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Juli Zeh erzählt bei der Übergabe des Stahl-Literaturpreises in Eisenhüttenstadt über das Dorfleben in Brandenburg und ihre Pläne

"Vielleicht werde ich ja Bürgermeisterin"

Gut besucht: Trotz des Sturms kamen rund 70 Zuhörer zu der Preisverleihung des Literaturpreises der Stahlstiftung Eisenhüttenstadt, die im IPS-Technologiezentrum stattfand.
Gut besucht: Trotz des Sturms kamen rund 70 Zuhörer zu der Preisverleihung des Literaturpreises der Stahlstiftung Eisenhüttenstadt, die im IPS-Technologiezentrum stattfand. © Foto: MOZ/Gerrit Freitag
Hubertus Rößler / 07.10.2017, 07:30 Uhr
Eisenhüttenstadt (MOZ) Autorin Juli Zeh hat den Stahl-Literaturpreis erhalten. Im Rahmen der Verleihung las die 43-Jährige am Donnerstagabend aus ihrem aktuellen Roman "Unterleuten" und erzählte von den Besonderheiten des Lebens auf dem Dorf, Nachbarn in Brandenburg und ihren politischen Ambitionen.

Der große Saal des IPS-Technologiezentrums war trotz des Sturmtiefs gut besucht am Donnerstagabend. Und die etwa 70 Zuhörer sollten ihr Kommen nicht bereuen. Denn Autorin Juli Zeh erzählte auf unterhaltsame und gleichzeitig nachdenkliche Weise ihre Sicht der Dinge - zu tagesaktuell-politischen Themen, aber auch über die kleinen Dinge des Alltags, ohne den gesellschaftlichen Zusammenhang aus den Augen zu verlieren.

Die Laudatio hielt der Berliner Literaturkritiker Joachim Scholl, der viele lobende Worte für die Autorin und ihre Werke fand. "Ich habe ,Unterleuten' im vergangenen Jahr zu Weihnachten innerhalb von drei Tagen verschlungen. Das Buch ist einfach großartig, man kann gar nicht mehr aufhören zu lesen. Es spielt in einem Dorf in Brandenburg und ist für mich ein gesellschaftlicher und epochaler Roman", sagte Scholl.

Juli Zeh beschreibt in dem Werk ihre eigenen Erlebnisse. Die gebürtige Bonnerin lebt seit zehn Jahren mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf im Havelland. Das Buch beschreibt den Konflikt innerhalb der Dorfgemeinschaft, die sich aufgrund des geplanten Baus einer Windkraftanlage immer mehr entzweit. Viele Szenen sind ganz aus dem realen Leben gegriffen und könnten sich so oder so ähnlich wohl in jedem Dorf zugetragen haben - nicht nur in Brandenburg.

Der Roman ist aus elf Perspektiven geschrieben - jeweils aus der Sicht verschiedener Dorfbewohner. Die Szene, die Juli Zeh in Eisenhüttenstadt vorlas, spielt in der Gemeindevertretersitzung. Diese ist - anders als gewöhnlich - an diesem Tag nicht gähnend leer, sondern bis zum Bersten gefüllt, da über das Für und Wider der Windkraftanlage diskutiert wird. Die Autorin beschreibt die unterschiedlichen Charaktere und Interessen detailliert, ohne diese bloßzustellen. Die Stimmung spitzt sich immer weiter zu - ganz ähnlich, wie es derzeit beispielsweise im Schlaubetal der Fall ist. "Normalerweise sind bei solchen Gemeindevertretersitzungen nur die Abgeordneten und vielleicht ein Rentner dabei. Erst wenn es um den Geldbeutel geht oder die Menschen direkt betroffen sind, kommen sie da auch hin. Das ist wirklich schade, denn hinterher wird immer gemeckert, statt selbst etwas zu unternehmen", erklärte Juli Zeh im Anschluss gegenüber der MOZ.

Sie habe in ihrem Dorf als interessierte Einwohnerin an zahlreichen Sitzungen teilgenommen. Auf die Frage, ob sie sich auch selber engagieren würde, meinte die Juristin: "Ich könnte mir durchaus vorstellen, eines Tages Bürgermeisterin zu werden. Allerdings nur in einer kleinen Gemeinde, für die größere Bühne hätte ich keine Geduld. Und auf kleiner Ebene hat man auch wirklich noch Einfluss und kann etwas verändern."

Zuvor hatte Juli Zeh auf dem Podium erzählt, was sie als Neuankömmling im Dorf erlebt hat. "Fasziniert haben mich vor allem die Tauschgeschäfte der Menschen untereinander. Diese Beziehung funktioniert völlig staatsfrei, wird also nicht von übergeordneten Instanzen gelenkt. Wir kamen als Städter und Wessis, die keine Ahnung vom Leben auf dem Dorf hatten. Dennoch wurden wir mit unzähligen Hilfeleistungen empfangen, allerdings hatten wir nichts zurückzugeben." Diese Erlebnisse seien ihr Einstieg ins Dorfleben und in das Buch "Unterleuten" gewesen. Zwei Sätze hat die Autorin immer wieder in ihrer neuen Heimat gehört: "Wird schon." sowie "Irgendwas ist immer." "Mit dieser Haltung lassen sich alle Sachen meistern", meint Juli Zeh, die im Anschluss noch ihr Buch signierte.

Diese Gelegenheit nutzte auch Rita Werner aus Eisenhüttenstadt, die sich von dem Abend begeistert zeigte. "Die Autorin ist so erfrischend und ehrlich, das finde ich in den heutigen Zeiten sehr wichtig. Die vorgetragenen Ausschnitte aus ihrem Buch sind sehr authentisch und könnten auch in unserer Region spielen." Gleich drei Bücher ließ Rainer Bublak aus Wiesenau signieren. "Schließlich ist ja bald Weihnachten. Und wie Juli Zeh redet und schreibt ist wirklich beeindruckend."

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