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Felix blättert mit Mama Melanie Kaiser in einem großen Buch. Der Fünfjährige sitzt am Dienstag im Wartezimmer des Gesundheitsamtes. Erst wenige Wochen vor dem Schulanfang wird er sechs. "Eigentlich finde ich das für die Einschulung noch ein bisschen früh", meint die Mutter. "Doch er ist einfach so weit, er will lernen, auch wenn er sonst noch sehr zapplig und bewegungshungrig ist." Das merkt man dem Jungen kaum an. Ruhig erklärt er, dass er sich auf die Schule freut und dort Schreiben lernen will. "Rechnen kann ich schon ein bisschen", sagt er und erklärt: "Fünf plus Fünf ist Zehn." Lea-Sophie, die mit Mutter Stephanie Handrick schon aus dem Sprechzimmer kommt, sagt sogar schon Mathe dazu. Sie freut sich auch darauf, ihre Bücher bald selbst lesen zu können. Zu Hause, aber auch in der Kita Rakete sei ihre Tochter gut auf die Schule vorbereitet worden, ist ihre Mutter überzeugt.
Als Felix nach Hör- und Sehtest später bei Kinderarzt Dr. Harald Rönitz und seiner jungen Kollegin Erden Echimeg sitzt, ist von Unruhe oder gar Zappelei nichts zu spüren. Vielleicht ein wenig leise, aber deutlich, benennt er alles, was er auf den gezeigten Bildern sieht, ob Strumpf, Sonnenschirm oder Zwerg. Und er kann auch zu Worten wie Maus oder Blatt die Mehrzahl bilden, weiß Steigerungsformen wie groß, größer am größten. Geschmunzelt wird, als er von viel über mehr zu am vielsten kommt. Doch auch da findet er nach einigem Überlegen noch das richtige Wort.
Harald Rönitz und seine Kollegin sind zufrieden. Und sie nehmen der Mutter die Sorge, dass ihr Kind vielleicht zu quirlig für die Schule sein könnte. Denn der Kinderarzt hat auch die Einschätzung der Kita-Erzieherin gelesen und meint, dass es keinen Grund gäbe, Felix vom Schulbeginn zurückzustellen. Überhaupt setzt der Mediziner sehr auf die Zusammenarbeit mit den Kindertagesstätten. "Die Erzieher dort kennen die Kinder sehr gut, haben ihre Entwicklung über einen langen Zeitraum verfolgt. Ich erlebe sie hier nur kurz", erklärt er. Es sei schon vorgekommen, dass ein Kind bei der Untersuchung gar nicht reden wollte. Deswegen allein könne er doch aber keine Rückstellung empfehlen.
Eine Entscheidung darüber fälle ohnehin die jeweilige Schulleitung. Die Amtsärzte arbeiten auch mit den Schulen eng zusammen. Denn allein mit der Empfehlung einer Zurückstellung sei es nicht getan. Wenn ein solcher Fall eintritt, werde stets auch mit Lehrern und Erziehern beraten, welche Förderung dem Kind in den folgenden Monaten zuteil werden sollte. Nach knapp der Hälfte aller untersuchten Schulanfänger kann Dr. Harald Rönitz noch nicht sagen, wie viele Rückstellungsemfehlungen er aussprechen wird. Bislang kann er keine Dramatik erkennen. Noch vor einigen Jahren lag Frankfurt, was Kinder mit Defiziten in der Sprach-, Wahrnehmungs- oder emotionalen Entwicklung betraf, oft über dem Landesdurchschnitt. Im vergangenen Jahr war die Zahl der empfohlenen Zurückstellungen gegenüber 2008 von 18 auf neun Prozent aller schulpflichtigen Kinder gesunken. Harald Rönitz hofft, dass diese Entwicklung anhält. Wenn er in wenigen Wochen in Rente geht, wird die junge Ärztin Erden Echimeg seine Arbeit fortsetzen.
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