parkner und seine Dagmar vor dem Kunstwerk am Ausstellungseingang und trauten ihren Augen kaum. "Das hat  Jürgen Jentzsch gemalt? 1978? In tiefsten DDR-Zeiten. Ich kann es kaum glauben", entfuhr es Parkner, ein Mittsechziger aus Frankfurt. Er ist Mitglied der Pirckheimer Gesellschaft, einer Vereinigung von Bibliophilen, Graphik- und Exlibris-Sammlern. Beeindruckt waren nicht nur die Parkners von jenem Acryl-Großbild, das Jürgen Jentzsch (1944-2007) einst "Der rotlackierte Rattenstaat" titelte: Dokument seiner Auseinandersetzung mit der DDR, in der er ab 1950 zur Schule ging (Frankfurt), dann studierte (Hochschule für Bildende Kunst Dresden), im Frankfurter Kellenspring ab 1975 ein Atelier besaß - und fünf Jahre später den Antrag auf Ausreise stellte. 1980 zog Jentzsch ins fränkische Dittelbrunn.

"In seiner Frankfurter Zeit entstanden stilistisch unterschiedliche Werke. Sie pendelten manchmal unentschlossen zwischen dem Traditionellen und der Spätmoderne. Doch tendenziell näherte er sich einem Stil an, der sich nach seiner Ausreise 1980 voll entfalten konnte", erläuterte während der Ausstellungseröffnung Armin Hauer, stellvertretender Direktor des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst Cottbus/Frankfurt. In der DDR hätte bereits seine Variante der Pop Art angeklungen, "die den musikalischen Sound der Zeit verstrahlte. Man scheint die sphärisch-spacigen Klänge von Pink Floyd und Tangerine Dream zu hören. Versperrte Weiten öffneten sich und eine Entgrenzung schien, zumindest in der Kunst, noch möglich." Für den 59-jährigen Kunstwissenschaftler Hauer fand Jentzsch nach seiner Ausreise vollends zu seinem Stil. "Es entstanden Arbeiten einer realitätsgeläuterten Pop Art."

Dann der Bruch Ende 1984. Jentzsch erkrankt schwer. Ängste, Depressionen, Wut, Schmerzen bestimmen seinen Alltag. Hauer: "Man hat das Gefühl, er zeichnete wie andere schreiben - flüssig und scheinbar in einem Zug mit einer einzigen Linie. Die stenogrammartigen Notate wurden quasi sein Überlebensmittel, um aus der Krankheit heraus Mitteilungen für die Außenwelt zu senden."

Zahlreiche Wegbegleiter von Jentzsch kamen Sonntag in den Speicher, darunter der Maler Werner Voigt. Der jetzt 88-Jährige hob 1961 im Frankfurter Halbleiterwerk einen Mal- und Zeichenzirkel aus der Taufe. Einer seiner Schützlinge: Jürgen Jentzsch. "Er bewarb sich später an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, wurde aber nicht angenommen. Er war den Genossen als Künstler zu weit, wie es hieß - was nichts anderes bedeutete als: Man konnte ihn nicht mehr formen. Da habe ich meine Beziehungen zur Dresdener  Kunsthochschule spielen lassen..."

Volkmar Bieneck ist diese Ausstellung zu verdanken. Der Kunstliebhaber, bei Seelow zu Hause, hat drei Jahre recherchiert und zahlreiche Fakten, aber vor allem auch Malereien und Grafiken zusammengetragen. In der Friedersdorfer Barockkirche wurde nach der Ausstellungseröffnung musikalisch an den vor zehn Jahren verstorbenen Künstler erinnert. Peter E. Rompf, einst Wegbegleiter von Jentzsch, lud mit seinem Ensemble Neue Musik ProLaTio Hannover zu "Hören und Sehen" ein.

Die Ausstellung ist noch bis zum 26. Dezember im Kunstspeicher zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr.

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