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Jörg Stutzke 15.09.2015 20:24 Uhr
Red. Bernau, bernau-red@moz.de

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"So schön war Laufen noch nie!"

Bernau (MOZ) Die größte Laufveranstaltung des Barnims hat auch in diesem Jahr alle in ihren Bann gezogen. Über 1200 Starter und ein deutscher Rekord stehen zu Buche bei den "24 Stunden von Bernau". Jörg Stutzke war bei dem Spektakel im Stadtpark mit dabei.

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Und los geht's. Ob "Last Pankow Hereos", "Dachse auf Achse" oder "Schleichende Halunken" - in den Staffeln macht das Laufen gleich doppelt Spaß, denn hier steht Gemeinschaftsgefühl an erster Stelle.

© MOZ/Sergej Scheibe

Sonnabend, 14 Uhr: Startschuss. Die Staffeln schicken traditionell wohldurchdacht den jeweils ersten einer langen Reihe ins Rennen. Eine Auszeichnung. Oftmals ist es ein sportlicher Erfolg oder ein besonderes Engagement, das belohnt werden soll. Deshalb sieht man auf dem Startfoto auch ganz vorn Lars Wolter und Blanca Dörfel.

Sonntag, 14 Uhr: Der letzte Läufer ist im Ziel. Wieder wurde lange gesucht und bei allen gefunden - der letzte Läufer, eine besondere Ehre. Es ist zumeist nicht mehr entscheidend, die Runden sind gelaufen, das Fest geht zu Ende. Es ist aber ein symbolischer Akt. Die Bernauer Lauffreunde haben keine Mühe gescheut und ihren Veteranen im besten Wortsinne für diese Aufgabe erwählt: Horst Rühl übernahm kaum zehn Minuten vor der Schlusssirene die Fahne - im wahrsten Wortsinne, und brachte sie pünktlich in das Festgelände zurück. Horst steht im 86. Lebensjahr, ist bei vielen Läufen am Start, begnügt sich zumeist mit den Distanzen bis 12 Kilometer. Ich habe noch nie erlebt, dass er als letzter im Ziel ankam. Aber auch das wäre egal. Ein laufendes Vorbild.

24 Stunden Laufen ist eine große Herausforderung. Die meisten Einzelstarter schaffen das nicht. Sie machen Pausen, sie gehen einige Runden. Einige gehen durchweg und kommen damit dennoch auf erstaunliche Wegeleistungen. Es wird auch geschlafen, von vielen. Einige wenige schaffen in Tagesfrist mehr als 100 Meilen, in diesem Jahr acht Sportfreunde. Doch Laufen bemisst sich hier nicht nach Metern und Sekunden, es sind andere Gesetze im Feld der Ultras (so nennen sich Läufer, die weiter als Marathon laufen). "Warte, ich komme gleich..." - hört man schon mal, es bilden sich kleine Gemeinschaften. Man läuft zusammen, miteinander. Und ja, man leidet auch. Gelegentlich ist das deutlich zu sehen. Die älteste Frau im Feld ist Sigrid Eichner, im 75. Lebensjahr stehend. Wenn sie läuft, sagen viele "Schaut nicht gut aus!". Stimmt gelegentlich. Sie könnte an der Körperspannung arbeiten ..... aber: sie läuft. Und sie läuft wahrlich nicht schlecht: fast 150 Kilometer durch den Bernauer Stadtpark, so manch ambitionierter jüngerer ist an dieser Marke gescheitert. Ach ja - diese Leistung ist deutscher Rekord im 24h-Lauf der Altersklasse W 75.

Sonnabend, 16.45 Uhr: Ein bekanntes Gesicht, Schüler von mir. Gerade von der Strecke runter, erschöpft. Strahlt. "Herr Stutzke, so schön war laufen noch nie!". Ich zweifle an meinem Unterricht. Aber nur kurz, erfreue mich an der Begeisterung der Grundschüler. Die Schulgruppen der Schönower und Zepernicker, der Robinsons und der evangelischen Grundschule veranstalten - sorry! - einen Höllenlärm. Gut so, Gemeinschaften entstehen, Leidenschaft kann gut sein. Vielleicht haben wir einen Spitzenläufer der Zukunft gesehen. So wie vor einigen Jahren Richard, Fabian oder Jacob, alle jetzt an Sportschulen unterwegs.

Sonnabend, 19.30 Uhr: Gespräch am Versorgungsstand, irgendwo zwischen Radiergummiliga und LG Nord Berlin. "Marion, womit machst du denn die Brote?" - "Mit viel Liebe!" kommt die prompte Antwort der Angesprochenen. Auch so eine Sache. Ein solcher Lauf, ob Staffel oder allein, geht ohne Helfer gar nicht.

Sonntag, 4.45 Uhr: Andreas Rumpelt geht es nicht gut. Seine Freundin und Physiotherapeutin versorgt sein linkes Bein. Das Schienbein, oft das schwächste Glied der Kette im Ultraläuferdasein. Es wird nicht viel helfen, aber er kämpft sich auf die Strecke zurück. Für 155 Kilometer insgesamt. Silke Stutzke geht es besser. Sie kann durchweg auf der Strecke bleiben, wird am Ende den dritten Rang mit knapp 163 Kilometern zu feiern haben. Beim achten Anlauf in Bernau das achte Mal mehr als 150 Kilometer. Vielleicht der Heimvorteil, vielleicht die Erfahrung. Die besten Barnimer Einzelstarter waren sie damit aber beide.

Sonntag, 9 Uhr: Das Staffelrennen ist auf dem Höhepunkt. Alle haben ihre letzten Reserven eingeflogen. Es geht um persönlich schnellste Runden, um die Teamleistung "Voriges Jahr hatten wir 162 Runden, das soll mehr werden...!", es geht auch um kleine freundschaftliche Duelle "Die Pankower bekommen wir noch ...". Es geht aber zuallererst um Zusammengehörigkeit und um Spaß.

Sonntag 13.30 Uhr: Es wird laut. Die Zepernicker "Trombösen" geben mächtig Zunder. Kaum einer, der jetzt läuft, wagt den Schongang. "Einen Beifall bitte für Kerstin Fenzlein, die Siegerin der 24h von Bernau!", "Begrüßt mit mir nochmals Pascal Legrangem, den Männersieger des Tages mit 195km!", "Schaut hin, dieser Mann ist wirklich 86 Jahre alt!"... Der Zielbereich ist so eng mit Menschen gefüllt wie die letzten Meter bei Alpe de Huez. Man hat Angst, die Läufer kommen nicht mehr durch. Schließlich dröhnt die Sirene des Teamwagens der Bernauer Lauprobe durch den Stadtpark - vorbei. Freude, Erschöpfung, Glückwünsche, Umarmungen, Ruhe.

Und wo sind die Ergebnisse? Wer sie lesen möchte, schaut auf die Seite der Bernauer Lauffreunde. Der Lauf von Bernau lebt nur am Rande von den Zahlen, es ist ein Lauf der Gemeinschaft. Es ist im besten Sinne olympischer Sport. Zum Glück aber nicht nur alle vier Jahre.

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