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Kraft tanken für die schwere Zukunft

Eisenhüttenstadt . Fast einen ganzen Monat lang sind die 21 Kinder aus der weißrussischen Stadt Gomel nun in Eisenhüttenstadt. Sie sollen sich vom Alltag in ihrem durch die Reaktor-Katastrophe in Tschernobyl verseuchten Zuhause erholen und neue Kraft tanken. Die Initiative "Kinder von Tschernobyl" schenkt den gesundheitlich angeschlagenen Mädchen und Jungen bereits seit 1991 jährlich die Fahrt hierher. Nach einer Abschlussveranstaltung am kommenden Dienstag geht's Ende der Woche zurück nach Hause. Fürs nächste Jahr sucht die Initiative nun wieder neue Gastfamilien.

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In der Kita Sonnenhügel wird fieberhaft geprobt. Jede freie Minute nutzen die 21 Kinder aus Gomel in Weißrussland dazu, sich auf das Theaterspiel kommenden Dienstag vorzubereiten. Mit dem Stück "Tischlein deck dich!" und einem Liederprogramm wollen sie ihren Gasteltern und den Mitgliedern der Initiative "Kinder aus Tschernobyl" für den vergangenen Monat danken.

Fast jeden Tag ging es für sie zu einem anderen Ort in Eisenhüttenstadt und Umgebung. Zur Feuerwehr, bei der sie mit dem Schlauchboot auf dem Kanal herumschippern durften, mit den Förstern auf den Eisvogelpfad und an den Pohlitzer See oder zu den Tieren im Gehege auf der Insel.

Eines hat es den Kindern in der Zeit hier aber ganz besonders angetan: "Ich liebe das Schwimmbad", erzählt der siebenjährige Jegor. "So was gibt es bei uns nicht. Vor allem die Rutschen sind toll." Das bestätigt Vitalina sofort: "Ich war mit meinen Gasteltern fast jeden Abend schwimmen." Toll findet sie, dass es hier so viele Spielplätze gibt, auf denen sie mit ihrer Freundin Galina oft spielen war.

Seit drei Jahren ist Betreuerin Natascha Morosowa bei den Fahrten dabei. Die 32-jährige Deutsch- und Englischlehrerin an der Schule 47 in Gomel sieht zu Hause jeden Tag, wie die Kinder unter den Folgen der Reaktor-Katastrophe leiden müssen. "Einmal im Jahr müssen bei uns Eltern ein Attest über die Gesundheit ihrer Kinder abgeben. Wir wissen dadurch, dass 92 Prozent der Kinder unserer Schule chronisch krank sind." Die Strahlung schwächt das Immunsystem, die Kinder haben Asthma, Allergien, seien oft erkältet und nur sehr wenig belastbar. Im Frühling und im Herbst, wenn die Erkältungszeit herannaht, kämen nur etwa ein Drittel der Mädchen und Jungen zum Unterricht.

Darum ist die Weißrussin sehr froh über die kurze Auszeit, die sich die Schüler hier in Eisenhüttenstadt nehmen können: "Man merkt wirklich, dass es ihnen hier besser geht. Die frische Luft und die gesunde Ernährung helfen sehr." Außerdem würden die Kinder sich bei ihren Gasteltern sehr wohl fühlen. Etwas, das Vitalina nur bestätigen kann: "Ich bin mit meiner Gastmutter ganz oft in den Garten gefahren. Dort haben wir zusammen gespielt und das Obst und Gemüse gepflegt", erzählt sie lächelnd. In Gomel lebt die Elfjährige mit ihrer Mutter, deren Freund und ihrer kleinen Schwester in einem einzigen Zimmer einer Heimunterkunft.

Kinder und Eltern leiden in Weißrussland gleichermaßen unter den Strahlungsfolgen. Auch Natascha Morosowa kämpft jeden Tag gegen zwei unsichtbare Feinde: die Strahlung und die Ungewissheit. "Ich habe Angst davor, zum Arzt zu gehen", erzählt sie. Schließlich hätten viele um sie herum mit Krebs zu kämpfen. Auch einige der Kinder hier haben ihr zufolge Eltern, die unter der Krankheit leiden oder die ihr sogar schon zum Opfer gefallen sind. Gomel im südlichen Weißrussland liegt nur rund 100 Kilometer entfernt von Tschernobyl, wo 1986 der schwerste Reaktorunfall der Geschichte stattfand.

Damit auch in Zukunft Kinder aus der verstrahlten Stadt nach Eisenhüttenstadt geholt werden können, bittet die Initiative "Kinder von Tschernobyl" Familien, die die Schüler im nächsten Jahr aufnehmen wollen, darum sich zu melden. Momentan nehmen etwa 20 Familien aus Eisenhüttenstadt Kinder auf.

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