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Olympiateilnehmerin von 1936 Ilse Dörffeldt unterrichtete in Banzendorf

crs / 05.08.2011, 06:13 Uhr - Aktualisiert 05.08.2011, 06:13
banzendorf (crs) Banzendorf (crs) - Bei den Olympischen Spielen 1936 war die Goldmedaille in der 4x100-Meter-Staffel der Frauen fest eingeplant. Doch es kam anders: Ilse Dörffeldt ließ den Staffelstab fallen.

Am 9. August 1936 hielten 100.000 Menschen im Berliner Olympiastadion die Luft an. Ihre Lokalmatadorin, die Charlottenburgerin Ilse Dörffeldt, ließ den Staffelstab fallen. Das sicher geglaubte Gold über 4-mal-100-Meter-Sprint – es war futsch. 56 Jahre später ist alles auf dem Friedhof von Banzendorf still. Keine Menschenseele ist zu sehen. Anneliese Karger betritt die Gräberstätte und wundert sich. Sie ist gekommen, um der Beisetzung ihrer Lehrerin beizuwohnen. „Ich habe gedacht, die ganze Gemeinde ist da“, sagt Karger. Doch das Begräbnis ist verschoben worden. Die Pfarrerin hatte festgestellt, dass aus Berlin eine Schachtel ohne Inhalt ankam, erinnert sich Karger: Keine Urne, keine Asche. Die Beisetzung war ausgefallen. „Es gab ja kein Telefon damals und wir wussten vor unserer weiten Anreise nichts davon“, so Karger. Also musste sie wieder kehrt machen, ohne Abschied nehmen zu können. Die Banzendorfer Lehrerin, die da beerdigt werden sollte, war keine Geringere als jene Staffel-Schlussläuferin, die 1936 den Stab aus der Hand gab – und damit Gold.

Die einstige Schülerin Anneliese Wegemund, heute Karger, kann sich noch erinnern, wie „Fräulein Dörffeldt“ den Mädchen und Jungen in der Klasse von der Geschichte erzählte. Auch dem Gildenhaller Bruno Rasche ist sie noch im Ohr. Das damalige „Mißgeschick“, wie es die Lindower Zeitung am 10.August 1936 in ihrem Bericht nannte, war kein Geheimnis. „Ich habe das damals aber als gar nicht so bedeutend empfunden“, sagt er heute. Ilse Dörffeldt war eine Klassenlehrerin, „vor der man großen Respekt hatte“ – das habe sich ihm mehr eingebrannt. „Am dörflichen Leben hat sie rege teilgenommen“, sagt Rasche. So hat sie die Kinder nicht nur im Deutsch-, Geschichts- oder Sportunterricht unter ihre Fittiche genommen. Gern und häufig animierte Dörffeldt sie, aufs Rad zu steigen und zum See zu fahren, um schwimmen zu gehen. Damals war es gar nicht selbstverständlich, dass Kinder in Rasches Alter sich spielerisch über Wasser halten konnten. „Einmal“, so erzählt der Gildenhaller, „da waren wir am See auf einer grünen Wiese.“ Da sei der Inhaber des Grünstreifens gekommen. Der habe die Gruppe vertreiben wollen, aber Ilse Dörffeldt habe sich ihm in resoluter Manier entgegengestellt. Dabei sei der Mann „mit einem Stock“ bewaffnet gewesen. „Es ist zum Handgemenge gekommen und sie hat wohl etwas abgekriegt“, so Rasche. „Aber er musste ihr danach vor versammelter Schule bei ihr für diesen Vorfall um Entschuldigung bitten.“ Der einstigen Hindenbergerin Anneliese Karger ist dieser Vorfall auch bestens in Erinnerung: „Ein kleiner, dicker“, umschrieb sie den Mann. „Und der Knüppel war auch so“, fügt sie verschmitzt hinzu.Karger hat nur die besten Erinnerungen an Dörffeldt: „Sie war eine sehr gute und kluge Lehrerin und verfügte über ein kolossales Wissen.“

Der Geschichtsunterricht war ihr wegen Fräulein Dörffeldt sehr ans Herz gewachsen: „Sie hat es verstanden, uns für Themen zu begeistern.“ Fräulein genannt zu werden: „Darauf legte sie viel Wert“, betont Karger. Ilse Dörffeldt war nie verheiratet, lebte mit ihrer ebenfalls unverheirateten Schwester Gertrud, die alle nur Mäckie nannten, bei ihrer Mutter, die in Banzendorf verstarb. In Banzendorf war Ilse Dörffeldt – auch nach der Schließung der Schule Mitte der fünfziger Jahre, die den Umzug Dörffeldts nach Karlshorst nach sich zog – noch häufig zu Gast. „Sie hatte eine enge Beziehung zur Familie Kloy“, erzählt Arno Müller. Eine Tochter dieser Familie war es auch, die den Wunsch umzusetzen hatte, dass Ilse Dörffeldt nach ihrem Tod neben ihrer Mutter beigesetzt werde – auf dem Banzendorfer Friedhof. Doch dass sie da überhaupt begraben liebt, erkennt keiner mehr.

Auf dem Grabstein ist nur der Name von Marie Dörffeldt, geborene Nagel, eingraviert – der der Tochter nicht. Sie hatten schließlich auch keine Verwandten mehr. Zwei Lebensbäume haben den Grabstein so in die Wachstumszange genommen, dass nicht mal mehr der Name der Mutter deutlich wird. Kloys sollen sich 1992 um die Beisetzung gekümmert haben. Von ihnen hatte Karger auch die eingangs erwähnte Geschichte mit der verschwundenen Urne erfahren. Der Blick ins Begräbnisbuch lässt keine Aufschlüsse zu, ob die Beisetzung nachgeholt oder doch in Berlin vollzogen wurde. „Das ist schon komisch“, sagt Pfarrer Baum bei der Lektüre an der Stelle aus dem Jahr 1992: Gestorben am 12.September, eingeäschert in Treptow, keine kirchliche Bestattung – das ist vermerkt, auch der Kirchhof Banzendorf, offenbar als Begräbnisort. „Aber ein Datum steht dazu nicht drin“, sagt Baum beim Blättern. „Eigentlich gehört’s da rein.“ Nur Erhard Mewes ist sich sicher, dass Dörffeldts Asche in Banzendorfer Erde bestattet ist. „Ich habe die Urne ja selbst hingetragen“, sagt er, damals Kirchenältester des Dorfes. Doch warum keiner das Datum notiert hat, wo doch die Erinnerung so rasch verblasst – er kann es sich auch nicht erklären.

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