MOZ-Serie Nachdenken über Frankfurt / TEIL 30
Stadt braucht Kulturmanagement
Carl-Alexander Mavridis, Student an der Europa-Universität, über Planung und Kontrolle von Angeboten
Mein Lieblingsplatz ... wäre das Lichtspieltheater der Jugend. Wie ein Denkmal der DDR-Geschichte steht es an prägnanter Stelle in der Stadt. Kulturmanagement könnte für eine Reaktivierung des alten Kinos sorgen. Anspruchsvolle Filme und Programme könnten dort gezeigt werden. Wenn noch ansprechende Gastronomie in das Kino integriert wäre, könnte die Verweildauer gesteigert und die Stadt auch abends mit Leben gefüllt werden. Fotos (2): MOZ/Dietmar Horn
Der Stadtbote will mit der Serie „Nachdenken über Frankfurt“ eine Debatte über Chancen der schrumpfenden Oderstadt anregen. Autoren werden aus ihrer persönlichen Sicht Anstöße für die Stadtentwicklung geben. Heute von Carl-Alexander Mavridis. Er studiert Kulturmanagement und Kulturtourismus an der Viadrina.
Kulturprogramme brauchen Kunst und Koordination. Und genau dies ist das Aufgabenfeld von Kulturmanagement, nämlich die Ermöglichung von Kunst. Während die künstlerische Leitung für den Inhalt der Darbietung verantwortlich ist, kümmert sich die Koordination um Planung und Kontrolle. Kulturmanagement allerdings erkennt die Bedeutung von beiden Teilen des Kulturbetriebs.
Ein tolles künstlerisches Programm ohne Zuschauer hat keine Legitimation – zumal, wenn es mit öffentlichen Geldern subventioniert wird. Ein volles Haus mit einem Programm ohne künstlerischen, intellektuellen Anspruch bedeutet bestenfalls gute Unterhaltung ohne Inhalt. Gerade aber der Auftrag zeichnet den Kulturbetrieb aus. Der künstlerische Anspruch ist Herzstück der Kultur.
In die Debatte um den Kulturentwicklungsplan für Frankfurt könnte Kulturmanagement einen wichtigen Beitrag leisten. Sparen allein, wie es diskutiert wird, ist keine Lösung, da dadurch in das Angebot eingegriffen und dieses zwangsläufig verkleinert wird. Vielmehr geht es darum, durch verbesserte Angebote mehr Kulturnutzer zu erreichen und somit mehr Einnahmen zu erwirtschaften. Kulturmanagement würde hier für neue Angebote sorgen und dafür auch eine Nachfrage entwickeln.
Dabei geht es keineswegs immer um „neue“ Angebote. Oftmals reicht einfach schon eine bessere Planung. Denn wenn, wie zur Transvocale im Kleist-Forum wie im November am Samstag geschehen, insgesamt vier Konzerte – jeweils zwei – gleichzeitig stattfinden, dafür am Sonntag gar kein einziges, dann ist die Planung mangelhaft. Dies zumal, wenn die Parallelkonzerte auch noch mäßig besucht werden. Kannibalisierung durch selbst gemachte Konkurrenz. Eine bessere Planung hätte auch zur Folge, dass die Eigeneinnahmen bei den Veranstaltungen steigen. Für drei volle Tage Kultur pur beim deutsch-polnischen Theaterfestival UNIthea sollte man mehr verlangen können als zehn Euro für die Dauerkarte.
Stichwort Kleist-Forum. Es ist ein Armutszeugnis für die Stadt, sich ein extravagantes Stadttheater als Gebäude zu leisten, dann aber für den Betrieb nicht einmal ein eigenes Ensemble engagieren zu können. Tatsächlich muss ein so großes Haus täglich bespielt werden und die Miete von eigenen Räumen schon im eigenen Interesse knapp kalkulieren, um auch fremden Veranstaltern Luft zum Atmen zu lassen. Was nützen hohe Mieten, wenn das Haus leer steht?
Wie ein Denkmal der DDR-Geschichte steht das Lichtspielhaus der Jugend an prägnanter Stelle in der Stadt. Tatsächlich könnte Kulturmanagement die Reaktivierung des Kinos bewerkstelligen und dafür sorgen, dass dort anspruchsvolle Filme und Programme angeboten werden. Wenn dann noch eine ansprechende Gastronomie in das Kino integriert wäre, könnte die Verweildauer gesteigert und somit die Stadt auch abends mit Leben gefüllt werden. Und die Straßenbahn hätte wieder mehr Fahrgäste zu transportieren. Ein zentrales Kino ist für eine Stadt wie Frankfurt jedenfalls zu wenig.
Das Staatsorchester verfügt über einen außergewöhnlichen Konzertsaal. Die ausgezeichnete Musik wird in dieser sakralen Architektur mit klarer Akustik zum Erlebnis, viel mehr, als es im Kleist Forum je sein könnte. Die Museumslandschaft ist für Frankfurt ein großer Schatz. Viadrina-Museum, Museum Junge Kunst und das Kleist-Museum sind hervorragende Lernorte. Allerdings zeigen sich bei Orchester und Museen gerade große Defizite bei Forschung und Präsentation.
Ein zentraler Text von Heinrich von Kleist ist sein Brief mit dem Titel „Von der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden“. Kulturmanagement könnte dafür sorgen, dass die einzelnen Kultureinrichtungen ins Gespräch kommen und Möglichkeiten der Kooperation finden. Es gilt ein Kulturnetzwerk Frankfurt zu gründen, welches auch die Politik einbindet. Dass die Bürgermeisterin am Grünen Tisch die städtischen Zuschüsse für UNIthea streicht, ohne mit den Kulturmachern zu sprechen, unterstreicht die Notwendigkeit für Kulturmanagement.
Beim gemeinsamen Gespräch können Gedanken zu Konzepten und Projekten umgewandelt und konkretisiert werden. Es könnte also so sein: Das Viadrina-Museum kooperiert mit der Viadrina-Universität und gemeinsam organisieren beide eine Sonderausstellung über Heinrich von Kleist als Student der Viadrina und als Bürger von Frankfurt allgemein. Das Kleist-Museum beteiligt sich und mit einer Schau über die literarischen Vorbilder von Kleist, vielleicht über den heute vergessenen Johann Friedrich von Cronegk.
Im vergangenen Jahr veranstaltete die Viadrina ihr zweites Viadrina Kulturmanagement Symposium zum Thema „Neue Impulse im Kulturtourismus“. Kooperationspartner war das Jüdische Museum in Berlin, so dass der zweite Tag des Kongresses in Berlin stattfand. Kulturtourismus ist aber auch für Frankfurt eine Chance, schließlich sind alle kulturellen Einrichtungen auch touristische Ziele. Was hindert uns daran, die nächste wissenschaftliche Tagung 2011 zum Kleist-Jahr im Kleist-Museum abzuhalten? Und das Staatsorchester steuert am Vorabend der Tagung ein Barockorchester bei. Auch Tagungsteilnehmer sind Touristen und dankbar für ein hochwertiges Kulturprogramm. Natürlich fehlt ein Restaurant in der Nähe für den schönen Ausklang nach dem Kulturgenuss und ein Hotel der 4-und 5-Sterne-Klasse. Und eine echte IC-Verbindung ohne Reservierungspflicht steht auch noch auf der Wunschliste. Mehr Erfolg durch Miteinander bedeutet also viel Arbeit für Kulturmanagement.
Montag, 11. Januar 2010







