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Grenzgänger Adelbert von Chamisso: Ungeahnte Verflechtungen

Die neue Vorsitzende des Chamisso-Gesellschaft Jutta Weber (l.) und Margot Prust, Chefin des Kunersdorfer Musenhofes, hier im Gespräch mit René-Marc Pille aus Paris, dem neuen Vorstandsmitglied der Gesellschaft.
Die neue Vorsitzende des Chamisso-Gesellschaft Jutta Weber (l.) und Margot Prust, Chefin des Kunersdorfer Musenhofes, hier im Gespräch mit René-Marc Pille aus Paris, dem neuen Vorstandsmitglied der Gesellschaft. © Foto: MOZ/ Silvia Fichtner
Silvia Fichtner / 29.05.2011, 19:17 Uhr
Kunersdorf (In House) In 34 Kästen stapelt sich ein Leben – Aufzeichnungen aus der Schulzeit, Gedichte, Familienbriefe, Zettel mit Bemerkungen für ein hawaiisches Wörterbuch, botanische Notizen und Zeichnungen, alte Mappen, Umschläge ... Es ist das Leben von Adelbert von Chamisso (1781–1831), der auf Schloss Boncourt in der Champagne geboren wurde und in Berlin starb, das sich in diesen Kästen findet, die in der Staatsbibliothek zu Berlin stehen und darauf warten, dass sich endlich jemand dafür interessiert, den Nachlass wissenschaftlich aufzuarbeiten.Das könnte die weltweit einzige Chamisso-Gesellschaft befördern, die, im vergangenen Jahr gegründet, ihren Sitz in Kunersdorf hat, wo Chamissos bekanntestes literarisches Werk entstand: „Peter Schlemihls wunderbare Reise“.

„Der Nachlass Chamissos ist nicht nur einer der bedeutendsten der Staatsbibliothek zu Berlin, sondern ein Kosmos“, betont die Leiterin der Handschriftenabteilung, Jutta Weber, die am Sonnabend in Kunersdorf auf der Mitgliederversammlung zur neuen Vorsitzenden der Chamisso-Gesellschaft gewählt worden ist. Sie folgte Beatrix Langner, der Autorin einer wunderbaren Chamisso-Biografie, die noch vor der neuen Wahl zurücktrat, weil sie andere Vorstellungen von der Profilierung der Gesellschaft hat als die Mehrheit der Mitglieder.

Jutta Weber sieht die Gesellschaft als einen Ort, sich „der wissenschaftlichen Grundlagen zu besinnen, um nah an das Leben und Werk Chamissos heranzukommen. Denn während das literarische Werk immer wieder veröffentlicht wurde, ist weder seine umfangreiche Korrespondenz noch sein naturwissenschaftliches Vermächtnis befriedigend erschlossen.“ Dennoch sollten, so wünscht sich die neue Vorsitzende, die Gesellschaft und das nun auf dem Kunersdorfer Musenhof etablierte Chamisso-Literaturhaus vor allem das Erlebnis Chamisso für Leute schaffen, die sich mit dem bedeutenden Dichter und Naturforscher nicht nur auf wissenschaftliche Weise auseinandersetzen, sondern sich ihm auf populäre Art nähern. Ein Schritt dazu ist die Chamisso-Ausstellung, die ebenfalls am Sonnabend für jedermann eröffnet wurde.

Seit dem Gründungstag stößt die Gesellschaft auf internationales Interesse, was sich in der engagierten Mitgliederschaft zeigt. Eingereiht hat sich darin am Sonnabend René-Marc Pille, Professor für deutsche Literatur- und Kulturgeschichte an der Université Paris 8, der nun im Vorstand der Gesellschaft mitwirkt.

Pille wird am 8. Juni in Paris eine internationale Chamisso-Konferenz mit seinem Vortrag „Der Dichter aus der Fremde: Chamisso als literarischer Grenzgänger“ eröffnen. Das Wort Grenze, so führt der Literaturforscher vergnüglich zur Kunersdorfer Ausstellungseröffnung aus, sei eine Eindeutschung von Granica und bis zum 16. Jahrhundert auf ostelbische Dialekte beschränkt gewesen. „In diesen Gebieten hat also das Deutsche auf die Sprache des Anderen zurückgegriffen... Erst durch Luthers Bibelübersetzung drang das Wort Grenze allmählich in den deutschsprachigen Raum. Die Wortherkunft macht bewusst, wie die Beziehungen zwischen den Kulturen zu ungeahnten Verflechtungen führen können“, so Pille. Und ist damit zutiefst Chamisso, den die Franzosen als Deutschen beschimpften und die Deutschen als Franzosen, wenn es ihnen in den Kram passte, und der auf der Flucht vor den beiden verfeindeten Parteien 1813 Unterschlupf auf dem Kunersdorfer Gut des Grafen von Itzenplitz fand, wo er seine berühmte Geschichte über den Mann ohne Schatten schrieb.

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