MOZ-Serie Nachdenken über Frankfurt / TEIL 4

Frankfurt ist keine Messestadt
Michael Thieme, Geschäftsführer der Werbeagentur Publishers Medien Verlag, über Stadtmarketing



Mein Lieblingsort ist mein Arbeitsplatz. Da kann man schaffen, sich wundern, lernen, Zufriedenheit gewinnen. Aber es gibt noch mehr: unseren Freisitz in Booßen, das Auto, das Gewandhaus "dresscode" meiner Frau. Auch lasse ich kaum (Sitz-)Gelegenheiten zur Unterhaltung, am besten in gastronomischen Einrichtungen, aus. Und obwohl ich bei den Spielen des FHC-Bundesligateams keinen festen Platz habe, ist das als FHC-Manager dort auch mein Lieblingsplatz. Foto: MOZ/Dietmar Horn


Der Stadtbote will mit der Serie „Nachdenken über Frankfurt“ eine Debatte über Chancen der schrumpfenden Oderstadt anregen. Autoren werden aus ihrer persönlichen Sicht Anstöße für die Stadtentwicklung geben. Heute: Michael Thieme, Geschäftsführer der Werbeagentur Publishers Medien Verlag GmbH.

Auch wenn schon städtische wie EU-Mittel ausgegeben wurden: Frankfurt sollte neben Kleist- und Universitätsstadt keine weiteren Bezeichnungen führen. Nicht Messestadt, Solarstadt, Hansestadt, europäische Doppelstadt. Man kann einer und auch unserer Stadt nicht zu viel zumuten oder ihr Image gar aufblähen.



Leider gibt es für Frankfurt kein Stadtmarketing, aber mehrere Konzeptionen. Dafür wurde Geld verpulvert. Ergebnisse sind nicht sicht-, nicht spürbar. Unfassbar! Dabei legten vor zwei Jahren das Investorcenter und die Europa-Universität ein sehr gutes Stadtmarketing-Gerüst vor. Die Konzeptvorlage wurde bislang nicht genutzt. Schade! Ich wünsche für ein tatenreiches Stadtmarketing einen personellen Neuanfang. Aber bitte nie wieder auf dem üblichen Frankfurter Weg.

1. Beispiel: Es soll eine Stadtmarketing GmbH gegründet werden. Hinter den Kulissen plant der Pressesprecher der Verwaltung seinen Wechsel zum Geschäftsführer der neuen Gesellschaft. Seine überregionale Ausstrahlung mit Marketingideen ist bislang so sichtbar, wie das „Lichtspieltheater der Jugend“ der Oderstadt Filme zeigt. Die Besetzung des Geschäftsführerpostens mit ihm brächte wohl zudem die Werbeagentur seiner Freundin ins Geschäft. Der Wettbewerb um beste Ideen in und für Frankfurt wäre mal wieder ausgeschaltet.

2. Beispiel: Obgleich der Ruf Frankfurts unter dem Niveau der „Messen“ leidet, stellt die Führung der Messe- und Veranstaltungs GmbH fortwährend finanzielle Forderungen zur Aufrechterhaltung des unattraktiven Messeprogramms an die Stadt. Anstelle nach Jahren die profanen Verkaufsveranstaltungen durch tragfähige und für Frankfurt werbende Projekte ersatzlos zu streichen, werden den Frankfurter Bürgern und Besuchern weiterhin Schnitzer und Weinhändler als Aussteller angeboten. Der Begriff Messe erzeugt bei Auswärtigen eine Erwartungshaltung, die derzeit nur enttäuscht werden kann. Der neue MuV-Aufsichtsrat sollte schnell einen grundsätzlichen personellen Eignungstest durchführen, um Messen wirklich zu einem Aushängeschild Frankfurts werden zu lassen. Frankfurt ist und bleibt keine Messestadt!

3. Beispiel: Für die Bürger etwas nach „innen“ tun. Blitzer abbauen, die Politessen verteilen keine Knöllchen mehr, sondern sorgen sich um die Sauberkeit. Sie ertappen die Verschmutzer (von Hundescheißern, Grafitti-Sprayern bis Bierflaschen-Junkies und Kiddies mit Sternquell-Kasten) und zwingen diese, ihren Dreck selbst zu beseitigen.

