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Kleines Dorf mit großer Kirche

Nadja Voigt / 05.02.2011, 08:46 Uhr
Kunersdorf (In House) Das Ende des Zweiten Weltkrieges jährt sich zum 66. Mal. Im Bombenhagel während der Schlacht um die Seelower Höhen und des Marsches auf Berlin wurden in der Region mehr als 30 Kirchen zerstört. Zu den Kirchengemeinden, die noch heute Notkirchen oder Ersatzbauten nutzen, gehört auch die von Kunersdorf.

Nur das Pfarrhaus und der heutige Musenhof in Kunersdorf blieben von den Zerstörungen im April 1945 verschont. Die Märkischen Gutshäuser aus den Jahren 1704 und 1774 sowie die 1777 erneuerte Kirche waren völlig ausgebrannt. Auch die Kirchenbücher, das Taufbecken, der Abendmahlskelch und weitere Stücke aus dem Sakralbau gingen für immer verloren. „Und was der Krieg nicht völlig zerstörte, fiel dem Hochwasser 1947 zum Opfer“, erzählt Erdmute Rudolf. Sie ist Mitglied im Gemeinderat und Kirchenälteste. Seit 15 Jah-
ren wohnt sie im Pfarrhaus zur Miete und hat sich intensiv mit der Geschichte des Dorfes und seiner Kirche auseinandergesetzt.

Denn nur einem glücklichen Umstand und vor allem der Initiative der Kunersdorfer ist es zu verdanken, dass es im Ort wieder ein Gotteshaus gibt – wenn auch nicht an historischer Stelle, sondern an der durch Gräber nicht beanspruchten Mitte des Friedhofs. „Die Ruinen der Gutshäuser und der Kirche wurden abgetragen und die Ziegel zum Bau weiterverwendet“, berichtet Erdmute Rudolf. Denn nach dem Krieg lebten viele Flüchtlinge in Kunersdorf, die meisten Häuser jedoch waren in den letzten Kriegstagen zerstört worden.

„Dennoch war es den Bewohnern, darunter Katholiken und Protestanten, wichtig, wieder eine Kirche zu haben“, so die 77-Jährige. Notdürftig wurden im Pfarrhaus nach 1945 Gottesdienste, Trauungen, Taufen und der Konfirmanden-Unterricht abgehalten. „Die ersten beiden Pfarrer nach dem Krieg bewohnten mit ihren Familien nur ein Zimmer im Pfarrhaus. Der Rest war von zeitweilig an bis zu zehn Flüchtlingsfamilien vermietet“, erzählt die heutige Bewohnerin des Hauses. „Doch die Leute wollten wieder eine Kirche haben. Und dass, obwohl sie eigentlich weder Material noch Möglichkeiten hatten.“

So wurde das Problem an die Kirchenleitung in Berlin herangetragen und fiel dort auf fruchtbaren Boden, wie Erdmute Rudolf berichtet. Bis heute sei nicht ganz sicher, warum die Gemeinde Kunersdorf als erste und einzige im Oderbruch 1949 eine Baugenehmigung für den Kirchenneubau erhielt. Nach den Plänen von Curt Steinberg wurde 1950 mit dem Bau begonnen. Fotos dokumentieren die beschwerliche Arbeit der sogenannten Neubürger, die Baumaterialien aus der Ziegelei in Neuendorf bei Oderberg heranschafften.

Nur mit Mitteln der Kirche, durch Bauholzspenden und Eigenleistungen der Bürger bzw. deren finanzielle Spenden wuchs das Bauprojekt stetig. „Manche Leute sind in den Listen mit einer Spende von einer Mark oder 50 Pfennig vermerkt“, sagt Erdmute Rudolf gerührt. „Es ist erstaunlich, wie es die Bürger dieses kleinen Dorfes, die unter sehr ärmlichen Bedingungen lebten, es geschafft haben, diesen Bau mitzutragen.“

Auch der plötzliche Einzug der Baugenehmigung 1952 konnte die Kunersdorfer nicht schrecken. Zwar stand die Kirche ein Jahr als Rohbau im Ort, 1953 konnten die Arbeiten dann jedoch wieder aufgenommen werden. Doch selbst bei der Einweihung im Jahr 1955 war der Sakralbau noch eingerüstet, wie alte Fotos in der Kirche heute den Besuchern zeigen.

Zu Pfingsten konnten der damalige Bischof Dibelius und Pfarrer Herche die von Architekt Gerhard Bischof aus Bad Freienwalde und der Firma Christoph aus Wriezen fertiggestellte Kirche einweihen. Etwa 2000 Besucher zählt das Kirchenensemble mit den dazugehörigen Grabdenkmälern der Familien von Lestwitz, von Itzenplitz und von Oppen 
heute jährlich.

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