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„Pflanzen schmecken wie Sahnebonbons“

Arbeiten eng zusammen: Schäfer Schumann und seine zweijährige Hündin Tascha haben die große Herde gut im Griff. Rund 800 Schafe und ein paar Ziegen folgen den beiden auf Kommandos, die für Außenstehende kaum wahrnehmbar sind.
Arbeiten eng zusammen: Schäfer Schumann und seine zweijährige Hündin Tascha haben die große Herde gut im Griff. Rund 800 Schafe und ein paar Ziegen folgen den beiden auf Kommandos, die für Außenstehende kaum wahrnehmbar sind. © Foto: MOZ/Oliver Voigt
Franziska Pröber / 16.09.2010, 07:55 Uhr
Metzdorf (In House) Der Beruf des Schäfers wird immer seltener in Deutschland. Dabei sind die Schafe nicht nur für Fleischer, sondern auch für Landwirte von großem Nutzen. Der Mögliner Schäfer Christoph Schumann zieht derzeit mit seiner 800 Tiere starken Herde durch die Region.

Ein lauter Pfiff fegt über das Feld bei Metzdorf. 800 flauschige Schafe hören plötzlich auf zu blöken und zu fressen und recken ihre Köpfe nach oben. Christoph Schumann steht regungslos auf dem Acker. Sein Gewicht drückt auf den vor ihm in den Matsch gestochenen Hirtenstock. Seine deutsche Schäferhündin Tascha bleibt ruhig an seiner Seite, ihre Leine fest um den Oberkörper des Schäfers gewickelt. Noch ein Pfiff. Nur wer genau hinschaut sieht, dass der Laut tatsächlich von Schumann stammt. Seine Finger braucht er nicht zur Hilfe. Die vielen Schafe setzen sich auf einmal laut blökend in Bewegung, laufen zusammen, und kommen langsam, dicht gedrängt auf Schumann zu. Wie eine kleine dreckige Wolke, die von unbekannter Kraft getrieben bedrohlich nahe auf einen zuschwebt.

Nein, direkt beigebracht habe er dieses Verhalten den Tieren nicht, sagt Schumann. „Das Pfeifen warnt sie.“ Die Schafe hätten mit der Zeit gelernt, dass nach dem Pfiff Hund Tascha kommt und sie zusammen auf eine andere Weidestelle treibt. Keines der Tiere soll dabei ausscheren. Jeder Schäfer habe seine eigenen Laute oder Rufe, sagt Schumann.

Doch die Vielfalt wird immer weniger, da es immer weniger Schäfer in Deutschland gibt. Von dem Beruf allein können nur die wenigsten leben.

Christoph Schumann hat Glück. Der 27-Jährige arbeitet bei dem Ihlower Landwirtschaftsbetrieb Ulf Brieger und braucht keinen Nebenjob. Dem Unternehmen geht es gut. Allerdings auch, weil einige Lämmer für die Schlachterei gezüchtet werden. „Wenn der Lkw zum Abholen kommt, das ist schon nicht leicht“, sagt er. Aber es seien nun einmal Nutztiere. Die einen sterben, damit die anderen leben können.

Schumann fährt Tascha mit den Fingern durchs Fell und erzählt, warum Schafzucht so wichtig sei. „Alle profitieren“, sagt er. Die Landwirte, weil die Tiere zum einen das Unkraut verbeißen, mit ihrem Kot das Feld düngen und so den Wachstum der neuen Erntefrucht fördern und die Grasnarbe wieder festtreten. Und die Schafe, weil sie pausenlos fressen können. „Pflanzen schmecken wie Sahnebonbons“, sagt Schumann mit einer solchen Überzeugung, als hätte er es selbst probiert. Die Tiere würden einfach nicht genug bekommen, fressen immer weiter. „Du denkst die platzen irgendwann.“ Besonders bei Raps müsse Schumann tatsächlich aufpassen. Denn fressen die Tiere zu viel von den Pflanzen, könne es zu einer Eiweißvergiftung kommen und die Tiere ersticken.

Etwas Schöneres als Schafe zu hüten, kann Schumann sich heute kaum noch vorstellen. Zwar hatte er schon immer eigene Schafe, sein erstes bekam er im Alter von sechs Jahren geschenkt, doch sah es zunächst nicht danach aus, Schäfer zu werden. Schumann ist gelernter Steinmetz. Aber nachdem eine Steinplatte ihm das Handgelenk zertrümmerte, musste er sich neu orientieren. Erzieher wollte er werden. „Und irgendwie bin ich das ja jetzt auch“, sagt Schumann und lächelt.

Von morgens sieben Uhr bis abends 22 Uhr ist er mit den Tieren unterwegs. Bei Wind und Wetter. Immer draußen. Die Witterung macht ihm nichts aus. Selbst bei starkem Regen zieht er sich oft keine Regenkleidung über. Zu unbequem, zu unbeweglich, findet er. Schumann schwört auf Sachen der Bundeswehr. Die halten so einiger Witterung stand. Doch die Mücken, die jetzt nach dem Regenguss dicht über dem Acker schwirren, dringen selbst durch die dicke Kleidung. Schumann bleibt dennoch ganz ruhig. „Einfach nicht anfangen zu kratzen“, lautet sein einfacher Tipp. Er steht weiterhin reglos auf dem Feld bei Metzdorf, stützt sich auf den Stock und beobachtet seine Schafherde.

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