DDR-Architektur: Das Dresdner Centrum-Warenhaus vor dem Abriss
Frankfurt (Oder) (MOZ) Das vergangene Wochenende machte noch einmal deutlich: Dresden tut alles, um sich als historisierendes Elb-Florenz zu präsentieren. Neben wieder errichteter Frauenkirche, Zwinger, Semper-Oper und Residenzschloss baut zwar auch die Avantgarde, bleibt aber trotz großer Namen unspektakulär. Vergessen, weil verdrängt und zunichte gemacht aber wird in der sächsischen Landeshauptstadt die Ostmoderne aus den 50er, 60er und 70er Jahren. Jüngstes Opfer ist das Centrum-Warenhaus.
Dass neben Barockwerken auch die Avantgarde in Dresden gebaut hat und baut, wird gern vergessen: Der Reichstagskuppel-Architekt Sir Norman Foster baut an der Elbe gerade den Hauptbahnhof um, Günter Behnisch hat ein Gymnasium, das Wiener Dekonstruktivisten-Duo Coop Himmelblau ein Kino gebaut. Dazu kommt Peter Kulkas Landtags-Neubau, die Aufsehen erregende Synagoge - das alles steht auf der Haben-Seite.
Als 1960 das Kaufhaus Schocken von der Stadt Stuttgart zum Abriss freigegeben wurde, erhob sich weit über die Grenzen der Stadt hinaus Protest. Kopfschüttelnd, ja wütend musste man akzeptieren, dass damit allen Protesten zum Trotz ein architektonischer Solitär vernichtet wurde, den 1930 der Architekt Erich Mendelsohn errichtet hatte. Mag sein, dass in der Historie der sächsischen Landeshauptstadt alsbald ein ähnliches Kapitel aufgeschlagen wird, steht dort doch der Abriss des legendären "Silberwürfels" an, des Centrum-Kaufhauses, das Ende der 70er Jahre fertig gestellt wurde und das seinen Spitznamen seiner Fassade verdankt, in der aus eloxiertem Aluminium glänzende Nasen herausspringen. Der Bau, ein herausragender Vertreter der Ostmoderne, ist in mehrfacher Hinsicht erhaltenswert: Zum einen schließt er auf bemerkenswerte Weise die Prager Straße ab, zum zweiten ist er ein markanter Bau der Stadt, und schließlich handelt es sich mit dem Gebäude auch um ein besonderes Beispiel der Warenhaus-Architektur.
Die Karstadt-Gruppe, der die Immobilie gehört, will das Denkmal, dem die zuständige Behörde den allseits geforderten Schutz verweigert, abreißen lassen, um dort ein weitaus größeres Waren-Umschlagzentrum zu errichten. Um das 52 000-Quadratmeter-Geschäft bauen zu können, wird auch noch das benachbarte Gebäude des früheren "Restaurant International" geschleift. Die Prager Straße, einst eine der ersten Fußgängerzonen in Deutschland, wird damit - und das ist der zweite Skandal - weiter zerstört.
Eigentlich, so meinen Architekturhistoriker, gehört das gesamte Ensemble unter Denkmalschutz. Stattdessen aber hat man nach der Wende in diesem innerstädtischen Ruhepunkt Laubengänge und Pavillons demontiert, die legendäre Brunnenanlage, in der die metallenen Wasserplastiken kreisrunde Pusteblumen entstehen ließen, reduziert und also beschädigt. Und nun werden Abriss und Neubau des Kaufhauses auch die Sichtbeziehung zwischen Külz-Ring und Hauptbahnhof blockieren: Das neue Karstadt wird das Stadtbild dominieren.
Das Stadtbild verschandelt, ein Architektur-Denkmal vor der Zerstörung - die Dresdner haben da in den letzten Jahren einige Erfahrungen gesammelt. Den Kulturpalast am Dresdner Altmarkt sollte Hans Kollhoff - der am Potsdamer Platz in Berlin das Daimler-Chrysler-Gebäude baute - mit einer riesigen Überbauung verschwinden lassen, den markanten Bau der Ostmoderne hinter historisierenden Arkadengängen verstecken, was aber zunächst - nicht zuletzt aus Geldmangel - verhindert werden konnte. Und das Rundkino, ein weiteres originelles wie seltene Architekturqualitäten aufweisendes Bauwerk der DDR-Historie, gammelt seit dem Elbe-Hochwasser leer stehend mit ungewisser Zukunft vor sich hin.
Dieser Mangel an Respekt vor dem architektonischen Erbe Ostdeutschlands ist kein Dresdner Spezifikum. Ulrich Müthers legendäres Ahornblatt am Alexanderplatz wurde abgerissen, eine Betonkonstruktion, deren Schalen sich leicht und sanft wie Schmetterlingsflügel in Sichtweite des Fernsehturms niedergelassen hatten. Zu dessen Füßen wird das ehemalige Centrum-Kaufhaus am Alex vom Büro Kleihues umgebaut: Auch hier verschwindet die markante Fassade, die allerdings in einem Verbindungstrakt zumindest als Erinnerungszeichen aufbewahrt wird. Im Ortsteil Pankow, wo am Majakowskiring Walter Ulbricht, Otto Grotewohl, Wilhelm Pieck und Kulturminister Johannes R. Becher residierten, wird dem Quartier der Denkmalschutz verweigert, wird die schleichende Veränderung und Zerstörung zugelassen.
Der Abrisswut fallen auch Vergnügungsstätten zum Opfer: Das Café Moskau in der Karl-Marx-Allee rottet vor sich hin - Anfang der 60er Jahre entworfen, mit einem Fußboden aus russischem Marmor, ein Glaskubus mit Mosaiken, wie sie damals auch in Westdeutschland gepflegt wurden. Das Gebäude gilt ebenso als Qualitätsbau der Ostmoderne wie das "Stadion der Weltjugend" - das wurde bereits Anfang der 90er Jahre abgerissen.
Was in Dresden geschieht, so Architekturhistoriker wie Tobias Wolf aus Radebeul, der gerade über die Ostmoderne promoviert, sei allerdings - auch ohne alle nostalgischen Gefühle - einmalig. Ihm sei nicht bekannt, dass andernorts eine ganze Zeitschicht in so drastischer Weise aus dem Stadtbild verbannt werden solle. Vielleicht wird man in wenigen Jahren in der sächsischen Landeshauptstadt ähnlich reagieren wie in der baden-württembergischen. In Stuttgart, so heißt es, grämt man sich seit Jahrzehnten, damals dem Abbruch des legendären Kaufhauses Schocken zugestimmt zu haben.
Donnerstag, 03. November 2005 (16:19)