4. Beispiel: Da unsere Stadt fast Pleite ist, plädiere ich für die Zwangsverwaltung, damit das Stadtparlament mit seinen Kleinkriegen und seinem zerstörerischen Tun mit dem Parteiproporz in Aufsichtsgremien und -räten für die kommenden zehn Jahre schweigen muss. Die Bürgerschaft musste 2000 zuschauen, wie die Stadt ihr Vermögen verkaufte, um sich zu entschulden. Zehn Jahre später betragen die Schulden wieder über 100 Millionen. Schulden zerstören Identität und bringen Imageverlust – machen handlungsunfähig.

Ich plädiere dafür, dass nicht ein Parteien- und Kandidatenkrieg zur Oberbürgermeisterwahl 2010 einen Falschen zum Oberhaupt macht – der dann nicht der „Diener“ für Stadt und Bürger ist. Frankfurt braucht einen Macher und Aufräumer. Einen Dienstleister! Künftig handeln die in den Rathausstuben sicher Beschäftigten dann nur für die Bürger und für die Unternehmen der Stadt. Das wäre allerfeinstes Stadtmarketing und Unternehmenspflege!

Ich erlebe: die Außen- oder Fremdsicht auf die Stadt in der Metropolenregion ist nicht negativ. Frankfurt ist unbedeutend, je ferner der Betrachtungsort. Strahlkraft und Schein sowie die Schatten der Hauptstadt sind groß. Stadtmarketing als Werbung für die Stadt muss unbedingt die Europa-Universität mit ihren 5000 Studenten als Botschafterin stärker nutzen und umfassend mit Ideen, Finanzen und Personal unterstützen. Die Aktivitäten der Universität auf einheimischem wie fremdem Terrain sind pures Stadtmarketing! Preiswerter geht nicht. Da haben auch Hans N. Weiler, Gesine Schwan und Gunter Pleuger als Präsidenten der Uni einen Topjob für Frankfurt gemacht und sind unbezahlbar. Genauso wäre es bei guter, erfolgreicher Politik. „Frankfurt ist aus Schulden raus“ – die Überschrift brächte bundesweit mehr Berichte als jede Kampagne. Vor allem die Frage: Wie haben die es geschafft?

Denn: Die Medien sind nicht Schuld am undefinierbaren Image der Stadt. Der Ruf ist außerhalb keineswegs miesmacherisch, eher verhalten, nie euphorisch oder bejahend. Das resultiert aus der mangelnden Dynamik. Die kann Stadtmarketing auch nicht vorgaukeln oder schaffen. Die Leute hier sind nicht schnarchig, allenfalls etwas distanziert, zu verwöhnt. Umland, Umwelt, sauberes Wasser, reine Luft, Uni, IHP, Klinikum, Brauerei, breite Kultur und beste Kunst, Spitzensport, Kamea-Disco bieten alles – inklusive der halbstündigen Pendelei nach Berlin.

Ich behaupte: Frankfurt braucht keine teuren Imagekampagnen in der Hauptstadt oder bundesweit. Frankfurt braucht auch keine mannshohen bunten Hähne. Wenn für 20 buntbemalte Gockeltiere soviel Kraft und Energie und zum Schluss auch noch weit über 100 000 Euro aus Einrichtungen und Betrieben aufgebracht werden konnten, dann muss künftig daraus mehr zu holen sein als eine Parade in der Bischofstraße. Das gewollte Wir-Gefühl wurde keineswegs erzeugt, geschweige denn potenziert. Mit den 100 000 Euro wäre für zwei Jahre eine gute Besucher- und Touristenwerbung für das Stadtfest „Bunter Hering“ im weiteren Umland möglich. Vielleicht lässt sich die Summe noch einmal bei Einrichtungen und Unternehmen aktivieren.

Ich sehe in der Idee „Frankfurt und Slubice als Doppelstadt“ einen Hohlpfad. Es gibt nichts Doppeltes. Wer nach Frankfurt kommt weiß, dass er auch ins EU-Land Polen gehen/fahren kann. Politische Sprache soll nicht in die Werbung einziehen, es sei denn als Text-Bild- oder Sprachwitz. Es ist Normalität wie in Aachen, zum Nachbarn zu fahren. Jede Information über die polnische Kleinstadt kann in Drucksachen und auf der Website integriert werden. Aber Doppelstadt hat doch nichts Anziehendes. Slubice ist nicht Sczeczin, Poznan oder Kraków. Wenn Slubice in den großen polnischen Städten um Touristen und Besucher für einen Tripp an die Oder wirbt/werben würde, sollte sich Frankfurt aber immer und großzügig finanziell und mit Ideen wie Informationen beteiligen.


Montag, 25. Mai 2009
 

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