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Louis Armstrong und die Stadt von oben

© Foto: MOZ/Lea Sophie Lukas
lea sophie ludwig / 07.08.2010, 08:30 Uhr
Böhmerheide (In House) Von Lea Sophie Lukas

Der Kosmonaut Sigmund Jähn war als erster Deutscher im All, Marlene Dietrich avancierte vom Berliner Nachwuchstalent zur Hollywood-Legende, Louis Armstrong gilt bis heute als einer der größten Jazz-Stars aller Zeiten – und Lothar Willmann hat sie alle fotografiert. Die Liste ließe sich ewig weiterführen. Die Reduktion des fotografischen Schaffens Lothar Willmanns auf Promi-Porträts würde seinem Gesamtwerk allerdings alles andere als gerecht. „Eigentlich war ich ja Spezialist für Luftbildfotografie“, sagt der 74-Jährige. Doch auch das ist noch zu wenig, lässt zu vieles aus, was er in Bildern festgehalten und später veröffentlicht hat.

Lothar Willmann ist bescheiden, wenn er anfängt über sich und seine Arbeit zu sprechen. Und er beginnt seine Erzählung ganz am Anfang. Den ersten Kontakt zu Film- und Fototechnik hatte er als Neunjähriger. Als Kleindarsteller stand er im DEFA-Spielfilmstudio in Potsdam-Babelsberg selbst vor einer Kamera. Gedreht wurde der Film „Das kalte Herz“. „Ich war noch Schüler und bin zufällig dazu gekommen“, sagt er. Die Technik habe ihn aber sofort fasziniert und in ihren Bann gezogen. „Das war alles so interessant und hat mir gefallen.“ Schauspieler wollte er danach nie werden – Kameramann war sein Traumberuf. „Aber um auf die Filmhochschule gehen zu dürfen, hätte ich vorher drei Jahre zur Armee gemusst“, erklärt Lothar Willmann. „Ich habe dazu Nein gesagt. Ich bin nie Militarist gewesen und es auch heute nicht.“

Statt für Armee und Filmhochschule entschied sich Lothar Willmann für eine Fotografenausbildung. „Ich hätte gerne Spielfilme gedreht, aber dann bin ich Bildjournalist geworden“, fasst er seine Geschichte zusammen. Bereut hat er diese Entscheidung nie. Im Gegenteil: Lothar Willmann bildete sich weiter, wurde als Fotograf für Spezialaufgaben wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Berliner Humboldt-Universität. Er arbeitete als Redaktionsassistent in der Presseabteilung der Interflug, der staatlichen Fluggesellschaft der DDR, und später freiberuflich als Bildreporter und Journalist.

„Als ich bei der Interflug war, habe ich gesagt: Wir sind ein Luftfahrtbetrieb, da müssen wir doch Luftbilder machen“, erzählt Willmann und fügt hinzu: „Und ich war vorbereitet.“ Lothar Willmann hatte ein zwiegespaltenes Verhältnis zu Flugzeugen, war von ihnen genauso fasziniert wie sie ihm Angst machten. Und doch wollte er die Welt von oben fotografieren. „Das war damals gar nicht so einfach, eine Genehmigung zu kriegen“, sagt er. In der Zeit des kalten Krieges war es auch in Ostberlin und Brandenburg aus Sicherheits- und Geheimhaltungsgründen untersagt, von einem Flugzeug oder Helikopter aus Bilder zu machen. „Ich habe über die Bauakademie eine Lizenz erhalten. Solche Fotos wie ich hatte sonst lange Zeit keiner. Es war ja eigentlich tabu.“

Immer wieder stieg Lothar Willmann mit der Erlaubnis der Bauakademie, der zentralen wissenschaftlichen Einrichtung für Architektur und Bauwesen in der DDR, auf in den Himmel über Ostberlin. Viele Stunden kreiste er auf seinem Helikopter-Außensitz, frierend und in Pelzmäntel gehüllt, über den Dächern der Stadt – auf der Suche nach dem beeindruckendsten Bild, der besonderen Perspektive. „1980 haben sie mir die Lizenz endgültig entzogen. Die wollten mich los werden“, sagt Lothar Willmann, der zu diesem Zeitpunkt bereits ein viel gebuchter Magazinfotograf war und umsatteln konnte: von der Luft- zur Seefahrt.

In seinem Haus in Böhmerheide, in dem Willmann lebt, seit er mit seiner Frau Christel vor rund zehn Jahren aus Berlin-Prenzlauer Berg wegzog, hat er sein Schaffen archiviert. Er greift die alten ostdeutschen Zeitschriften, in denen er viele Seiten lange Reportagen veröffentlich hat. Er holt seine großen Fotobände aus dem bis unter die Zimmerdecke reichenden Bücherregal und zeigt die Luftbilder und das, was danach kam. Er ist zur See gefahren, bei Wind und Wetter in den hohen Schiffsmasten herumgeklettert und hat die Matrosen bei der Arbeit so dicht vor die Linse seiner Kamera gekriegt, dass man auf ihrer von Seeluft und Salzwasser gegerbten Haut die Poren zählen kann. „Ich hatte Glück, ich bin nie seekrank geworden“, sagt Lothar Willmann. „Vielleicht, weil ich durch das Fliegen an die Bewegung gewöhnt war.“

Lothar Willmann ist in seinem Leben viel gereist. „Eigentlich war ich die Hälfte des Jahres unterwegs. Meine Reisepässe sind voll mit Stempeln.“ Er hat Russland gesehen und Georgien, mit Walter Ulbricht, dem Vorsitzenden des Staatsrats der DDR, war er in der ehemaligen Tschechoslowakei. Er hat den Hunger in Vietnam fotografiert und den Tod in Kambodscha. „Das war das Schlimmste, was ich je gesehen habe“, sagt er. Missen möchte er trotzdem keine seine Erfahrungen. „Es gab ja auch so viel Schönes. Die Gastfreundschaft in Georgien war einmalig.“

Heute fotografiert Lothar Willmann nur noch selten. Den Großteil seiner Ausrüstung hat er verkauft. Vorher hat er aber noch etwas geschafft, worauf er stolz ist: „Nach dem Mauerfall habe ich ganz Berlin von oben fotografiert, Ost- und Westberlin.“

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